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Riten oder Rituale

Am 20. Mai 2010 hatte ich das Vergnügen, auf Einladung der Gottlieb-Daimler- und Karl-Benz-Stiftung einen Vortrag des Direktors der Abteilung für Neurophysiologie am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt/Main, Prof. Dr. Wolf Singer, zu seinem Thema „Ritual und Freiheit“ zu hören. Professor Singer wies darauf hin, dass ihm dieses Thema vorgegeben worden sei, er in Verbindung mit dem Begriff „Ritual“ von Freiheit nicht sprechen könne. Der Aspekt der Freiheit kam folglich in seinem Referat nicht vor. Auf der Suche nach Beantwortung der Frage, die er sich selbst stellte, wie sich Rituale entwickelt haben könnten, unterbreitete er den Gedanken, dass die Erkenntnis der Zeit ein bestimmendes Merkmal von Ritualen sei. In den Wiederholungen von Ritualen fixierten sich Gegenwart, aber auch Vergangenheit und Zukunft. Zur Illustration seines Vortrages ließ Professor Singer Fotos einspielen, die überwiegend Menschen zeigten, die sich im Zuge ritueller Spiele erhebliche Verletzungen beigebracht haben.

Mich ließ dieser eloquente Vortrag ratlos. Wurde die Frage nach dem Ritual und seinen Ursachen tatsächlich hinreichend geklärt? Das, was Professor Singer aufzeigte, schienen mir eher Riten zu sein, Verhaltensweisen, die die Zusammengehörigkeit eines Stammes oder Volkes dokumentieren, aber nicht in erster Linie von Wiederholungen bestimmt waren. Eine Zeitenkopplung konnte ich jedenfalls beim Versuch des Nachvollziehens dieser Gedanken nicht in erster Linie erleben. Alles scheint mir mit bestimmten Absichten zu geschehen. Die rituelle Beschneidung zum Beispiel dient dazu, die Ansteckungsgefahren durch Geschlechtskrankheiten zu vermindern. Die Beschneidung von jungen Mädchen soll ihre Lust dämpfen, mit anderen als mit dem eigenen Mann zu schlafen. Ich glaube, ähnliche Begründungen lassen sich fast für alle Riten dieser Welt finden. Sie sollen die Zugehörigkeit zu einem Volk durch ein rituelles Bündnis kräftigen. Wenn ich meiner Frau am Morgen die erste Tasse Kaffee ans Bett bringe, verspreche ich ihr meine ungebrochene Zuneigung, und zwar aus freien Stücken. Eine Versicherungsgeste, die sonst auch im Arbeitsleben und unter Freunden wirkt. Zeremonien und Rituale bestimmen unser soziales Leben und gewähren bei Einhaltung der Spielregeln Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten, die im Weigerungsfall dem Misstrauen und der Angst geopfert werden würden. Rituale lassen Kreativität und Schöpfungsmacht zu, sind die Inaugurationsriten in einer sich stets verändernden Gesellschaft, die dabei Angst macht. Direkt und indirekt hat alles mit der Zeit zu tun, aber die Verkoppelung von Zeit und Ritual als Bestimmungsmerkmal vermag ich nicht zu sehen. Die Zeit vollzieht sich in jedem Leben und wird wahrgenommen durch hell und dunkel, heiß und kalt und deren Addition. Im Ritual bekräftigen wir allenfalls unsere Einsicht in das Vorhandensein von Umständen, die wir nicht ändern können, aber aus Gründen des Selbstschutzes akzeptieren wollen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski