Schlagwort-Archive: Selbstbehauptung

Mein Feind ist mein Freund.

Hinter diesem scheinbaren Paradoxon verbirgt sich die Logik der Selbstbehauptung. Ohne den anderen, den Gegner bin ich nichts. Habe ich diese Gegner, dann muss ich mir um meine Selbstbehauptung keine Sorgen machen. Andernfalls konstruiere ich mir meine Gegner. Die Handlungsanweisung ist stets dieselbe, sei es der Streit zwischen Griechenland und der EU, der Konflikt der Ukraine mit Russland, die Brandherde im gesamten Nahen Osten oder z. B. Pegida.

Der konstruierte Feind befindet sich im Ausland oder auch im Inland und stellt in der Regel eine Minderheit dar, von der man zu Recht annimmt, dass sie sich leicht demütigen und beschuldigen lässt aber wenig Kraft aufbringt, sich zu wehren. Die Nazis waren da nicht wählerisch: Homosexuelle, Zigeuner (gemeint sind Sintis und Roma), Behinderte und schließlich auch Juden, zunächst mit etwas mehr Zurückhaltung im Inland, aber nach der Wannseekonferenz mit noch deutlicher Rigorosität im eroberten Ausland. Das diabolische an dieser Handlungsweise war, das eigene Volk zu domestizieren, einzuladen zum Mitmachen und dann die Handlungsanweisung zu übertragen auf die Völker anderer Staaten in zweierlei Absicht: diese einzuschüchtern, aber auch mitmachen zu lassen in einem siegergesteuerten Programm der Selbstbehauptung durch Denunziation anderer. Das ist menschlich, wenn auch nicht verzeihlich. Die Täterhaltung ist: Wenn ich andere dafür gewinne, ein bisschen mitzumachen gegen einen imaginierten Feind, werden diese auch Täter, sie kommen dann aus ihrer Verstrickung nicht mehr raus. Wer auch nur etwas, und sei es klammheimlich sich an diesen Ritualen der Feindesfindung und Selbstbehauptung beteiligt, muss wissen, dass seine Enttäuschung doppelt genährt wird: irgendwann geht der Feind verloren oder wird so mächtig, dass er den Spieß umdreht, jedenfalls wird über kurz oder lang aus der großen Flamme der Ich- oder Wir-Behauptung ein kleines Licht der Selbstentlarvung oder erlischt sogar völlig.

Wer Kriege führt und Menschen vernichtet, muss das Ende der Kriege und des Tötens bedenken, wer andere denunziert oder deren Teilhaberschaft an der Gesellschaft verhindern will, muss deren Macht fürchten, und zwar schon heute um seiner selbst willen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Arbeit

Läge er nicht so faul wie Oblomow auf dem Ofen, würde der Mensch etwas tun. Es wäre daran zu denken, dass der Mensch arbeitete, um sich zu beschäftigen, sozusagen als spezielle Form der Therapie. Arbeit könnte auch Ablenkung bedeuten, vor allzu viel Nachdenken über den Sinn des Lebens. Möglicherweise erfüllt die Arbeit auch erotische Wünsche, verdeckt andere Motive und dient schließlich im Ausnahmefall auch dem Gelderwerb.

Gegen Letzteres spricht, dass mit engagierter Arbeit kaum eine geldadäquate Kompensation für den Verlust von Lebenszeit geschaffen werden kann. In dieser Erkenntnis haben sich auch alle Glücksritter und Geldexperten frühzeitig den Spekulationsgeschäften zugewandt. Sie nehmen dabei billigend in Kauf, dass sie außer Angst, Schweiß und Tränen für diese Form des Gelderwerbs nichts leisten, sie nehmen weiter billigend in Kauf, dass das Gewonnene sofort wieder verrinnt. In diesem Spiel des Lebens kennen Sie sich aus und kommen daher auch nicht auf die Idee, die Arbeit als einen schlichten Prozess der Daseinsvorsorge zu begreifen.

Arbeit hat ihre wahre Bedeutung im gemeinsamen Tun. Hier gewinnt die Arbeit an Statur. Arbeit als Kampfmittel. Arbeit als Protz und Selbstbehauptung. Arbeit als moralische Herausforderung. Arbeit als Wirtschaftsmotor. Arbeit als Glücksspender. Arbeit als Verbindungsglied zwischen Genossen, Kommunisten und Gewerkschaftern. Arbeit als etwas Grundlegendes. Ein institutionelles Menschenrecht. Die Verletzung des Arbeitsrechts würde zur Verweigerung führen. Keiner käme ungestraft auf die Idee, dass es heute noch eine Arbeitspflicht geben könnte, dass also jeder Einzelne einer Gemeinschaft für seine eigene Beschäftigung im Sinne des Lebenserhalts sorgen müsste. Hierfür haben wir Staat, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände.

Das ist nützlich. Das ist bequem und dient dem Profit. Ist es nicht mehr profitabel, ergeben sich Konflikte. Die Arbeit ist unerwünscht. Sich loszusagen von der Arbeit ist allerdings schwer. Hinter dem Träger der Arbeitsleistung steht schließlich ein Mensch, der, wenn er ohne Arbeit ist, nicht nur ungerecht behandelt wird, sondern auch der Gemeinschaft zur Last fällt.

Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los (Goethe, Zauberlehrling). Der Tarifvertrag, die Dienstordnung und das Kündigungsschutzgesetz sind die ‚Grundlagen-Dokumente‘ unseres Kamikazebetriebes. Es besteht aber die moralisch-ethische Verpflichtung des Arbeitgebers, das von ihm durch seine Beschäftigung und deren Beendigung geschaffene Vakuum zu füllen. Was denn sonst? Der Arbeitnehmer ist doch nicht zynisch, er hat nur Angst. Der Arbeitgeber ist möglicherweise zynisch, allerdings hat er in aller Regel weder Angst, noch will er schaden. Der Arbeitgeber hat nach einiger Zeit einfach die Nase voll. Erwerbsprozesse orientieren sich im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht nur an Angebot und Nachfrage. Der Erwerbsprozess ist auf die Qualifizierung der Güterverteilung und der Daseinsvorsorge angelegt, sowohl was die Grundversorgung als auch die Dienstleistung angeht. Daher sollte jeder, der noch arbeitet, daran denken, dass er dies weder für seinen Verband tut noch für den Arbeitgeber oder den Konsum, durch den er die Wirtschaft nach Auffassung bestimmter Volksverführer wieder ankurbeln soll.

Der Mensch könnte getrost von seinem Ofen steigen und arbeiten, weil er daran Gefallen findet, weil er für sich und seine Familie arbeitet, weil er das Risiko schätzt und wach bleibt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Worauf beruht diese Gleichgültigkeit?

Es könnte sein, dass sich der Mensch rächen möchte an seiner Existenz. Natürlich kann nicht geleugnet werden, dass der Mensch auch genetisch bestimmt ist, d. h. bestimmte Anlagen in ihm vorhanden sind, die seinen Charakter, seine Verhaltensweise auf diese oder jene Art prägen. Ein Verhalten, welches nicht nur artgebunden ist und allgemein zu völlig unterschiedlichen Lebenserfahrungen führen muss. Möglicherweise ist es aber auch so, dass bereits in den Genen das Misstrauen, der Argwohn und/oder auch die Unbekümmertheit einer großen Lebenserwartung transportiert werden. Dem Kleinkind ist anzumerken, dass es auf sein Dasein besteht und auf seine Umwelt und deren Verhalten reagiert durch Lachen, Weinen oder Schreien. Das Kind ist da, geplant oder ungeplant, gewollt oder ungewollt, geliebt oder nicht geliebt: Es besteht auf seine Anwesenheit. Wenn wir uns vorstellen, dass das Kind auf alles wartet, aber noch nichts versprochen ist, vermag man den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit unmittelbar zu erkennen. Der junge Mensch tritt auf und behauptet seinen Anspruch auf Leben und Verwirklichung. Mit seiner Wachheit beginnt für den jungen Menschen sein eigenes Leben, so als hätten die anderen Leben zuvor niemals existiert. Diese Erwartungshaltung provoziert ein katastrophales Missverständnis. Der junge Mensch begegnet einer müden Welt, die sich abgearbeitet hat an geschichtlicher Schuld, an persönlichem Versagen, an Umwelt-belastungen, an Vorschriften und Regularien, an Einschränkungen und Entbehrungen, Hunger und Durst, an Arm und Reich, an Schön und weniger Schön, an Liebe und Gefühllosigkeit, an Erotik, Sex und schließlich sozusagen über allem: Geld. Konfrontiert mit Lebensentwürfen, die von den vorgenannten Merkmalen geprägt worden sind, erhält der junge Mensch, sozusagen als Survival-Kit ein Handbuch, in dem umfassend und detailliert beschrieben eigentlich nur ein einziger Satz steht: Friss oder stirb! Die Brutalität, mit der das verfasste Leben auf den jungen Menschen einwirkt, prägt ihn, macht ihn misstrauisch, habgierig, falsch, wendig aber auch atemlos, depressiv und bald genauso erschöpft und gleichgültig wie alle Anderen auch in unserer Gesellschaft. Natürlich gibt es Revolten, den Protest gegen die Unerbittlichkeit des vorgefundenen Seins, der sich ausdrückt in jugendlichen Ritualen, Sprachverhalten und ganz generell in der Ablehnung und Abwehr Erwachsener. Doch helfen kann dies angesichts der mächtigen Strukturen und des abgebrühten Verhaltens vieler Menschen wenig. Nimmt das Verhalten der Jugendlichen exzessive Züge an, landen sie im Gefängnis, sind arbeitslos und ausgegrenzt. Die gesellschaftliche Norm unseres Lebens ist die Erwachsenenwelt, an der sich alle messen lassen müssen. Die Erwachsenenwelt bestimmt, was jugendlich ist, was kindlich, was sich im Alter gehört. Die Erwachsenenwelt definiert den Lifestyle. Dies soll an ein paar Beispielen festgemacht werden:

ƒMedien. Ich bin ein Star, holt mich hier raus!
Dem Menschen kann es nicht verwehrt sein, selbst die ekligsten Sachen über sich ergehen zu lassen, wenn es ihm Freude macht. Es ist aber nicht die Freude, die dem Spiel innewohnt, sondern der verzweifelte Versuch der Selbstbehauptung des Menschen, in einer anonymen und gleichgültigen Welt.

„Ich werde gesehen, also bin ich.“ Dieses Format gilt selbstverständlich nicht nur für Prominente, die konsequent zu Talkshows wallfahren, sondern auch für Nachmittags-Talksoaps mit „Hinz und Kunz“. Trotz aller Fragwürdigkeit und Beliebigkeit aller an solchen Veranstaltungen Beteiligten bleibt der Eindruck, dass wir uns alle, Probanden und Zuschauer, in diesen Minuten medialer Begegnung näher kommen, miteinander verwandt sind. „Ich werde gesehen, also bin ich.“ Ich darf ihn/sie sehen, also bin auch ich einbezogen. Die mediale Zwiesprache ist selten auf Distanz angelegt, sondern auf Nähe. Die Sängerin singt nur für den einsamen Zuschauer, der Koch kocht nur für die erlebnisbereite Hausfrau etc. Natürlich wissen wir, dass dies in der Wirklichkeit nicht so ist. Wenn wir aber, was uns ja empfohlen wird, die Realität ausblenden, dann ist es so, wie es gesagt wird. Wir sind nicht mehr ganz so alleine und fühlen uns sicherer durch diese gemeinsam erlebte Orientierung.

Mehr dazu lesen Sie im nächsten Beitrag …

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski