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Ferien vom Ich (Teil 3)

Diese Betrachtung führt keineswegs zur Verachtung derjenigen, die Ansprüche stellen. Es ist lediglich ein bedauernswerter Zustand, der geändert werden sollte. Er hängt nach meiner Einschätzung in erster Linie davon ab, dass die meisten in unserer Rückversicherungsgesellschaft in hohem Maße „Ich-Versessene“ sind. Diese Ich-Versessenheit hat überhaupt nichts mit Ich-Stärke zu tun, sondern mit einer selbst verliehenen Ich-Garantie, die sich auf vielfältige Art und Weise äußert: „Ich habe Anspruch auf einen Arbeitsplatz. Ich habe einen Anspruch auf Freizeit. Ich habe einen Anspruch auf ein Auto. Ich habe einen Anspruch auf einen Fernseher. Ich habe einen Anspruch auf Lohnerhöhung. Ich habe einen Anspruch auf Altersversorgung etc.“ In dieser Gesellschaft habe ich unmittelbar einen Anspruch auf alles. Dass ich seit meiner Geburt auf eigenes Risiko lebe, wird mir verheimlicht bzw. verharmlost. Vielleicht ist es auch nur so – jedenfalls politisch – möglich, ein Gemeinwesen zu befrieden. Für das menschliche Leben und seine Entwicklung ist das Jammern und das Denken in Ansprüchen dagegen eine Katastrophe. Sobald hier Risiken, Veränderungen und Irritationen hinzutreten, ist das System der kollektiven Unzufriedenheit nicht mehr zu steuern.

Deshalb mein Vorschlag: Machen Sie einmal Ferien von sich. „Ferien vom Ich“ bedeuten, sich einmal von sich selbst auszuruhen, einmal keine Ansprüche zu stellen. Selbst wenn wir den besten Willen haben, werden wir oft mit dem Satz konfrontiert: „Gönne dir doch mal etwas Gutes!“ Diese Ermunterung ist sicher richtig, wohlmeinend und tief besorgt. Worauf aber liegt die Betonung? Gönne dir was? Gönne dir was Gutes? Oder du hast Anspruch auf was Gutes? In Wirklichkeit tun wir sehr viel für uns. Ständig umsorgen und umhegen wir uns. Der Zentralspruch unserer Daseinsfürsorge ist: „Ich lass mir doch die Butter nicht vom Brot nehmen.“ Wir bedienen unsere Bedürfnisse, unsere Ansprüche. Unsere Angst, etwas zu verlieren, ist unermesslich. Wir tun alles für uns, allerdings nichts Gutes. Gutes für sich tun ist Üppigkeit aber auch Verzicht. Gutes ist ein Genuss. Denken in Ansprüchen ist aber auch Hinwendung zu Anderen. Gutes ist vor allem, sich zu öffnen: Das Herz, die Seele, das Gemüt. Gutes für sich zu tun bedeutet, loszulassen, sich einzulassen auf Anderes und Andere. Ich will nichts für mich, sondern ich erfahre. „Ferien vom Ich“ bedeuten die Schaffung von Zeit, Raum und Klarheit, um sich fallen zu lassen, um sich wieder zu finden in einer größeren Dimension von Frieden und Freude. Wenn der Mensch sich selbst einmal dabei unterbricht, Ansprüche zu stellen und diese auch an ihn nicht gestellt werden, entsteht Neugierde. Es entsteht wieder Interesse an den eigenen Fähigkeiten, aber auch ein offenes Ohr, ein offenes Auge für das, was Andere tun. „Ferien vom Ich“ begrenzen nicht die eigenen Möglichkeiten, sondern erweitern die Fähigkeiten des Empfindens und auch des Handelns.

„Ferien vom Ich“ können wir jederzeit nehmen. Wir sind an Ort und Raum nicht gebunden, vermögen aber auch dies durchaus programmatisch zu gestalten, z. B. statt in  aufwendigen Feriencamps „offshore“ in der heimischen Umgebung. „Ferien vom Ich“ können wir unseren Kindern bescheren, indem wir ihnen Ruheplätze erlauben, die am Kind orientiert sind und nicht an der Vorstellungswelt der Eltern für die Kinder. Wenn wir so miteinander und aneinander genesen, kann uns überhaupt nichts mehr von unseren Problemen, unseren Schwierigkeiten und unseren Herausforderungen trennen. Wir werden Freude daran haben, alles zu tun, was wir tun müssen, um uns und unseren Kindern eine aufregende aber auch selbstbestimmte Welt zu erhalten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski