Schlagwort-Archive: Russland

Schwarzer Mann

Als ich mich in den 1990er Jahren erstmals, aber in der Folgezeit sehr häufig, in Russland aufhielt, wurde ich wiederholt von Einheimischen vor den „schwarzen Männern“ gewarnt. Diese Männer kämen von Außerhalb, zum Beispiel dem Kaukasus, seien unnahbar, kaltblütig, ggf. brutal. Ich bin ihnen in Städten wie St. Petersburg tatsächlich häufig begegnet und habe dabei beobachtet, dass sie mich und andere in der Regel nur dann wahrnehmen, wenn ihr Auftrag dies von ihnen verlangt. Sie saßen häufig in den Vorräumen von Restaurants und beobachteten mit stoischer Gelassenheit und Ruhe das ganze Geschehen.

Ihre körperliche Präsens aber war dennoch enorm und schaffte eine Atmosphäre des Respekts vor dem, was bei Übertretung ihrer Regeln zu erwarten sei. Die schwarzen Männer redeten wenig und verzogen selbst dann, wenn sie dies taten, kaum ihr Gesicht. Ein Lächeln kam nicht vor. Wenn man schwarzen Männern auf der Straße begegnete, sollte man ihnen lieber ausweichen, denn sie würden anderenfalls einfach durch einen hindurchgehen – oder über einen hinweg. Sie weichen nicht aus. Mit ihrer Entschlossenheit prägen die schwarzen Männer ein deutliches Kontrastbild zum warmherzigen, kulturell interessierten und hilfsbereiten Menschen.

Auf allen wunderbaren Festen und bei allen herzzerreißenden Begegnungen mit herrlich verrückten Menschen waren naheliegenderweise keine schwarzen Männer zugegen. Dies verrät aber nichts über eine angebliche Zerrissenheit des Landes, sondern darüber, dass auch in Russland – wie überall in der Welt – beides vorkommt: Kaltblütigkeit, stoischer Schrecken einerseits und Herzensgüte sowie Verständnis andererseits.

Putin hat schwarze Männer übrigens in die Ukraine geschickt. Dort führen sie seine Aufträge aus, bis sie wieder nach Russland zurückkehren und dort gleichmütig auf ihren nächsten Einsatz warten. Obwohl die meisten Menschen in Russland mit ihnen überhaupt nichts gemein haben, ist es allerdings schwierig, die Welt davon zu überzeugen, dass sie eigentlich nur friedlich leben wollen und sie diese sinnlose, aber grausame Selbstbeweihräucherung der schwarzen Männer abstößt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Corona-Virus

Eine lebenserfahrene Russin aus Sankt Petersburg hat mich darüber informiert, dass es sinnvoll sei, künftig orangefarbige Kleidung zu tragen, da das Corona-Virus diese Farbe nicht ausstehen kann. Wir lernen daraus, dass sich Probleme einfach lösen lassen, wenn man der passenden Farbe vertraut. Die Bhagwan-Anhänger sind eindeutig im Vorteil. Sannyasins holt eure Umhänge aus dem Schrank und ihr seid gerettet! Mein Aufruf verfängt.

Der Farbenschutz ist Gesprächsthema und bald werden nebst Mundschutz und Sterilisationsflüssigkeiten, auch Schuhe und Kleider in Orange nicht mehr zu haben sein. Wir erfahren, dass jede Seuche, jede Katastrophe oder auch nur Unannehmlichkeiten eine begleitende Geschichte benötigen, die uns wieder Hoffnung schöpfen lässt. Wir brauchen diese Hoffnung und die dazu passende Geschichte, da anderenfalls auch bei uns nichts mehr läuft. Fast alle Veranstaltungen wurden bisher abgesagt, Touristen bleiben weg und der Verkehr auf den Straßen wird nachlassen.

Wir verbessern unsere CO2-Bilanz, schlittern aber in die Rezession, wenn wir uns nicht zur richtigen Farbe bekennen. Deshalb sollten wir mutig sein und diese Pandemie als Auszeichnung für die Rettung unseres Planeten mit einer Verdienstplakette in Orange würdigen. Wir haben begriffen, dass wir alles tun müssen, um der Überbevölkerung Herr zu werden. Da Wissenschaftler nicht mit Hungersnöten rechnen und Kriege nicht mehr alles versprechen, was sie bieten, sind Pandemien naturgebotene Korrektive. Das erscheint nicht fair, da wir Menschen auf der westlichen Hemisphäre unseres Planeten nebst den Chinesen alles getan haben, um den Wohlstand der Menschen zu verbessern, die Lebensbedingungen zu optimieren und unserer Unsterblichkeit etwas näherzukommen.

Gibt es etwas, das wir übersehen haben? Gibt es etwas, das wir noch lernen müssen? Gibt es etwas, das sich bisher unserer Erfahrung entzog? Das wird sich dann zeigen, wenn sich herausstellen sollte, dass die lebenserfahrene Russin aus Sankt Petersburg doch nicht recht behalten sollte. Aber das ist natürlich unwahrscheinlich.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Identitär

Ich bin ich, denk´ ich mal. Ich kenne mich seit meiner Kindheit. Irgendwo zwischen Schwaben und Franken bin ich geboren und seit langem ein typischer Berliner, d. h. nicht von hier. Ich fühle mich auch in Jordanien und Russland zu Hause, familiär verbunden mit vielen Menschen anderer Nationen. Ich bin so herrlich deutsch, trotz allem. Ich bin sparsam. Ich bin ordentlich.

Ich liebe meine Heimat, ich arbeite gerne, habe Goethe und Stefan Zweig gelesen, Bach ist mir nahe und Händel. Aber, du liebe Güte, die anderen alle auch. Ich bin trotz Rolling Stones und ABBA deutsch. Keiner kann mir das Deutschsein nehmen, weil ich die Vielfältigkeit der Welt und Ihre Anregungen liebe. Wie gerne war ich auch in Aleppo, Damaskus oder Amman.

Andererseits finde ich Jerusalem und die Menschen dort großartig. Palästinenser und Juden sind meine Freunde, mit Russen bin ich verwandt. Ich muss kein Coca Cola trinken oder Cheeseburger essen, um die USA zu mögen. Ich behalte meine Identität als Deutscher mit Bratwurst und Sauerkraut.

Ich liebe das, auch den deutschen Wein und das nach deutschem Reinheitsgebot gebraute Bier. Ich freue mich über deutsche Erfolge beim Fußballspielen, und zwar auch dann, wenn nicht alle Mitspieler in Deutschland geboren wurden. Es ist mir egal. Ich setze auf Anregungen und Vielfältigkeit, auf Geschmäcker und Augenweide, auf das Deutschsein als grandiose Lebensform der Möglichkeiten. Für mich und meine Kinder. Viva l´Allmagne!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ordnung

Seit seinem Amtsantritt erlebt der amerikanische Präsident Donald Trump, dass ein Großteil seiner Vorhaben entweder bei den Gerichten oder im Repräsentantenhaus scheitern. Das hat er wohl nicht einkalkuliert. Die Erfahrung dürfte für ihn schon deshalb schmerzlich sein, weil er einen verbindlichen Ordnungsrahmen des Staates nicht schätzt. Nun muss er lernen, dass es dieser Ordnungsrahmen mit ihm aufnehmen kann, viel stärker wirkt, als seine Tweets, sein Bashing des Gegners, insbesondere der Presse und kühne Ankündigungen wie die Kündigung von Obama-Care, Bau der Mauer zu Mexiko etc.

Wir tun uns im Übrigen keinen Gefallen, wenn wir bezogen auf den amerikanischen Präsidenten ihn „Trumpel“ nennen oder ihn auf irgendeine Art herabsetzen, ihn zum Komplizen unserer kleinen Welt machen. Er ist der amerikanische Präsident, wurde gewählt und ist verpflichtet, den ihm durch die Wahl auferlegten Dienst zu erfüllen. Als amerikanischer Präsident muss er sich an die vorgegebene Ordnung halten und kann dem System nicht entkommen, wie sehr er sich das auch wünschen mag.

Als der Bürger Donald Trump kann er dagegen alles machen, was die verfassungsrechtlich verbriefte Freiheit ihm gewährleistet. Das Präsidentenamt legt ihm Zügel an. Zuerst das System, die Ordnung und dann die politische Gestaltungsmöglichkeit. So jedenfalls verläuft dies in einem demokratisch legitimierten Staat. Auch der türkische Präsident Erdogan wird sich trotz aller Machtgelüste an diese Vorgaben halten müssen und die Ordnung wird ihn stets zwingen, seine eigenen Interessen den Interessen des Ganzen unterzuordnen.

Trotz aller schrillen Töne aus Ankara, die Türkei ist eine Demokratie, die meisten Menschen dort dialog-, streit- und konsensfähig. Das weiß der türkische Präsident genau, er will testen, wo seine Grenzen sind, wie weit er gehen kann. Deshalb sollten wir ihm gegenüber verbal abrüsten, nicht versuchen, ihn lächerlich zu machen oder zu diskreditieren. Damit diskreditieren wir die Ordnung, der gegenüber er weiterhin verpflichtet sein muss.

Ob das hier ausgeführte auch auf Russland zu übertragen ist, wage ich zu bezweifeln. Der russische Präsident hat sich des Absolutheitsanspruchs bereits bemächtigt und selbst eine Ordnung geschaffen, die autoritär ist. Eine solche Ordnung kann zumindest vorübergehend sehr effektiv sein. Wir kennen dies aus ähnlichen Herrschaftsordnungen, wie zum Beispiel China, Nordkorea oder Ägypten.

L´état c´est moi“ ist das Mantra jeder Diktatur, ob sie faschistisch oder paternalistisch daherkommt. Während absolutistische Ordnungen stets deren Beseitigung befürchten müssen, schaffen demokratische Ordnungen erst den spannenden politischen Handlungsrahmen, der es Politikern erlaubt, auf verlässlichem Grund und in engagierter Überzeugungsarbeit die Systementwicklung voranzubringen. Das Narrativ der Demokratie ist somit, zwar nicht nur, aber vor allem ein solches der Systeme und der Ordnung. Eine gelassene, auch kritik- und widerspruchverarbeitende Politik ist in diesem Rahmen gewährleistet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Unternehmensführung

Neulich las ich in der „ZEIT“ in einem Interview des russischen Schriftstellers Dmitry Glukhovsky den bemerkenswerten Satz, dass Putin Russland wie seine Firma leite. Das glaube ich nicht. Russland ist kein KMU und Putin allenfalls ein Patriarch der alten Schule.

Heute funktioniert Unternehmensführung eher so, dass Unternehmensziele definiert werden und einer Prüfung durch den Aufsichtsrat unterzogen werden müssen. Die hierarchischen Strukturen  sind in der Regel eher flach und es wird das Leistungsvermögen sämtlicher Mitarbeiter in das unternehmerische Kalkül mit einbezogen.

Wir wissen natürlich sehr wenig von Russland und dessen unternehmerischen Verwaltungsstrukturen, müssen aber befürchten, dass wie auch bei anderen Unternehmen weltweit die die Rendite erzeugenden Prozesse undurchsichtig sind. Dies ist im Übrigen in vielen Unternehmen festzustellen und beruht auf Folgendem: Auch wenn viele Unternehmen Tochterfirmen haben und die unterschiedlichsten Produkte entwickeln, ist es innerhalb des jeweiligen Unternehmens so, dass das einzigartige Projekt im Vordergrund steht und sich die gesamte Anstrengung darauf richtet, dieses zu entwickeln, herzustellen und zu vertreiben.

Da dies als ein einziger Prozess angesehen wird, versäumen die Verantwortlichen meist, die verantwortlichen Abteilungen so voneinander abzugrenzen, dass sie die Kosten preiswahr und klar an die nächste Stufe weitergeben und transparent machen, was das Produkt, dessen Nutzen noch nicht einmal gesichert feststeht, das Unternehmen kostet. Würde Kostentransparenz und planvolles Vorgehen die Unternehmensagenda bestimmen, so würde manches ehrgeizige Projekt auch in staatsunternehmerischer Sicht vielleicht frühzeitiger beendet. Wenn es brenzlig wird, ist schon mancher Vorstand mit der Firmenkasse durchgebrannt oder hat sich fürstlich abfinden lassen. VW ist reich. Da mag das noch gehen. Das Unternehmen wird den Skandal überleben. Russland auch.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Russland

Was sind wir doch einfältig, Russland mit Putin gleichzusetzen oder die Krim-Annexion mit einer Bedrohung unserer westlichen Werte. Politik folgt eine geostrategischen Leidenschaft, ob Chinesen, Russen oder Amerikaner diese verfolgen. Wer ist denn jemals auf die verworrene Idee gekommen, die Amerikaner wegen ihres völkerrechtswidrigen Verhaltens zur Rechenschaft zu ziehen?

Bei den Russen sollte die Ausgrenzung stattfinden, weil sie eine günstige Gelegenheit ergriffen, um ihren Machtbereich zu erweitern? Entscheidend ist doch nicht, ob wir dies für gut halten oder nicht, sondern welche Angebote wir den Russen unterbreiten können, damit diese bereit sind, wieder gemeinsame Ziele zu verfolgen. Ich vermag da nichts zu erkennen, außer diffusen Beschwörungen. Die derzeitige russische Regierung und ein Großteil der anderen europäischen Staaten – einmal abgesehen von den U.S.-Amerikanern – mögen unterschiedliche Interessen haben und diese auch durchsetzen wollen.

Aber, Russland, Deutschland und der Rest von Europa sind keine Gegner, sondern bilden eine Lebensgemeinschaft. Ist uns jedes historische Bewusstsein abhandengekommen? Sprechen wir denn nicht die gleiche kulturelle Sprache in Kunst, Musik, Literatur und Sport? Es ist absurd, welcher Popanz hier aufgebaut wird, um daraus eine Bedrohung abzuleiten, die nochmals unseren Kontinent so erschüttern könnte, wie der 2. Weltkrieg dies getan hat.

Wie auch die Sowjetunion könnte ein politisch gewichtigeres Russland mehr zum Gleichgewicht der Kräfte in unserer Welt beitragen. Das Vertrauen in eine einzige Weltmacht, wie die USA, ist zwar verführerisch, aber wie wir aus jüngster Vergangenheit auch leidvoll wissen, mit viel Kompromissen verbunden, was Menschen- und Völkerrechte anbetrifft. Statt Schuldzuweisungen zu pflegen, sollten wir alles daran setzen, um unser kulturelles Für- und Miteinander zu stärken und das Wissen der Russen auf vielen energetischen und ökologischen Gebieten zu nutzen. Wir haben noch viel zu entdecken. Nutzen wir doch die Zeit, Fragen zu stellen, statt immer nur Vorwürfe zu formulieren.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski