Schlagwort-Archive: Sinnhaftigkeit des Lebens

Wind of Change

Es ist ein Sturm der Veränderung über unser Land und diese Gesellschaft in den letzten Jahren hinweggefegt. Wer das leugnet, ist ein Ignorant. Es ist auch ignorant, eine situative Anpassungsfähigkeit der Menschen zu fordern, wohlwissen, dass Veränderungen zwar möglich sind, aber nur allmählich als Entwicklungsprozess. Schauen wir genau hin, erkennen wir, dass dem auf Arbeitssicherheit programmierten Menschen zunehmend Zeitjobs angeboten werden.

Wo soziale Sicherheit erwünscht ist, muss er sich ggf. mit Hartz IV begnügen. Die komplett veränderte Arbeitswelt ist vielfach beschrieben, so dass ich mich auf wenige Stichworte konzentrieren kann. Gleiches gilt für die Freizeit. Taubenzucht, Briefmarkensammeln und sonstige genügsame Beschäftigungen vermitteln Freude am Tun, aber auch Kameradschaft und Geborgensein in der Gemeinschaft. Es gibt weiterhin solche Erfahrungen. Das leugne ich nicht, aber es sind nicht viele, die meist auch mit großem Aufwand verbunden sind. Dies können sich aber nur Wenige leisten.

Die Vielzahl der Menschen in unserer Gesellschaft erleben soziale Isolierung und Desinteresse an ihrer beruflichen Leistung als deprimierend. Vielen Menschen fühlen sich nicht nur als nicht anerkannt, sondern sie sind es auch. Die Erkenntnis und der einmal ausgesprochene Satz: „Ich verstehe Euch“, könnte eine Veränderung einleiten, die wieder die Wahrnehmung des Menschen in der Gesellschaft, bei der Arbeit, in der Familie und bei sich selbst im Fokus hat. Der Wert des Menschen in der Gesellschaft kann nicht durch Konsum erkauft werden, sondern nur durch sinnvolle Angebote zum wertschöpfenden Handeln.

Dies wurde schon sehr deutlich in der unerwarteten Bereitschaft vieler Mitbürger, sich bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise einzubringen, aufopfernd Hand mit anzulegen, um die Probleme zu meistern und sich zu freuen an dem dadurch erreichten Erfolg. Auch die von mir benannten frustrierten Menschen verfügen über gleiche Qualitäten, wurden aber nicht mit Möglichkeiten angesprochen, die es ihnen wieder leicht gemacht hätten, einen Gemeinsinn in ihrer Existenz zu entdecken.

Diese Menschen einzuladen, mitzumachen an gemeinsamen Projekten mag utopisch klingen, ist aber eine Chance, sie von der Sinnhaftigkeit ihres Lebens zu überzeugen. Nicht mit Einschränkungen oder Verboten, Reglementierungen und Vorschriften ist hier weiterzukommen, sondern mit der Offenheit, Freiräume für ein Tätigkeitwerden dieser Menschen zu öffnen. Der Aufruf zum Mitmachen allein reicht nicht, sondern das positive Handeln muss belohnt werden.

Es muss Spaß machen, sich zu engagieren. Das Maß des Engagements muss sichtbar werden und wieder eine soziale Anerkennung erfahren, die nicht nur in Geld zu bemessen ist. Das Leben ist nicht für Geld und das Geldverdienen da, sondern das Geld ist die Transmission unseres Engagements in eine andere Sphäre, um dann wieder in eine Form der Konkretheit zurückgeführt zu werden.

Soziale Anstrengungen gelingen nur, wenn alle mitmachen, d. h. diejenigen, die sich heute noch allein mit Geld freikaufen wollen, müssen erkennen, dass diese Form der Freiheit in unserer Gesellschaft zunehmend weniger zählt. Jedem muss erklärt werden, dass es einen Platz außerhalb unserer menschlichen Gemeinschaft nicht gibt, dieser Platz aber nicht selbstverständlich ist, sondern verdient werden muss.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gehirntod

Beim Nachdenken über den Gehirntod kommt mir Erich-Marie Remarques Roman „Hunde, wollt ihr ewig leben“ in den Sinn. Der Körper ist unwesentlich, wird zeitlebens zerschlissen und schließlich auf dem Schlachtfeld zerfetzt. Was ist am Körper so wichtig, dass man ihn als Träger des Geistes bezeichnet? Was ist am Gehirn so einzigartig, dass man ihm die Entscheidungsmacht über unser Dasein zumisst. In jeder Körperzelle ist auch Gehirn. Überall können Köpfe wachsen, um zu denken.

Ich beschreibe dies in der Novelle „Befund!“ wie folgt: Dem armen Helden wächst bei seinem Irren über die Flure einer psychotherapeutischen Anstalt ein Kopf aus dem Bein, der selbständig zu denken beginnt und viel Verwirrung stiftet. Wer oder was muss hier tot werden, um unseren „Helden“ endgültig zu erledigen? Der matte alte Kopf, der keinen Ausweg mehr erkennt oder das denkende Beingehirn, das sich verselbstständigt hat? Was ich damit sagen will: Dem Gehirn wird als Substanz vielleicht zu viel Bedeutung beigemessen. Was juckt es das Gehirn als Denkorgan, wenn der Körper versagt und ihm Organe entnommen werden können. Als Körper aber durchaus, denn die Zufuhr an Traubenzucker und Sauerstoff wird unterbunden. Könnten wir beides stets gewährleisten, käme es also auf den Körper überhaupt nicht an. Das beschreibt aber nur das Körperliche des Vorgangs. Es erklärt nicht, was Geist ist und was Gehirn vermag. Was ist denn eigentlich Gehirn? Das Wesentliche? Und wenn es das Wesentliche ist, wird es dadurch beendet, dass Körper und Gehirn versagen?

Als ein naher Angehöriger starb, war sein Geist noch für ein paar Stunden im Raum. Auch ich habe es gefühlt und geahnt. Nähern wir uns dem Tod vom Leben her? Mich hat einmal ein Vortrag über die ägyptische Kultur überrascht, und dabei die Erkenntnis, dass man ihr nicht nur von Europa sondern auch von Afrika aus begegnen kann. Also: Wir haben einfach keinen Maßstab für eine abschließende Betrachtung unseres Gehirns entwickelt. Vom Tod her denkend könnte ich die Sinnhaftigkeit des Lebens besser einordnen und dem Gehirn eine ahnungsvolle Bedeutung zumessen. Das hat überhaupt nichts mit Spinnerei zu tun. Kann das menschliche Gehirn nicht ersetzt werden? Ist das Gehirn der spirituelle Nukleus unseres Seins? Metaphysisch tot, gibt es das überhaupt? Ist Wesen jemals tot? Ist Wesen jemals lebendig? Ist Wesen nicht überhaupt nur ein Zustand an sich und unserer armseligen Diskretion anvertraut?

Intensiv haben Geologen, Philosophen, Dichter und Mediziner sich mit allen Aspekten dieser und weitergehender Fragestellungen auseinandergesetzt. Dabei reißen sie Definieren, Geist, Seele und Leib auseinander, um sie dann wieder zusammenzuführen in dem Bestreben, nur nichts falsch zu machen, die Einheit der Anschauung zu bewahren. Das kann richtig sein, aber sind wir denn wirklich so wichtig? Ist es denn entscheidend für den Menschen, ob er gehirntot ist, wenn man ihm Organe entnimmt. Substantiell ja, aber vom Wesen her wohl eher nicht. Hat ein Körper Bedeutung, wenn das Gehirn physikalisch erledigt ist? Wohl eher doch, wenn man sich darauf verständigen könnte, dass jede Körperzelle ein Teil des Ganzen ist. Ich muss gestehen, dass ich Probleme mit meiner körperlichen Zerlegung von Todes wegen habe, dagegen nicht unter Lebenden. Wenn meine Angehörigen etwas benötigen sollten, zum Beispiel eine meiner Nieren, kein Problem für mich. Mit einer Niere kann ich weitermachen. Aber von Todes wegen bleibe ich, selbst, wenn das Gehirn nicht mehr in gewohnter Weise funktioniert, ein Ganzes.

Im metaphysischen Sinn gibt es wohl keine Gewissheiten, aber die Feststellung des Hirntodes durch einen Mediziner beruhigt die Familienangehörigen und Freunde. Jetzt kann man wirklich nichts mehr tun. Uns Menschen ist es besonders wichtig, nicht in der Schuld eines Toten zu stehen, wie natürlich auch der Tote möglichst keine ungeklärten Verhältnisse zurücklassen will. Die Menschen empfinden den Tod wohl als absurd, jedenfalls können sie ihm wenig abgewinnen. Ich dagegen meine, das Leben ist absurd, der Tod dagegen ein äußerst kreativer Akt der Purgation, lässt Neues zu und bietet vielen Menschen Gelegenheit, Geist und Seele ihrem „Schöpfer“ zur Musterung vorzulegen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski