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Biografie

Wer bin ich? Der eine oder andere würde spontan ergänzen wollen: und wenn ja, wie viele? Wer nach sich fragt, will sich vergewissern, unter Umständen sogar prahlen oder auf sich neugierig machen. Ist ein Erkenntnisgewinn erwartbar? Wohl kaum. Vor allem geht es wohl dem Menschen darum, die biografische Hoheit zu gewinnen und zu behalten.

Selbstzweifel, eigenes Versagen und zu missbilligendes Verhalten stehen nicht im Zentrum der Selbstbetrachtung, sondern diese soll nach vorausgegangenem anfechtbarem Tun die Läuterung erklärbar machen: also Saulus wird Paulus. Dabei geht die Schere weit auseinander.

Meine biografische Selbstwahrnehmung ist kaum deckungsgleich mit einer investigativen Fremdwahrnehmung. Ist die Diskrepanz zwischen dem, wie ich mich selbst sehe und demjenigen, wie mich andere sehen, überwindbar? Werden meine Erklärungsversuche, mein Leugnen oder mein Trotz die Unterschiede einebnen? Natürlich ist es nachvollziehbar, dass wir mit uns gnädiger als mit anderen umgehen, nichts unversucht lassen, uns zu rechtfertigen, wo Offenbarungen nicht vermieden werden konnten. Wie will ich denn in aller Öffentlichkeit eine Bestätigung dessen finden, was ich selbst von mir weiß und dennoch zu verbergen suche?

Mit meiner Biografie will ich nach Möglichkeit gnädig umgehen. „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ Erkenne dich selbst! Ist dies mehr, als ein frommer Wunsch? Eher glaube ich dank meiner vielen Identitäten, die meine Biografie bestimmen könnten, ein Chamäleon, ein Buch mit sieben Siegeln zu sein, als ein eindeutiges Zeichen. Biografien sind also nie eindeutige Fixierungen einer Persönlichkeit, sondern werden stets genährt durch Geschichten, die wir selbst erfinden oder von anderen Menschen erfahren.

So sind die Titelhelden aller unserer Biografien Menschen, die mit uns auf der Lebensbühne stehen, unsere Familie, Freunde, Verwandte und viele andere Menschen, die die Matrix unseres Lebens prägen. Das mit uns Gewesene blüht so auch in der Zukunft weiter. Unsere Biografie ist als Teil des Ganzen niemals auf uns beschränkt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Beschäftigung

Junge Menschen haben häufig ein distanziertes Verhältnis zur Ausbildung. Dies beruht zum einen auf einer zu langen Ausbildungsdauer, zum anderen auf dem Misstrauen gegenüber der Richtigkeit und Verlässlichkeit von Ausbildungsinhalten. Kinder und Jugendliche sind im Zuge ihrer Entwicklung einer steten Veränderung unterworfen. Ihr Lebensumfeld entwickelt sich jedoch nicht oder nur schwerfällig.

Die Modelle bleiben die alten. Sie passen sich den jungen Menschen nicht an. Junge Menschen sind flexibel und digital aufgerüstet. Der Unterschied von Umfeld und eigener Erwartungshaltung führt zur Frustration, denn für den jungen Menschen ist es immer Zeit für den Aufbruch. Jugendliche wollen sich bewähren, ihre Kräfte messen.

Damit sind nicht nur die körperlichen Kräfte, sondern auch ihre emotionalen und geistigen Kräfte gemeint. Es ist oft zu beobachten, dass sogenannte bildungsfeindliche und scheinbar aggressiv ablehnende Kinder und Jugendliche sofort zur „Sache“ gehen, wenn es ein Problem gibt, welches sie lösen können. Sie wollen gerne etwas tun, aber die Reaktion der Erwachsenen ist häufig: „Das kannst Du noch nicht, dafür bist Du noch viel zu jung und unerfahren.“

Mit solchen Reaktionen machen wir generationenübergreifend Fehler. Wir können unsere Kinder und Jugendliche nicht für uns gewinnen, wenn wir ihnen keine Beschäftigung geben, sondern glauben, ihr Kopf müsse mit Lehrstoff vollgestopft werden, dann kämen sie nicht auf dumme Gedanken. Aber dann schlagen sie doch plötzlich aufeinander ein, quälen einander, verprügeln Lehrer, rauchen und trinken, schneiden sich tiefe Wunden ins Fleisch und brüllen Parolen.

Das haben weder die Gesellschaft noch die Eltern gewollt. Darauf kommt es aber überhaupt nicht an. Die Jugendlichen gestalten ihren Raum oft deshalb nicht, weil wir glauben, ihnen diesen zuweisen zu müssen. Für sie ist dieser durch uns vorgeschriebene Raum aber oft eng, lieblos und ohne Ideale. Wir aber müssen unseren Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten eröffnen, sich selbst auszuprobieren und zu beweisen. Nur damit erkennen sie ihre eigenen Fähigkeiten. Auf etwas stolz zu sein und Anerkennung zu erfahren, ist für alle Menschen wichtig, besonders aber für Kinder und Jugendliche, weil Selbstzweifel oft in Aggressionen umschlägt. Dies mit verheerenden Folgen für den Jugendlichen selbst, seine Familie und die ganze Gesellschaft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erregung

Als ich als junger Anwalt einmal vehement den Rechtsstandpunkt meiner Partei vortrug und mich dabei echauffierte, weil ich den Eindruck gewonnen hatte, das Gericht wolle unserer richtigen Ansicht nicht folgen, bemerkte der Anwalt, der die Gegenpartei vertrat: „Herr Kollege, bekommen Sie denn auch eine Erregungsgebühr?“ Ich schloss meinen Mund, konnte und wollte nichts mehr sagen, während der Kollege in aller gelassenen Breite seine Ansichten vortrug, die nach meiner Überzeugung zwar hanebüchen waren, aber mit meinem Enthusiasmus jetzt nicht mehr bekämpft werden konnten. Die Luft war durch seine Bemerkung raus. Diesen Prozess gewann ich erst in der Berufungsinstanz, nachdem ich nicht nur gelernt hatte, Anderen den Vortritt zu lassen, sondern mich überhaupt nicht mehr aufzuregen, meine Emotionen für mich zu behalten. Wenn wir uns erregen, verengen wir unser Blickfeld, das heißt wir nehmen nicht mehr wahr, wie Andere auf uns reagieren, verlassen das Spiel des sprachlichen und des mimischen Miteinanders und konzentrieren uns ausschließlich auf die Bedeutung des eigenen Vorbringens. Dies geschieht in der Weise, dass wir die Äußerungen anderer Menschen nicht mehr berücksichtigen, sondern ihre Zu- gangssperren – völlig egal, ob diese zu Recht aufgebaut sind oder nicht – zu überwinden trachten, um sie direkt verbal zu erreichen und zu überstimmen. Wir glauben in diesem Moment, dass es so etwas wie ein Gehorsamszentrum gibt, in das wir korrigierend eingreifen könnten, vorbeugend und erzieherisch gleichermaßen einwirkend, alle Widerstände gegen unsere Belehrung beseitigen dürften. Das, was bei der Kinder- und Ju- genderziehung manchmal klappt, in Abhängigkeitsverhältnissen zu Duldungssituationen führt, kann keinerlei Bestand haben im Verhältnis zwischen gleichberechtigten und ebenbürtigen Gesprächs- und Ver- handlungspartnern. Statt uns zu erregen, müssen wir versuchen, das zu entdecken, was uns Widerstand leistet. Dies können gewichtige Argumente sein, die wir so vielleicht nur noch nicht betrachtet haben. Es können aber auch Attitüden sein, die nur auf einem Selbstbehauptungswillen des anderen Menschen beruhen. Der Kollege, den ich eingangs erwähnte, ist selbstverständlich beruflich verpflichtet, den Rechtsstandpunkt seines Mandanten zu wahren und kann nur dann auf meine Seite gezogen werden, wenn ich ihm etwas anbiete für seine Bereitschaft, dies zu tun und meine Argumentationen abzuwägen. Eigentlich ist jeder Gesprächspartner im Prinzip einsichtsfähig, benötigt zur Förderung dieser Einsicht aber eine besondere Form der Ermunterung durch Wertschätzung, Anerkennung der Argumente und allmähliche, in der Regel feinsinnige Annäherung von Positionen.

Selbst, wenn auf den ersten Blick argumentativ alles gut vertraut erscheint, ist es dies in der Regel nicht, sondern jeder Mensch ist offen für alle Möglichkeiten, die geboten werden, um den Stolz der eigenen Position zu wahren. Der nicht durch Erregung und eigene Emotionen blockierte Geist ertastet diese Möglichkeiten und verhält sich teilweise angepasst, teilweise fordernd hinsichtlich aller Chancen, die der Verlauf eines Gesprächs bietet. Aber nicht nur der Gesprächsverlauf sollte durch die Erregungslosigkeit markiert werden, sondern kaum irgendeine Auseinandersetzung des täglichen Lebens ist es wert, dass sie mit Erregungen befrachtet wird. Erregung befreit nicht, weil sie abprallt an denjenigen Menschen, die die Erregung auslösen und schädigend wirken im eigenen Selbstverständnis. Die Selbstbefragung des Erregten beschäftigt sich damit, weshalb die Anderen seinen offensichtlich besseren Argumenten nicht gefolgt sind, und lässt bei ihm gegebenenfalls auch Selbstzweifel entstehen, ob er vielleicht nicht gut genug gewesen sei. Der Prozess kann schließlich in völliger Ablehnung der Situation und im Rückzug enden. Zur emotionalen und geistigen Erschöpfung kommt die körperliche, die oft nicht kompensiert werden kann, sondern sich entlädt in der Vergabe weiterer Erregungen zum Beispiel gegenüber Mitarbeitern, der Familie und sonstigen völlig ahnungslosen Menschen. Deshalb ist es oft ganz wichtig zu bedenken, dass man mit Erregungen nichts verdienen kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski