Wer bin ich? Der eine oder andere würde spontan ergänzen wollen: und wenn ja, wie viele? Wer nach sich fragt, will sich vergewissern, unter Umständen sogar prahlen oder auf sich neugierig machen. Ist ein Erkenntnisgewinn erwartbar? Wohl kaum. Vor allem geht es wohl dem Menschen darum, die biografische Hoheit zu gewinnen und zu behalten.
Selbstzweifel, eigenes Versagen und zu missbilligendes Verhalten stehen nicht im Zentrum der Selbstbetrachtung, sondern diese soll nach vorausgegangenem anfechtbarem Tun die Läuterung erklärbar machen: also Saulus wird Paulus. Dabei geht die Schere weit auseinander.
Meine biografische Selbstwahrnehmung ist kaum deckungsgleich mit einer investigativen Fremdwahrnehmung. Ist die Diskrepanz zwischen dem, wie ich mich selbst sehe und demjenigen, wie mich andere sehen, überwindbar? Werden meine Erklärungsversuche, mein Leugnen oder mein Trotz die Unterschiede einebnen? Natürlich ist es nachvollziehbar, dass wir mit uns gnädiger als mit anderen umgehen, nichts unversucht lassen, uns zu rechtfertigen, wo Offenbarungen nicht vermieden werden konnten. Wie will ich denn in aller Öffentlichkeit eine Bestätigung dessen finden, was ich selbst von mir weiß und dennoch zu verbergen suche?
Mit meiner Biografie will ich nach Möglichkeit gnädig umgehen. „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ Erkenne dich selbst! Ist dies mehr, als ein frommer Wunsch? Eher glaube ich dank meiner vielen Identitäten, die meine Biografie bestimmen könnten, ein Chamäleon, ein Buch mit sieben Siegeln zu sein, als ein eindeutiges Zeichen. Biografien sind also nie eindeutige Fixierungen einer Persönlichkeit, sondern werden stets genährt durch Geschichten, die wir selbst erfinden oder von anderen Menschen erfahren.
So sind die Titelhelden aller unserer Biografien Menschen, die mit uns auf der Lebensbühne stehen, unsere Familie, Freunde, Verwandte und viele andere Menschen, die die Matrix unseres Lebens prägen. Das mit uns Gewesene blüht so auch in der Zukunft weiter. Unsere Biografie ist als Teil des Ganzen niemals auf uns beschränkt.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski