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Eskalation (Teil 1)

In der U-Bahn sitzt mir ein Junge gegenüber. Er ist etwa 10 bis 11 Jahre alt. Aufgrund seiner äußeren Erscheinung nehme ich an, dass er einen migrantischen Familienhintergrund hat. Er beachtet mich nicht, telefoniert und spricht, so ist meine Wahrnehmung, ein sehr gutes Deutsch. Er hat sich aber so hingesetzt, dass er seinen linken Schuh hoch und auf den übernächsten Sitzplatz gestellt hat, eine für ihn bequeme Lage zum Telefonieren.

Auf der Bank neben ihm sitzt eine junge Frau, deren Alter ich auf etwa 40 Jahre schätze. Neben mir sitzt eine etwas ältere Frau, etwa 60 Jahre alt und neben ihr noch ein junger Mann, etwa 30 Jahre, nehme ich an. Die junge Frau ist in ihr Smartphone vertieft, aufgrund der Sichtbehinderung durch die ältere Frau kann ich nicht sehen, was der junge Mann macht, wahrscheinlich dasselbe. Die ältere Frau liest in ihrem Buch, es steigt auch ein Mann, etwa im Alter von 50 Jahren zu, setzt sich aber nicht, sondern steht in unmittelbarer Nähe dabei.

Ich fordere bestimmt, aber durchaus höflich, den Jungen auf, seinen Schuh von dem Sitz zu nehmen und begründe dies mit dem Argument, dass später sicher andere Menschen dort sitzen mögen und für diese es nicht angenehm sei, wenn zuvor Straßenschuhe dort gelagert haben. Ich wiederhole zwei Mal meine Appelle. Der Junge reagiert aber nicht. Nach meinem dritten Versuch, ihn anzusprechen, stellt er auch seinen weiteren Schuh auf den Sitz und zeigt mir seinen „Stinkefinger“, und zwar dies wiederholt. Wohlwissend, dass dies nichts bringen wird, aber sozusagen als Ausdruck meiner Hilflosigkeit werfe ich ihm schlechte Manieren vor. Der Junge reagiert aber auch darauf nicht mit einer Korrektur seiner Haltung. Nach drei weiteren Stationen steigt er dann aus.

Während ich ihn angesprochen habe, schaute ich mich schon um, die junge Frau grinste, starrte aber weiter in ihr Smartphone, hob den Blick nicht. Die Reaktion des jungen Mannes kann ich nicht feststellen, da er weiterhin von der älteren Frau verdeckt ist. Während meiner ganzen Ansprache hebt diese nicht den Blick aus ihrem Buch, der Mann mittleren Alters scheint nur körperlich anwesend zu sein. Keiner der Anwesenden im Abteil zeigte irgendeine Reaktion, was mich veranlasste, nachzufragen, ob denn keiner mitbekommen habe, um was ich mich hier bemühte und wie die Reaktion des Jungen ausfiel. Keine Reaktion…

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sozialblick

Nehmen wir zum Beispiel einmal an, eine ältere Person überquert mit dem Rollator langsam eine Straße, hat aber dann Schwierigkeiten, die Kante des Bürgersteigs mit dem Gerät zu überwinden. Nehmen wir einmal weiter an, eine schwangere Frau mit einem Kleinkind an der Hand besteigt die U-Bahn. Im letzteren Fall, keiner steht auf, im ersten Fall, keiner hilft. Es liegt nahe anzunehmen, dass unsere Gesellschaft immer mehr verroht und Gefühlskälte die Menschen davon abhält, dort einzugreifen, wo es erforderlich ist. Das kann, muss aber nicht zwangsläufig sein. Ausschlaggebend könnte auch sein, dass sich der soziale Blick verändert hat und Teilnehmer am öffentlichen Leben die Nöte und Probleme anderer Menschen nicht mehr oder nur eingeschränkt wahrnehmen.

Als ich im Winter eine junge Frau dabei beobachtete, wie sie ihre Stiefel auf die gegenüberliegende Sitzbank der S-Bahn stellte, sprach ich sie an und wies darauf hin, dass dort möglicherweise später jemand sitzen würde und es für diesen sicher nicht angenehm wäre, im mutmaßlich hinterbliebenen Schmutz der Stiefel zu sitzen. Die junge Frau reagierte erschrocken, nahm sofort ihre Stiefel vom Sitz und murmelte: „Entschuldigung, ich habe das nicht gemerkt.“

Viele Beispiele in dieser oder in anderer Form kenne ich und sicher jeder Leser auch. Die junge Frau in meinem Beispiel war in die Nachrichten ihres Smartphones vertieft, andere ebenfalls in irgendwelche Messages oder Musik. Die sozialen Medien verlangen Aufmerksamkeit und nehmen ihre Nutzer so gefangen, dass sie Vorkommnisse in der Realität außerhalb des eigenen Kommunikationsbereichs gar nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen können. Durch die Verengung des Blicks auf das Gerät verengt sich auch der Bereich des sozialen Schauens.

War es früher so, dass alle Menschen mehr oder minder neugierig in der U-Bahn waren oder die Straße entlanggingen, um etwas zu erfahren, zu beobachten oder auch zu kommunizieren, hat sich heute der Blick nach innen gewandt. Selbst dann, wenn die interaktive Kommunikation mit oder über den Apparat gerade nicht erfolgt, verändert sich der Blick nicht. Der Blick bleibt nach innen gewandt, Gedanken und Gefühle bei der letzten WhatsApp-Nachricht oder einer bevorstehenden Instagram-Aktionsrunde. Es ist also keine persönliche Gedankenlosigkeit oder Böswilligkeit des Verkehrsteilnehmers im öffentlichen Bereich, sondern der Verlust der Möglichkeit, den sozialen Blick zu schärfen, zu erkennen und zu reagieren.

Wenn die Realität allerdings nur eingeschränkt eine Rolle spielt, besteht die Gefahr, auch dann nicht reagieren zu können, wenn unvermutet Dinge geschehen, die eine Selbstgefährdung nicht ausschließen. Der Verlust oder die Einschränkung des sozialen Schauens ist ein Gefährdungstatbestand, der weitreichende Konsequenzen in allen menschlichen Bereichen, kognitiv, emotional und psychisch haben kann. Wir müssen den sozialen Kommunikationsverlusten entgegenwirken und Smartphones nicht als Lebens- sondern allenfalls als Ergänzungsinstrumente begreifen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Selfie

Nein, ich mache da nicht mit, weiß aber durchaus, dass via Instagram ständig Millionen, vielleicht sogar Milliarden an Bildern durch die Welt segeln, die einen Hintergrund aufweisen und davor jemanden, der sich selbst vor diesem Hintergrund fotografiert hat. Diese Selfies sind Normalität geworden. Vor allem junge Menschen tauchen vor irgendwelchen bekannten Bauwerken, wie dem Brandenburger Tor auf, halten sich das Smartphone vor die Nase, schneiden Grimmassen und drücken ab. Dann beobachte ich meist auch junge Menschen in der U-Bahn oder S-Bahn, die in Endlosschleifen Bilder auf ihrem Handy ablaufen lassen, diese Flut gelegentlich anhalten, und dann weiter laufen lassen.

Mir scheint das langweilig zu sein. Den meisten Menschen aber offensichtlich nicht, sonst würden sie es auch nicht machen. Sie „liken“ und werden „gelikt“. Das ist der ganze Spaß und die Wertschätzung, die sie erfahren. Davon kann man offenbar nicht genug haben, also hat Instagram eine goldene Zukunft.

Merkwürdig finde ich allerdings den Begriff Selfie, nicht wegen des Amerikanismus, sondern wegen seiner Aussage. Selfie heißt, es geht um mich selbst. Es geht um mich selbst vor irgendetwas oder irgendwem. Ich stehe im Vordergrund. Es geht um mich. Mich sollen die Leute sehen. Ich bin so wichtig. Vor wem oder was ich dieses Bild als Hintergrund gemacht habe, völlig belanglos, sondern bestätigt wird nur, dass ich in der Lage bin, das Bild von mir dort zu machen. Naheliegend, dass in kurzer Zeit der Hintergrund nicht mehr authentisch ist, sondern Fake und ich echt. Kann ich da so sicher sein?

„Erkenne dich selbst!“ So forderte Chilon von Sparta. Wie soll ich mich Grimassen schneidend auf einem Selfie für Instagram noch erkennen? Das Bild ist auch nicht für mich, sondern für andere bestimmt. Erkenne ich mich selbst und mache dabei eine eigene gute Erfahrung, wenn Tausende das von mir gepostete Bild liken?

Ich vermute, dass ein Gefühl der Unvollkommenheit, des Verlustes und des Unbehagens bestehen bleibt, weil keines der Bilder mich so zu zeigen vermag, wie ich selbst bin, wie ich mich empfinde und wie ich eigentlich als Mensch mit all meinen Sinnen von anderen aufgenommen werden möchte. Aber vielleicht irre ich mich da, oder?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erstarrung

Erstarrung? Die Welt ist in Bewegung, die Netze überlastet, Flugverkehr und Hochgeschwindigkeitsverhandeln von Finanzprodukten via Internet rund um die Uhr. Immer geschieht etwas und sei es auch an entferntester Stelle dieser Welt. Wir wissen es sofort und doch wirkt das uns überlassene Bild oft merkwürdig erstarrt.

Kriege, Krankheiten, alles präsent wie auf unserem Smartphone in tausenden, nein in millionsten Variationen und doch immer wieder die gleiche Pose, weltweit. Wie unsere Verhaltensweise erstarrt in globaler Gleichmacherei, erstarrt auch unsere Kultur.

Museen hinterfragen nicht unsere Einstellung, sondern zeigen uns das Gewesene. Konzerte und Opernaufführungen sind auch keine kulturellen Verbrauchsprodukte, sondern feine Speisen, die uns gelegentlich zur Erbauung vorgesetzt werden. Kunst und Kultur sind nicht in Aufruhr, sondern erstarren in Opportunitäten, Kommerz und Selbstbespiegelung. Die ökonomische Sinnhaftigkeit alles menschlichen Tuns untersagt ein Verhalten, das sich außerhalb der Norm stellt, ob im religiösen oder säkularen Bereich. Die Religion nicht infrage zu stellen, um Konfrontationen zu vermeiden, verhindert vielleicht eine gesteigerte Einsichtsfähigkeit in das Göttliche.

Kulturelle Dogmen nicht zu überwinden, gestattet auch ein flexibleres Denken nicht, das heißt ein Denken, dass über die eigene Perspektive hinausgreift. Es wäre vielleicht hilfreich für unsere eigene kulturelle Entwicklung in Europa, uns von afrikanischen Kulturen herzudenken und dabei Durchmischungen in der Interpretation und Hörweise von Musikwerken zuzulassen. Vielfalt verstört nicht, ist sicher anstrengend, aber lohnend.

Erstarrungen führen zu Besitzstandswahrungen, die Verlustsängste wachrufen. Man kann auf dieser Art und Weise Kulturen zu Tode verteidigen, bis von ihnen nichts mehr bleibt als die in sich erstarrte Selbstbehauptung. Diese Kultur erklärt nichts mehr, fordert uns nicht mehr heraus, sondern vergrößert allenfalls noch unsere Macht, einen Tauschwert für Anderes zu erlangen, das uns mehr bringt als Kultur: Eigentum und Besitz.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski