Auf die Freizeitgesellschaft, die Spaßgesellschaft folgt übergangslos die Lähmungsgesellschaft: „Mehltau“. Es steht mir nicht an, diejenigen mit Häme zu bedenken, die sich in der Spaß- und Freizeitgesellschaft ausgetobt und auf das Vergnüglichste unterhalten haben. Allerdings sollten sie wissen, dass sie dies auf Kosten anderer getan haben. In einer entwickelten Gesellschaft schuften prinzipiell einige wenige hart für das Vergnügen der Mehrheit. Das Sprachorgan der „Mainstreamvergnügten“ und ihrer Entourage findet selbstverständlich eine größere Resonanz als dasjenige der zaghaften, vertrockneten aber hoch edlen Spielverderber. Die Woge der Begeisterung schwemmt üblicherweise jeden Widerstand hinweg. Jetzt aber herrscht Flaute. Die Rufe der Mahner und der Besserwisser sind lauter zu vernehmen, aber noch lauter ist der Wehlaut aus jedem einzelnen „Prielloch“ unserer derzeit geschundenen Existenz.
Warum hat sich keiner darum gekümmert, als es noch Zeit war, so seufzt so mancher. Warum hat es uns keiner gesagt? Warum haben die nichts getan? „Die“ ist das Synonym für die Schuldigen. Das ist auch gerecht, denn in guten Zeiten wie in schlechten Zeiten marschiert der Gerechte Seit’ an Seit’ mit den Unterdrückten. Aber wo ist der Schutzengel jetzt geblieben?
Freizeit futsch, Vergnügen futsch, Geld futsch, Konsum futsch und was nun? Die bleierne Müdigkeit senkt sich über das Land. Einer muss was tun – doch wer nur und nach welchem Plan? Wir haben längst aufgehört, uns und unserer Kraft zum Handeln zu vertrauen. Der Homo agens ist ein Störenfried. Wer nichts tut, tut nichts verkehrt. Wir warten ab. Wir warten Kriege ab. Wir warten Rezessionen ab. Wir warten Depressionen ab. Wir warten ab, bis andere etwas tun. Aber auch die, auf die wir so sehnsüchtig gewartet haben, meinen nichts tun zu können.
Zu filigran ist – nach Auffassung der Handlungsbereiten – das internationale Netz der fehlenden Möglichkeiten. Beruhigend ist die Perspektive, dass allen der Frohsinn vergangen ist, sie alle im gleichen Boot sitzen und auf den Messias warten. Das drohende Unheil von Rezession und Krieg schürt bei den einen die Lebensangst, bei den anderen die unbändige Gewissheit: So schlimm wird es ja nicht kommen. Am besten sind Krisen durch Sitzfleisch zu meistern. Der Mehltau senkt sich über das Land. In schwierigen Zeiten ist der tiefe Riss, der durch unsere Gesellschaft geht, deutlich sichtbar. Dem Einen oder Anderen fällt erstmalig auf, dass das tägliche Brot vielleicht doch keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine Gnade. Der Eine oder Andere begreift, dass er Verantwortung für sich und Andere trägt, unabhängig davon, ob Andere ihn in Anspruch nehmen oder nicht. Die Schuldzuweisung wird ihm nicht nützen. Mehltau liegt über dem Land. Wie fremd sind wir uns geblieben.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski