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Unterforderung

In der Unterforderung des Menschen liegt der Schlüssel zu seiner Überforderung. Das mag wie ein Paradoxon klingen, ist es aber nicht. Der unterforderte Mensch drückt sich dadurch aus, dass er seine Fähigkeiten, selbst aktiv in Erfahrungsprozesse einzugreifen, reduziert, zumeist sogar verkümmern lässt. Der Grund ist eine Übersättigung mit Angeboten im visuellen und sprachlichen Bereich, ein medialer Overflow gigantischen Ausmaßes: Werbung, Internet, Fragebögen und Ansprüche. Der Mensch kommt nicht mehr zur Ruhe.

Dem gefühlten Zeitverlust folgt die Lethargie. Der Mensch fühlt sich unfähig, außerhalb des reduzierten Reaktionsmodus noch Informationen aufzunehmen oder gar Bildungsangebote zu verarbeiten. Der Mensch liest nur noch das, was er muss. Er ist bereits durch das wenige wirklich Wichtige in den Medien und in Büchern, aber auch im Internet und in den Gesprächen mit anderen überfordert. Er hastet von einer Anstrengung zur nächsten und hofft, dass es ihm gelinge, ungefährdet in Distanz zu jeglicher Herausforderung diese schwierige Prüfung seines Selbstwertgefühls zu überstehen.

Noch behauptet er seine Aufgeschlossenheit gegenüber Kunst, Kultur, dem Leben, aber erkennbar zieht der Mensch schon insgeheim jeden kurzweiligen visuellen Eindruck dem zu lesenden Text, der Lyrik oder gar einem Roman vor. Er hat in seinem Bedürfnis nach umfassender Bildung aber nicht nachgelassen und ahnt den Verlust. Der Mensch versucht, diesen zu kompensieren durch eine Überfülle von Sprachfetzen, Telefonaten, E-Mails, Handyfotografien und Musikschnipseln. Unterfordert durch die fehlende Wahrnehmungsfähigkeit eines Augenblicks oder eines wichtigen Gefühls bzw. Gedanken ist der Mensch überfordert durch die Totalität sämtlicher Eindrücke, Bilder und informatorischen Impulse. Diesem Menschen würde es helfen, einmal abzuschalten, einen einzigen Gedanken aufzunehmen, diesem nachzuhängen und darauf zu bestehen: Ich habe Zeit. Ich habe Zeit für mich, ich habe Zeit für meine Gedanken und ich habe Zeit für die Gedanken und Gefühle anderer Menschen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski