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Heimat

Die Diskussion darüber, was Heimat sei, läuft in den Medien auf vollen Touren. Für die einen ist Heimat das, was sie verloren haben, die anderen suchen sie. Heimat ist der Wald, der Kiez oder der Apfelkuchen der Großmutter. Alle Sehnsuchtsorte und Verluste sind Heimat. Heimat ist die Chiffre für Sicherheit. Sicher lebt man aber nicht mehr, auch nicht als Flüchtling. Deshalb nimmt die Heimatdeutung gerade jetzt wieder Fahrt auf, wo manche sich schützen wollen vor Überfremdung, wie sie es nennen oder das Hineingeworfen sein in eine feindlich gesonnene Umwelt. Keiner scheint bei der Ausformung des Heimatbegriffs ganz auf seine Kosten zu kommen. Vielleicht deshalb, weil Heimat alles benennen kann. Heimat kann Weihnachten sein, aber auch die Jagd.

Für mich war es einmal während eines Griechenlandaufenthalts bei circa 40 Grad Celsius die Vorstellung von Rothenburg ob der Tauber bei Regen. Dies obwohl ich in dieser Stadt niemals gelebt habe, sondern sie nur besuchte, auch jüngst wieder, um dort von permanenten Weihnachtsdauerausstellungen, die man offenbar für Asiaten inszeniert, überrascht zu werden.

Heimat als Dekor. Vielleicht sind auch die Sterne in den Fenstern, die putzigen Schalen, Lichter, Gänsehälse in Blumentöpfen und schmiedeeisernen Riesenameisen in Vorgärten Heimat. Wenn dies so ist, dann vermittelt Heimat eine Arglosigkeit, mit der wir fast alle einmal im Kindesalter gesegnet waren, bevor die Lebenskämpfe begannen und die Zumutungen. Heimat als die Zeit, in der wir uns noch auf das Leben freuten, staunten über alle hinzuerworbenen Fähigkeiten, mit Genuss Äpfel aßen und Zeit hatten, stundenlang auf auf einen Käfer oder in den Himmel zu schauen.

Das alles tragen wir in unseren Herzen, abrufbar, wenn es erforderlich ist, sich auf das Einfache, Klare und Unverfängliche zu besinnen. Heimat ist unter diesem Blickwinkel nicht strapaziös. Heimat ist dann ein Angebot und stellt keine Ansprüche an uns. Wieso aber dann die Sprüche, dass man die Heimat schützen müsse, dass es sie zu verteidigen gelte gegenüber fremden Eindringlingen? Wie soll denn eine Heimat geschützt werden, die je nach Gemütslage und Ortsgebundenheit so unterschiedlich ausfällt.

Wenn meine Heimat mein Garten ist und vielleicht auch noch die Zwerge darin, ich aber die Oldtimersammlung meines Nachbarn überhaupt nicht schätze, wieso soll ich dann mich für ihn und er sich für mich engagieren, wenn wir beide aus unterschiedlichen Gründen unser Ambiente als Heimat begreifen? Kann das Höchstpersönliche verallgemeinert werden?

Das schon. Meine schwäbische Heimat, die ich im Herzen trage, soll möglichst nicht durch „fracking“ zerstört werden, auch Windräder finde ich nur begrenzt heimattauglich, selbst dann, wenn ich sie für die Energiegewinnung unabweisbar finde. Aber auch das, was mir das Dorf, der Weiler, der Bauernhof im Schwarzwald oder der Kreuzberg in Berlin als Heimat bietet, ist letztlich nichts anderes als die Projektionsfläche meiner Sehnsucht nach einem Rückzugsort, dem ich vertraue. Heimat taugt begrifflich schon deshalb nicht zur Abwehr anderer, weil diese mir meine Heimat überhaupt nicht streitig machen. Vielleicht sind sie aber neugierig, davon zu erfahren, wenn ich bereit bin, darüber zu sprechen und sie so in meine Heimat einzuladen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski