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Der Gutmensch

Oft erfahren Menschen, die sich für Andere, insbesondere sozial, engagieren, eine gesellschaftliche Ächtung. Sie werden sogar als Gutmenschen bezeichnet. Dies soll bewusst und absichtlich eine Diskreditierung darstellen.

Warum ist das so? Dass jemand aus der Rolle fällt, ist schwer für Andere zu ertragen. Durch sein Verhalten vermittelt er denjenigen, die nichts gesellschaftlich Relevantes tun, das Gefühl, sie verhielten sich falsch. Es ist verständlich, dass dieses Gefühl ihnen lästig ist und dann kehren sie den Spieß einfach um. Aber das stimmt nicht ganz. Die Gutmenschen werden auch bewundert wegen ihrer Fähigkeit, zumindest in einem Bereich, den sie identifiziert haben, selbstlos zu wirken. Was treibt Menschen an, dies zu tun?

Geltungssucht meinen die Einen, Andere tippen auf finanzielle Vorteile, insbesondere Steuervorteile und schließlich bleibt der Verdacht im Raum, es ginge auch um noch mehr Macht und Einfluss in der Gesellschaft. Das mag alles zutreffen und berührt doch nur den äußeren Wahrnehmungsbereich. Im äußeren Wahrnehmungsbereich unterscheidet sich der Gutmensch so weder von der Mafia, einem Unternehmensführer oder einem Politiker. Warum sollte er auch?

Es geht auch dem Gutmenschen darum, durch seine Arbeit und seine Verhaltensweise Wirkung zu erzeugen, Wirkung auf und in der Gesellschaft. Was den Gutmenschen aber innerlich antreibt, ist allerdings nicht Übermut oder Geltungssucht, sondern Verantwortung. Warum das so ist, liegt auf der Hand. Käme es nur auf Macht, Geltung, Einflussnahme und finanzielle Vorteile an, gäbe es in unserer Gesellschaft weite Felder, auf denen der Erfolg sich zuverlässiger einstellte.

Wenn der Gutmensch seine Chance ergreift, tut er das in dem Bewusstsein, dass die Gesellschaft, die Gemeinschaft aller Menschen, von ihm erwarten, dass er von seinem Überschuss an Integrität, Kraft, Ideenreichtum und Handeln etwas jenseits der eigenen Daseinsvorsorge an Bedürftige abgibt. Der Gutmensch macht, was er tun muss, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

WEGFINDUNG (Teil 2)

Der Markt bestimmt, welchen Wert er einem Produkt zubilligt, um die Nachfrage zu stimulieren, es verkaufsfähig zu machen und es für die Befriedigung der Verbraucherwünsche einzusetzen. Nichts anderes geschieht im philanthropischen Bereich, nur dass die Ware in der Regel nichts Gegenständliches sein muss, sondern eine besondere Form der Dienstleistung mit anderen signifikanten Merkmalen darstellen kann. Diese Ausstattungsmerkmale der Dienstleistung können unter den Merkwörtern Integrität, Vertrauensbildung, Selbstlosigkeit und Effizienz zusammengefasst werden. In ihrem Wertmaßstab unterscheiden sich philanthropische Produkte zwar einerseits von Dienstleistungsprodukten, die nur darauf gerichtet sind, eine finanzielle Gegenleistung zu provozieren, sie erweitern aber   andererseits   sozusagen   als   Leitidee   auch   den   Bereich   der Durchsetzungsfähigkeit und der Wirksamkeit aller nicht primär philanthropischen Produkte auf dem Markt.

Kompensation, das heißt, das Wechseln von Geld ist eine Form der gesellschaftlichen Anerkennung für ein erwerbbares Produkt und verschafft demjenigen, der die finanzielle Anerkennung im Austauschprozess erfährt, einen Bedeutungszuwachs. Geld ist daher nicht das eigentliche Ziel aller unserer täglichen Bemühungen, sondern es ist das Mittel, um den entscheidenden Zweck zu erreichen, und zwar Freiheit, Unabhängigkeit und gesellschaftliche Anerkennung. Das sich selbst aufzehrende Geld würde keinerlei Bedeutungszuwachs für den handelnden Menschen mehr bieten. Im Dienstleistungsbereich, insbesondere im philanthropischen Dienstleistungsbereich, ist eine Form der Anerkennung vorgesehen, die demjenigen, der leistet, eine hohe gesellschaftlich relevante Bedeutung verschafft, ohne dass diese unmittelbar darauf beruht, dass der Leistende für die einzelne Dienstleistung auch stets eine finanzielle Kompensation verlangt bzw. erhält. Die Raffinesse des Vorgangs besteht vielmehr darin, dass nicht der eigentliche Akt des Gebens und Nehmens, sondern die Grundlage des Handelns selbst bereits eine maßgebliche gesellschaftliche Bewertung erfährt und das philanthropische Handeln nur die Konsequenz aus der zuvor bereits getroffenen Richtungsentscheidung des Handelnden ist.

Aus seiner eigenen Integrität heraus hat er sich dazu entschlossen, Verantwortung zu übernehmen und sich zu engagieren. Die Stiftung, die gemeinnützige Gesellschaft oder der gemeinnützige Verein werden von ihm gegründet, die Mittel zur Verwirklichung des Zweckes eingeworben und auf der Grundlage bestehender Erträge, Spenden und Zuwendungen können seine Vorhaben umgesetzt werden. Der Handelnde vertraut das von ihm hergestellte philanthropische Produkt dem Markt an. Dabei werden Arbeitsplätze geschaffen, Dienstleistungen nachgefragter Art erledigt und insgesamt gesellschaftliche Prozesse gefördert, die in struktureller Weise einer industriellen Produktionsgesellschaft nicht nachstehen, sondern die gleichen Merkmale der Verschränkung von gesellschaftlichem Begehren und dessen Anerkennung aufweisen.

Diese Anforderungen hat die Philanthropie berücksichtigt. Sie spiegeln sich schon heute wider im Milliardenvermögen der Stiftungen, das sich nicht verzehrt, sondern im Gegenteil stetig anwächst, weitere Erträge schafft und die Handelnden in die Lage versetzt, immer selbstbewusster zu werden, das heißt den Herstellungsprozess und den Vertrieb des Produktes auf dem Markt permanent machtvoll zu steuern. Diejenigen, die bereits über große Vermögen verfügen und dieses in philanthropischen Unternehmen eingesetzt haben, erkennen ihre Chancen,   auf   diesem   neuen   Tätigkeitsfeld   zu   reüssieren,   dabei   das Alleinstellungsmoment in vielen Bereichen zu festigen und die philanthropische Nachfrage des Marktes auf manchen Feldern fast exklusiv zu bedienen. Dies wird sich allerdings bald ändern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski