Schlagwort-Archive: Selbstvergewisserung

Schein und sein

Der Schein bestimmt das Sein in der Gesellschaft. Das Wortspiel birgt einen Kern Wahrheit. Die Anerkennung, die ein Mensch in unserer Gesellschaft erfährt, beruht meist darauf, dass es dem Geltungssuchenden gelingt, sich anderen überzeugend zu präsentieren. Überzeugend ist eine Präsentation dann, wenn körperliche Vorteile, Sprachvermögen, finanzielle Überlegenheit oder große Virtuosität in der Pflege sozialer Netzwerke zur Geltung gebracht werden kann.

Kommunikative Fähigkeit ist sicher ein Schlüsselwort für soziale Anerkennung, die das Sein bestätigt. Der äußere Schein mag trügen, stellt aber gleichwohl für die Mehrheit der Menschen eine existenzielle Selbstvergewisserung dar. Oft ist der Schein von dem Sein nicht zu trennen, aber das Sein mag sich vom Schein durchaus zu emanzipieren.

Gemeint ist das Sein, das auf Leistung, Empathie, musischer, sprachlicher und intellektueller Kraft beruht. Dieses Sein macht sich frei von Erwartungshaltungen der Gesellschaft, findet ein ausgeglichenes Verhältnis zu Geben und Nehmen, ist an der eigenen Entwicklung interessiert und leistet einen Beitrag für andere. Dass auf einen solchen Menschen oft auch alle Scheinwerfer gerichtet sind, stört nicht, denn er hat sich davon nicht abhängig gemacht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

In sich selbst verreisen

In sich selbst verreisen, geht das? Was ist damit gemeint? In der Regel reisen wir gerne, erkunden auch fremde Länder, fremde Kontinente. Was sollte uns dann daran hindern, uns selbst zu bereisen, uns selbst kennenzulernen? Warum sollten wir dies aber tun, da wir uns in der Regel nicht als fremd empfinden, sondern als bekannt und jederzeit für uns selbst zugänglich. Wir erfahren über Umwege, dass die Selbstwahrnehmung nicht mit der übereinstimmt, wie andere uns wahrnehmen. Wir sind daher dazu geneigt, uns zu erklären, anderen es so zu vermitteln, als seien wir mit uns selbst eins. Wir können damit einigermaßen gut leben, denn jeder behauptet von sich, das Eine, das Andere werde unterschlagen.

Kann ich mich denn aber selbst kennenlernen, um mehr über mich zu erfahren und dadurch zu verhindern, dass ich mir meiner überhaupt nicht sicher bin? Ja, das geht. Ich bin in der Lage, in mich selbst zu verreisen, in jeden Teil meines Körpers, um mit Schmerzen und Krankheiten zu sprechen, sie kennenzulernen und Hilfe anzubieten, wo es erforderlich ist.

Wie ich meinen Körper bereisen und inspizieren kann, kann ich dies auch mit meinen Gedanken und Gefühlen handhaben, sie auch als Fremder betrachten, kennenlernen, Erfahrungen sammeln und Entscheidungen treffen. Dieser Prozess kann bewusst gestaltet werden, ohne stete Selbstvergewisserung, denn unser Geist ist ständig bei der Arbeit, ob wir dies wahrnehmen oder nicht. Wenn wir darauf vertrauen, lohnen sich unsere Reisen zu uns selbst. Wir lernen aufregende Neuigkeiten kennen und können uns schließlich unserer Identität versichern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ferien vom Ich

In japanischen Restaurants ist zu beobachten, dass der Gast unter einem Vorhang, der unterhalb des Türrahmens angebracht ist, durchgehen muss und sich dabei wie selbstverständlich verbeugt. Diese Demutsgeste ist nicht nur der Höflichkeit gegenüber dem Gastgeber geschuldet, sondern schafft auch das Maß an Vorbereitung und Einkehr, welches es dem Gast erlaubt, den Innenraum aufnahmebereit zu betreten und Platz zu nehmen zum Genuss eines großen kulinarischen Ereignisses.

Dem vergleichbar ist der Zugang zu „Ferien vom Ich“. Um in diesen Ferien eines Menschen wieder zusammenzufügen, was oft getrennt ist, wie die Person und die Persönlichkeit, die Seele und der Verstand, die Weisheit und das Gemüt, ist es erforderlich, die Außenwelt der ständigen Selbstvergewisserung zu verlassen und die Innenwelt entdeckend zu besuchen. Dies geschieht auch hier in der Bereitschaft, beim Überschreiten der Schwelle zur Innenwelt das trennende Tuch nicht einfach zur Seite zu schieben, sondern den sich öffnenden Raum in demütiger Haltung zu betreten.

Demut bezeichnet das, was uns kräftigt, ohne uns zu schaden. Eine Persönlichkeit wird während des gesamten Lebens geformt. Daher ist nicht zu verantworten, den Menschen zu sagen, dass sie alles falsch machen würden. Das Leben ist Üppigkeit und Vielfalt, Erfahrung, Enttäuschung und grenzenloses Vertrauen. Innerhalb dieses ganzen Kosmos begreift sich der Mensch allerdings alleine und wird mit diesem Alleinsein entweder durch aufopfernde Hingabe oder durch Aggressivität und andere persönliche Ausdrucksmöglichkeiten fertig.

Jeder Mensch kennt Freude, erfährt aber oft auch tägliche Zumutungen, Herabwürdigungen oder auch Gleichgültigkeit gegenüber seinen Anliegen. Menschen begreifen, dass entgegen aller verbalen Beteuerungen viele Menschen wenig Anteil nehmen an den Problemen Anderer, sei es persönlicher oder finanzieller Art. Deren Probleme sind uns allerdings wohl bekannt, denn wir erkennen, wenn wir uns mit diesen beschäftigen, unsere eigenen Zumutungen. Die wollen wir aber nicht kennen, deshalb verhalten wir uns auch anderen gegenüber abweisend. Wir sind oft innerlich kalt, auch wenn wir das Gegenteil behaupten. Die äußere Emotionalität kann nicht verdecken, dass wir hoffen, selbst davongekommen zu sein. Zu beobachten ist, dass Rührseligkeiten und Emotionen in Zeiten starker Gefühlsdefizite besonders hervorquellen. „Ferien vom Ich“ könnte einen Versuch darstellen, durch Sehen, Kennenlernen und Begreifen das eigene Ich neu zu entdecken und damit vielleicht auch besser andere zu begreifen und uns dadurch ebenfalls zu bereichern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski