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Weniger ist mehr

Wir leben in Zeiten des kulturellen Overkills. Nach der Show ist vor der Show. Wenn ich ins Konzert oder in die Oper gehe, ein Theaterstück besuche oder ein Museum durchstreife, meist, weiß ich schon am nächsten Tag nicht mehr genau, wo gewesen bin, was ich gesehen und gehört und habe, sondern der starke Eindruck verfliegt wie der Traum der letzten Nacht. Woran liegt das?

Wir werden unablässig verlockenden Angeboten ausgesetzt, die wir anstatt uns über sie zu freuen, abarbeiten in der Hoffnung, dass wir noch den Überblick behalten, selbstbestimmt auswählen dürfen, was uns passt oder nicht. So unsere Vorstellung. In Wirklichkeit aber werden wir getrieben von Verpflichtungen, die wir als kulturell begreifen, benötigen ständig die Selbstbestätigung in immer niedrigeren Frequenzen.

Wir haben keine Kapazitäten mehr, um das Erlebte langfristig zu speichern, bei Bedarf zu verarbeiten und mit anderen Erfahrungen abzugleichen. Oft hatte ich sehr gute Gespräche mit anderen Menschen. Wir versicherten uns bei der Trennung, unbedingt in Kontakt zu bleiben, gemeinsam Projekte zu verwirklichen und uns wieder zu treffen. Würde ich mich darauf verlassen, käme es wahrscheinlich zu keiner Zweit- oder Drittbegegnung, denn kaum haben wir das Treffen beendet, gibt es schon wieder neue Herausforderungen, die unsere gesamte Aufmerksamkeit erfordern. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Der Volksmund hat auch an dieser Stelle sicher Recht. Bedauerlicherweise trifft dies aber nicht nur für Begegnungen unter uns Menschen zu, sondern auch bei unseren Begegnungen mit der Kultur. Die Inflation von Angeboten wird zunehmen, aber wir haben die Chance zu lernen, uns selbst zu reduzieren, uns einzulassen auf das Wesentliche. Mein Vater hat den Satz geprägt: „Mensch, werde wesentlich.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski