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Fremdbestimmt?

Tausend Fliegen, die auf einem Scheißhaufen sitzen, können doch nicht lügen. Der Haufen muss einfach wunderbar sein. So ähnlich verhält es sich heute mit der Schwarmintelligenz. Wenn im Netz zu irgendeiner Aussage 1.000 Followers ihre Smileys setzen, diese Aussage wiederum 1.000 Mal teilen, entsteht eine eigenständige Wahrheit, auch wenn die dieser Aussage zugrundeliegende eine Lüge ist.

Diese Internetwahrheiten müssen überhaupt nicht von Menschen ins Netz gestellt worden sein, sondern es genügen Aussagen, die auf Algorithmen beruhen. Diese werden ihrerseits genährt durch mehrheitsfähige Destillate aus den Meinungen vieler Menschen bzw. Zielgruppen, die sich aufgehoben fühlen sollen in der 1.000fachen Bestätigung ihrer Meinung, auch wenn Algorithmen sie verbreiten und sie als wahr zertifizieren. Die durch Mensch und Maschine produzierte Wahrheit beruht also nicht auf einer intelligenten Ableitung, reklamiert aber gleichwohl eine Allgemeingültigkeit für sich, die jeden Widerstand erschlaffen lässt.

Wenn Tausende oder gar Millionen etwas für wahr erachten, wie soll dann derjenige, der den systemischen Fehler dieser Wahrheit erkennt, darauf reagieren? Klärt er auf, widerspricht er, so wird er bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls liquidiert. Also bleibt der Erkennende passiv, überspielt sein Unbehagen und wünscht sich angesichts der gleichförmig herbeigestriegelten Meinung zurück in die rosigen Zeiten der hitzigen Meinungsdebatten, die nur kleineren Gruppen zugänglich waren und deren Ergebnis andere Menschen selten bannten, geschweige sie an den Pranger stellten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Big Data

Kürzlich war ich Gast einer Veranstaltung des VBKI mit folgender Ankündigung: „Big Data – neue Chancen für Information und Partizipation oder Ende von Selbstbestimmung und Bürgerfreiheit?“ Ich war erstaunt. Keiner der Podiumsteilnehmer sprach von etwas anderem als Datenschutz. Wie schütze ich meine Daten, wie schütze ich die Daten des Staates, wie schütze ich meine Daten vor der Übernahme durch andere Staaten, vor allem aber durch globale wirtschaftliche Netze wie Facebook.

Quintessenz: Es ist schlimm, aber eigentlich können wir da gar nichts dagegen machen. Das Netz sei weltweit nicht zu kontrollieren. Facebook sei zudem einfach zu mächtig und da wir alle Facebook-Nutzer seien, könnten wir Facebook nicht verbieten. Also: Ausnahmerechte für die Netze? Wie verzagt die Politiker und wir alle sind, zeigt sich schon im Ansatz dieser Kapitulation. Wer über die Regeln im Straßenverkehr zu befinden hat, fährt womöglich selbst Auto und ist gleichwohl befähigt, gesetzgeberisch zu wirken. Was für den Straßenverkehr gilt, sollte auch für sämtliche Netze gelten.

Wir benötigen eine gesellschaftliche Verabredung und deren Umsetzung durch die dazu berufenen Organe unseres Staates und ggf. Europas. Die Hauptschwierigkeit im entspannten Umgang mit dem Netz liegt im privaten Bereich begründet. Wir sind es selbst, die eine unbändige Lust auf Informationen haben und die es überhaupt nicht kümmert, ob und wie diese Informationen zustande gekommen sind. Was wir allerdings nicht wollen, dass andere auf die gleiche Art und Weise in den Besitz dieser Informationen gelangen und damit ihren eigenen von uns nicht mehr kontrollierbaren Umgang damit pflegen.

Unser Kontrollverlust macht uns Angst. Würden wir allerdings auf Internetinformationen verzichten können oder wollen, würde sich schnell eine bessere Verhandlungsbasis mit den Netzanbietern finden lassen. Denn das Netz lebt von unserer Neugier. Dass wir damit auch Risiken eingehen, muss uns klar sein, aber nicht jede Tratschtante oder Kupplerin, ob sie Facebook, Yahoo oder Google heißt, ist besonders sympathisch, nur weil sie Marktmacht besitzt. Es geht hier ums Geschäft. Darin ist sie erfolgreich, weil wir so gerne geschwätzig und neugierig sind. Das ist überhaupt nicht schlimm, sondern schafft auch Perspektiven mit Hilfe von Big Data.

Ich erinnere dabei nur an die Möglichkeit, eine Plattform zu schaffen für Schwarmintelligenz, Crowdfunding und Bürgerbeteiligung. Wenn das Maß der Netzursurpation über die Kontrollmöglichkeit der Anbieter hinausgreift, dann werden auch diese sehen, dass das Netz letztlich Allgemeingut ist wie Straßen, Wege und die Welt insgesamt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski