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Nahsicht

Aus naher Sicht geht es in Deutschland, in Europa, in der Welt und im gesamten Universum sehr turbulent zu. In Deutschland machen uns Singularitäten jeder Farbschattierung, Gleichmacherei, soziale Unterschiede, Gier, Wut, Rechthaberei, Anmaßung, Furchtsamkeit, Hinterhältigkeit, Mutlosigkeit und Selbstbespiegelung zu schaffen.

In Europa und in der Welt ist das nicht anders, unterschiedlich allein sind Felder, auf denen sich diese Gefühle austoben. Aus der Ferne betrachtet, entspricht dies immer dem menschlichen Reigen seit unseren Anfängen an. Dort, wo der Mensch Opportunitäten erkennt, nimmt er sie wahr, ob in der Politik, in der Wirtschaft, im öffentlichen Raum oder im Privaten. Der Mensch ist eher anpassungs-, als lernfähig, betrachtet Vergangenes als vergangen und Künftiges als nicht da. Wegen seines Nahsichtgeräts fällt es dem heutigen Menschen schwer, wahrzunehmen, dass sich die geschichtliche DNA nicht verändert hat, sondern zeitgemäß anzupassen ist und schon die heutige Gestaltungs- und Verhaltensweise nicht mehr diejenige von Morgen sein muss.

Wir haben Schwierigkeiten, dieses Morgen mit zu bedenken, haben allerdings Kinder und Enkelkinder, die heute zwar schon geboren sind, aber noch nichts zu sagen haben. Es ist dennoch unverantwortlich, wenn wir unsere Kinder und Enkelkinder in die Gestaltung unserer Zukunft nicht mit einbeziehen. Es geht nicht darum, was wir in diesem Moment für opportun erachten, sondern wir müssen bedenken, was alles künftig geschehen wird. Jede Generation gibt ein Versprechen, das es einzulösen gilt. Früher war die Parole: „Unsere Kinder sollen es besser haben“.

Heute wäre es hilfreich, nicht nur die Kinder, sondern auch die Gesellschaft, andere Menschen, die Umwelt und die Welt zu bedenken, indem man schon zu seinen Lebzeiten die Weichen für sie günstig stellt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erstarrung

Erstarrung? Die Welt ist in Bewegung, die Netze überlastet, Flugverkehr und Hochgeschwindigkeitsverhandeln von Finanzprodukten via Internet rund um die Uhr. Immer geschieht etwas und sei es auch an entferntester Stelle dieser Welt. Wir wissen es sofort und doch wirkt das uns überlassene Bild oft merkwürdig erstarrt.

Kriege, Krankheiten, alles präsent wie auf unserem Smartphone in tausenden, nein in millionsten Variationen und doch immer wieder die gleiche Pose, weltweit. Wie unsere Verhaltensweise erstarrt in globaler Gleichmacherei, erstarrt auch unsere Kultur.

Museen hinterfragen nicht unsere Einstellung, sondern zeigen uns das Gewesene. Konzerte und Opernaufführungen sind auch keine kulturellen Verbrauchsprodukte, sondern feine Speisen, die uns gelegentlich zur Erbauung vorgesetzt werden. Kunst und Kultur sind nicht in Aufruhr, sondern erstarren in Opportunitäten, Kommerz und Selbstbespiegelung. Die ökonomische Sinnhaftigkeit alles menschlichen Tuns untersagt ein Verhalten, das sich außerhalb der Norm stellt, ob im religiösen oder säkularen Bereich. Die Religion nicht infrage zu stellen, um Konfrontationen zu vermeiden, verhindert vielleicht eine gesteigerte Einsichtsfähigkeit in das Göttliche.

Kulturelle Dogmen nicht zu überwinden, gestattet auch ein flexibleres Denken nicht, das heißt ein Denken, dass über die eigene Perspektive hinausgreift. Es wäre vielleicht hilfreich für unsere eigene kulturelle Entwicklung in Europa, uns von afrikanischen Kulturen herzudenken und dabei Durchmischungen in der Interpretation und Hörweise von Musikwerken zuzulassen. Vielfalt verstört nicht, ist sicher anstrengend, aber lohnend.

Erstarrungen führen zu Besitzstandswahrungen, die Verlustsängste wachrufen. Man kann auf dieser Art und Weise Kulturen zu Tode verteidigen, bis von ihnen nichts mehr bleibt als die in sich erstarrte Selbstbehauptung. Diese Kultur erklärt nichts mehr, fordert uns nicht mehr heraus, sondern vergrößert allenfalls noch unsere Macht, einen Tauschwert für Anderes zu erlangen, das uns mehr bringt als Kultur: Eigentum und Besitz.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Selbstbespiegelung

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land. Seit „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ wissen wir um die Agonie einer Frau, die sich ständig selbstbespiegelt, um dann leidvoll festzustellen, dass jemand anderes doch schöner ist als sie.

Wie das Märchen, so auch die Wirklichkeit. Dem Blick in den Spiegel entspricht die ständige Überprüfung vieler Menschen tagaus tagein: Wie geht es mir, bin ich überlastet, bin ich krank oder übervorteilt man mich. Mütter hatten früher viele Kinder, einen Haushalt, einen Mann, den sie zu versorgen hatten, gingen zur Kirche, hatten Waschtag und machten 100 Gläser Obst ein. Sie beschwerten sich nicht und schauten nicht in den Spiegel, ob es vielleicht noch anderen besser ginge als ihnen selbst, sondern sie erledigten das, was sie als ihre Pflicht erachteten.

Die Zeit ist darüber hinweggegangen. Die Vergangenheit ist kein Maßstab mehr für die Gegenwart und Zukunft. Die typische Familie besteht aus Vater, Mutter, Kind. Die Mutter, vielleicht nicht verheiratet oder geschieden, aber berufstätig. Auch der Vater arbeitet und alle erklären, völlig gestresst zu sein von der Situation. Da es nicht ausreicht, sich selbst nur im Stillen zu bemitleiden, wird dieses Leid anderen per Facebook, Twitter oder Direktansprache mitgeteilt.

Aber nicht nur der Stress ist Gegenstand von permanenten Veröffentlichungen, sondern auch Events, Wünsche, Klamotten, Freunde, Feinde, Befürchtungen und Ängste. Schaut her, all das gehört zu mir. Spotlights on! Ich stehe mitten im Zirkus und um mich herum dreht sich die Welt. Ich habe keine Zeit dafür, mich um anderes zu kümmern, mein Beruf ist mir zu viel, mein Mann stresst und mein Kind eine Plage. Warum schreit es in der Nacht, wenn ich schlafen will? Warum hat es Fieber? Warum, warum, warum? Ich will meine Ruhe. Am Wochenende will ich mit Freunden doch einmal wieder richtig feiern! Also muss meine Mutter das Kind nehmen. Das ist doch nicht zu viel verlangt.

Nein, zu viel verlangt wäre es von den Menschen nicht, wenn sie erkennen müssten, dass sich nicht das ganze Leben um sie und ihre Befindlichkeiten dreht, sondern Gewissenhaftigkeit und Pflicht, Verzicht und Zuwendungen Tugenden sind, die eine Selbstbespiegelung überflüssig machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski