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Selbstmitleid

Es herrscht großes Leid in dieser Welt. Dies ist nicht unvorstellbar, sondern vorstellbar, weil wir es täglich sehen. Aus unterschiedlichen Gründen sterben täglich Menschen weltweit unter höllischen Qualen, aber auch bei uns herrscht großes Leid.

Hiob ist keine ferne biblische Gestalt, sondern begegnet uns täglich auf unseren Straßen, mal als Bettler verkleidet, mal als Straßenkind, mal jung, mal alt. Viele Menschen tragen großes Leid. Manche dieser Menschen erfahren Mitleid, teils tatkräftig durch Helfer im Einsatz in Kriegsgebieten und Flüchtlingscamps, teils emotional durch Solidaritätserklärungen und Durchhalteappelle.

Was bedeutet nun Mitleid? Heißt es: „Dein Leid ist auch mein Leid und ich teile es mit dir?“ Angesichts der Unüberbrückbarkeit der Wahrnehmung eines in Afrika verhungernden Kindes und unserer wohlbehüteten Zuwendung erscheint mir dies kaum möglich. Und doch sind all die Menschen, die in dieser Welt unter erbärmlichen Umständen leben oder sterben, darauf angewiesen, dass wir hinschauen, uns ihrer Erbarmungswürdigkeit bewusstwerden.

Keine Distanziertheit tröstet uns darüber hinweg, dass Leid Teil eines weltumspannenden Prozesses des Werdens und Vergehens ist, da jeder von uns auch Teil des Ganzen ist. Deshalb ist es auch eine Frage des Selbstmitleids, das wir aufbringen müssen, um das Leid anderer zu erkennen, dieses zu verkraften und zu lindern. Wenn wir helfend handeln, dann auch um unser selbst Willen aus Selbstmitleid.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski