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1968 (Teil 2)

Die Zwangsexmatrikulation nach dem 12. Semester war das eine, das andere die Revolte anheizende Thema war das Engagement der USA in Vietnam. Dieses Thema beflügelte wie kein anderes die Fantasie der Studenten und gab Gelegenheit zur Solidarität mit einem völlig unbekannten Volk in Asien, verschärfte aber entscheidend den Solidarisierungseffekt unter den Studenten. Es ging von Anfang an gegen die USA. Die USA waren Schutzmacht in Berlin und wurden von den staatlichen Autoritäten sehr hofiert. Die FU selbst erschien dabei als amerikanisches Konstrukt. Über kurz oder lang wären die Amerikaner daher wegen ihrer Präsenz in Berlin fällig gewesen, und zwar auch dann, wenn es nicht Vietnam, sondern irgendein anderes Ereignis gegeben hätte, in welches sie verstrickt waren. Aber der Protest war keine deutsche Erfindung, sondern das, was in den USA begonnen hatte, war in Berlin höchst willkommen. Je staatstragender verkündet wurde, was die Berliner den Amerikanern verdankten, umso höhnischer fiel die Replik der Studenten aus. Amerika hatte schwer zu schaffen mit der Konversion einer Segregationsgesellschaft in eine gemischte Gesellschaft von weiß und schwarz, musste das aufkeimende Bewusstsein gegenüber der Urbevölkerung, den Indianern erleben, Abschied nehmen vom Mythos „God’s own Country“ und unseligerweise auch in die asiatische Katastrophe schlittern. Japan, Laos und Kambodscha entsprachen bereits der amerikanischen Fehlkalkulation, Vietnam kam hinzu. Dort hatten die Franzosen versagt. Es war ihnen nicht gelungen, das korrupte Regime gegen Ho Chi Minh erfolgreich in Stellung zu bringen. Die Amerikaner fühlten sich gerufen und begannen 1963, ihre Möglichkeiten zu erproben. Elegant für die Franzosen, sich zurückzuziehen, und ein Debakel für die USA. Außenpolitische Erfolge waren gefragt und Kennedy hätte nicht gezögert, Zeichen zu setzen, wäre ihm das Risiko nicht selbst zu hoch erschienen. Nun waren die USA nolens volens Kriegspartei in Vietnam und Dank einer zunehmend medialen Öffentlichkeit Projektionsfläche öffentlicher Proteste auch an der Freien Universität Berlin. Napalm, brennende Dörfer, vor allem aber das augenscheinliche Missverhältnis zwischen an Footballplayer erinnernden Soldaten und ihren Counterparts mit Strohhüten, verwitterten Gesicherten und langen Pfeifen schärften das Gerechtigkeitsgefühl. Dieser Suggestion der Bilder vermochte sich niemand zu entziehen. Neben inneruniversitären Problemen hatten die Studenten so ein weiteres Thema, welches Solidarisierungen gestattete, und zwar über kontroverse politische Ansichten hinweg.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

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