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Identität

Von „Cogito, ergo sum“ bis „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ reicht die menschlichen Experimentierfreude, die eigene Existenz zu ergründen, herauszufinden, wer man denn eigentlich sei.

Und, gelingt es uns? Naheliegenderweise prüft sich der Mensch zunächst im Spiegel. Wer schaut da zurück und zudem seitenverkehrt? Kenne ich diese Person, ist sie mir vertraut? Als Spiegelbild möglicherweise, aber nicht so, wie die Erscheinung im Spiegel vorgibt. Bin ich das? Wenn ich versuche, mich zu begreifen, womit fange ich denn an? Welche Hilfsmittel stehen mir zur Verfügung? Sind es die Funktionen meines Körpers, die Gedanken und die Gefühle? Einer möglichen Momentaufnahme meiner Selbstwahrnehmung begegnet der Einwand, dass sämtliche Lebensstationen mich geformt hätten, und zwar nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit und auch die Erwartungen an mich in der Zukunft.

Die Zeit ist nicht abzustreifen wie eine Schlangenhaut. Nur, wenn alles Ich-Sein in seiner gesamten Totalität in mir versammelt ist, könnte dies meine Identität absichern, wobei auch diejenigen Umstände nicht zu vernachlässigen sind, die außerhalb meiner Person liegen, die mich ebenfalls formen und mich in meinem Ich-Sein bestätigen. Wie verlässlich kann aber eine solche Bestätigung sein, wenn der Blick anderer auf mich möglicherweise verfälscht oder gar zu flüchtig ist? Anderen die Bestimmung meiner Identität zu überlassen, erscheint mir daher unvollkommen.

Wie aber schaffe ich es, meine Eigenbetrachtung als authentisch zu begreifen? Soweit ich mich nur um Konkretheit bemühen wollte, dürfte dies aussichtslos sein, denn nicht nur meine Gedanken, sondern auch meine Empfindungen sind fast stets opportunistisch.

Schon aus Gründen meines Selbstschutzes bestätigen sie die Muster meines eigenen Wunschkataloges. Je intensiver ich versuche, mich selbst zu interpretieren und so meine Identität zu klären, desto weiter scheine ich mich dadurch von mir selbst zu entfernen, darauf hoffend, dass meine Existenz grundsätzlich nicht auf einem Trugschluss beruht. Ich also nicht sei, wer ich bin oder vorgebe zu sein.  

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski