Schlagwort-Archive: Souveränität

Zeitfixum

„Just in time“, das heißt, gerade zur richtigen Zeit das Richtige zu vollbringen. Die Fixierung der Zeit im Hinblick auf ein genau dazu passendes Ereignis setzt organisatorisch zunächst voraus, dass alle dazu notwendigen Komponenten greifbar und das Ziel nicht nur abgesteckt, sondern auch erwartbar ist. Ein zeitgenaues Handeln verlangt neben der Kompetenz der Beteiligten auch deren Souveränität.

Dabei ist keineswegs die Homogenität sämtlicher Handlungsschritte zum angestrebten Ergebnis gefordert, sondern die prozessuale Berechenbarkeit des Tuns im Hinblick auf das erwartbare Ergebnis. Erwartungsbedingtes Handeln geht hier Hand in Hand mit der Kontrolle bei der Zusammenführung unterschiedlichster Komponenten, die zwar ergebnisoffen eingesetzt und daher durchaus auch für Überraschungen sorgen können, aber in einem kontrollierten Prozess wirken.

„Just in time“ bringt zudem die Befriedigung der Handelnden darin zum Ausdruck, dass von ihnen alle institutionellen und inhaltlichen Möglichkeiten genutzt werden, um etwas zu schaffen, das unter Ausnutzung des Zeitmoments Einsichten erlaubt, die eine neue Sichtweise ermöglichen, sei es im wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen oder persönlichen Bereich.

Wer zur richtigen Zeit handelt und die richtigen Maßnahmen ergreift, entlastet sich selbst von Rechtfertigungszwängen und läuft eher nicht Gefahr, einer Kritik ausgesetzt zu werden, die das Zeitmoment als Anlass nimmt, auch inhaltlich die Ergebnisse zu beanstanden. Genau dies erleben wir sehr oft mit dem Hinweis, warum dies oder jenes nicht schon längst getan worden sei oder auch bei der Nachfrage, warum der erste Schritt nicht vor dem zweiten getan wurde. Es kommt also darauf an, Zeit und Handeln miteinander in Einklang zu bringen und so auch die Akzeptanz der Adressaten des Handelns erwartbarer zu machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vertraut sein

Wem kann ich vertrauen? Von dieser Frage hängt im Leben aller Menschen viel ab. Die gesamte Werbung ist auf Vertrauen aufgebaut und auch unser persönliches Werben um andere Menschen, die uns nahe sind oder uns näher kommen sollen. Oft bleibt uns Menschen nichts anderes übrig, als zu vertrauen, denn Vertrauen schafft zumindest Hoffnung.

Es gibt Momente, die das Vertrauen rechtfertigen, aber rechtsverbindlich wird es dadurch nicht. Vertrauen beruht nicht auf Anspruch, sondern auf Gewährung und setzt darauf, dass derjenige, der Vertrauen begehrt, souverän im Interesse des Vertrauenden handelt. Er muss großzügig, aufklärend und verantwortungsbewusst damit umgehen können.

Trotz des sorgsamen Umgangs mit gewährtem Vertrauen, muss der Vertrauensnehmer einkalkulieren, dass das in ihn gesetzte Vertrauen objektiv nicht gerechtfertigt war. Dann muss er nach Lösungen suchen, um dem Vertrauenden Genugtuung ggf. Kompensation und Ersatz zu verschaffen.

Was in wirtschaftlichen Funktionszusammenhängen Erfolg haben mag, scheitert meist in persönlichen Beziehungen. Eine gestörte Vertrautheit, die auf Verabredungen beruht, ist nicht kompensierbar. Eine letztgültige Vertraulichkeit zwischen Menschen scheitert schon an ihrer Behauptung. Nähe beruht auf Souveränität und Achtsamkeit. Durch Nähe wird das Maß an Fremdheit bestimmt. Je detaillierter diese erarbeitet wird, desto geringer wird die Fremdheit und rechtfertigt Vertrauen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Alter (Teil 1)

Das Klischee vom alternden Menschen hält einer Überprüfung nicht stand. Er ist anders, als wir uns ihn vorstellen wollen. Wir wissen nichts von ihm. Wir sind sogar bereit, ihn lächerlich zu machen, weil wir ihn nicht einschüchtern können. Er lässt es zu, weil ihm der Spott der jüngeren Menschen gleichgültig ist.

Der ältere Mensch will aber nicht 20 oder 30 sein. Er sehnt sich keineswegs in die Rolle eines Teenagers zurück, sondern will allenfalls dann noch den Körper eines 20-Jährigen, wenn er die Fähigkeit seines Alters besser ausleben möchte. Im Gegensatz zur Ansicht jüngerer Menschen hat der ältere Mensch noch Potenzial. Sein Potenzial liegt in der Lebenserfahrung, in der Souveränität im Umgang mit Regeln und deren Durchbrechung. Die Souveränität des älteren Menschen liegt vor allem in dessen Unverwundbarkeit. Als Tschernobyl über uns alle hereinbrach, ging mein Vater unbekümmert in seinen Garten und erklärte der staunenden Familie, dass ihm der Atomregen nichts antun könne. Er hatte Recht, und wir wissen es. Das Kalkül des älteren Menschen ist seine Endlichkeit. Das Kalkül des jungen Menschen ist seine Unendlichkeit, die er täglich verteidigen muss. Das macht den jungen Menschen unfrei und oft genusslos. Der ältere Mensch begibt sich in keine Konkurrenzsituation. Er genießt meist. Der ältere Mensch genießt jeden Tag die Wärme, die Kälte, seinen Hunger, seinen Durst und seine Fähigkeit zu sehen, zu hören, zu riechen. Er hat Zeit, er ist gebildet, er hat möglicherweise Geld aber vor allem Freude. Freude am Lernen, Freude am Arbeiten, Freude an seinen Enkelkindern. Dagegen plagen sich seine Kinder in den besten Jahren mit ihren Kindern, also seinen Enkelkindern, sind im ständigen Kampf zwischen Erwerbssucht und Vergnügen gefangen. Sollte der ältere Mensch nicht denjenigen, die so durch ihre Zeit rasen, Einhalt gebieten, auffordern auszusteigen aus ihrem lauten Gefährt? Er könnte es, muss es aber nicht. Der ältere Mensch wäre nicht weise, wenn er der Jugend ihre Jugend nicht ließe, denn wenn die Jugend schon nach dem Alter strebte und so sein wollte wie er, bliebe dem Alter nichts Besonderes mehr.

Sex und Körperlichkeit. Dies reklamiert die Jugend für sich und vergisst dabei oft das Entscheidende: Erotik! Die Fantasie des älteren Menschen ist weit ausgeprägter als diejenige der Jugend. Die Jugend will tun. Sie will machen. Sie will erleben. Sie will Luft ablassen. Sie will fahren, springen, rennen. Im Kopf und in der Seele des älteren Menschen ist eine Bilderwelt, ein Kosmos von Blicken, Empfindungen, Gedanken und Erfahrungen. Düfte und Geschmäcker haben sich verwoben in einem gelassenen Augenblick der Lust. In fast jedem Au- genblick empfindet der ältere Mensch Lust. Lust am Leben. Lust am Sex. Lust an der Beobachtung. Lust an der Arbeit. Lust an der Bildung. Lust am Wissen. Alles ist Lust.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski