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Bürgertum

Es entspricht dem Zeitgeist, den Wertverfall zu beklagen und in diesem Zusammenhang das Bürgertum als Hort des Wertes zu benennen. Das war es dann aber auch. Die Werte selbst, die das Bürgertum schützen soll, detailliert aufzuzählen, das geschieht dann doch lieber nicht. Das aus gutem Grund. Werte entstehen nicht aus sich heraus, sondern Werte werden geschaffen. Sie werden von denjenigen geschaffen, die für sich selbst daraus Vorteile ableiten, seien diese individuell oder kollektiv.

Wenn mehrere dann gleicher Meinung sind, entstehen Verbindlichkeiten, die, soweit Macht und Einfluss reicht, auch für diejenigen als allgemeinverbindlich angeordnet werden können, die derselben Wertegemeinschaft eigentlich nicht angehören. So verhält es sich mit dem Kirchenkodex, dem Kodex des Adels und selbstverständlich auch des Bürgertums.

Die Form bestimmt den Inhalt und die Möglichkeit, durch soziale Kontrolle auf die Einhaltung der Normwerte zu achten. Dessen eingedenk, wie sieht es denn heute mit den bürgerlichen Werten aus? Wer erklärt sie für allgemeinverbindlich? Wer schützt sie? Gibt es noch ein Bürgertum, das durch gemeinsame Selbstbehauptung in der Lage ist, einen verbindlichen Kodex der Verhaltensweise aufzustellen und auch bereit ist, sich selbst noch an diesem Kodex jenseits des individuellen Anspruchsverhaltens zu orientieren?

In einer Zeit des „anything goes“ ist es wohlfeil, mit der Hülle des Bürgertums durch die Gegend zu laufen und diese Hülle als Mäntelchen für jedwede Ansicht zu nutzen, die dem eigenen sektierischen Anspruch genügt. Eine Bürgerlichkeit, die wertetragend sein könnte, ist nur durch eine gesellschaftliche Verabredung jenseits von Einzelinteressen zu haben. Bürgerlichkeit ist kein Kampfbegriff, sondern die mehrheitliche Überzeugung, geschaffen durch einen Contrat Social. Die Werte, die diese Vereinbarung beinhalten sollte, dürften sich fügen aus Menschlichkeit, Demut, Akzeptanz, Rücksichtnahme, gemeinsamem Wollen, Teilen, Umweltbewusstsein, Offenheit für Neues, Respekt und Anerkennung von Leistungen auch der anderen Menschen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Populismus

Was sind die Ursachen des Populismus? Was hat ihn hervorgerufen und welche Umstände befördern ihn? Die Spekulationen dazu füllen Zeitungen und Bücher und sind in vielen Talkshows präsent. Merkwürdigerweise habe ich im öffentlichen Diskurs bisher nicht vernommen, dass es hierfür auch systemische Gründe geben kann. Ein bestimmender Aspekt bei dem Verlust von Ordnung.

Aus meiner Sicht sind es nicht diffuse gesellschaftliche Gründe, die den Populismus bewirken, sondern ganz konkrete Umstände des menschlichen Zusammenlebens, die wir zur Disposition gestellt haben. Es geht dabei um das sogenannte Milieu, den Kiez und natürlich auch um die Enge der nachbarschaftlichen Kontrolle. Diese Form der Gemeinschaft erschien der Zwischengesellschaft verpieft, nicht aufnahmefähig durch andere Menschen, unmodern und akulturell.

Angefangen von der Hausgemeinschaft bis zum nachbarschaftlichen Miteinander in Gaststätten und Kegelklubs wurden diesen Gemeinschaften Attribute wie zwanghaft und spießig zugeordnet. Dabei funktionierte die soziale Kontrolle und verhinderte ein Auseinanderbrechen solidarischer Lebensvorstellungen.

Statt Miteinander, Vernunft und ähnlicher Zielorientierung sind Unzufriedenheit und Egoismus in die Kieze eingezogen. Dies bietet keine Geborgenheit mehr. Selbstverständlichkeiten werden aufgerissen durch Fremdheit und Ängste, Paralysierung durch Medien und das Internet. Den medialen Angriffen auf sein Selbstverständnis kann das Milieu nichts mehr entgegensetzen. Das Ergebnis sind Unsicherheit, Angst und der verzweifelte Versuch seiner Bewohner, zumindest im Protest eine Heimat zu finden. Es geht dabei weniger um Inhalte, als um die Chance sich durch ein bestimmtes Auftreten Respekt und Gehör zu verschaffen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski