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Geteiltes Leid

Geteiltes Leid sei halbes Leid, so will es ein sehr bekanntes Sprichwort wissen. Ist das auch so? Wir müssen das herausfinden! Wir geben also unserem Gesprächspartner ein Stichwort, indem wir zum Beispiel auf unsere eigenen Rückenschmerzen verweisen. Was dann passiert, ist oft erstaunlich. Anstatt sich mitfühlend mir und meinen Rückenschmerzen zuzuwenden, erzählt der Angesprochene seine eigene Leidensgeschichte, und zwar angefangen vom Rücken bis zum Magen, von der Schulter bis zur Hüfte. Werden damit mein Leid und meine Leiden geteilt?

Ich glaube nicht, das Leid wird nicht geringer, sondern nur durch das Erzählen profanisiert. Das Leid wird verdoppelt und sogar bei mir und meinem Gesprächspartner vervielfacht. Abgewogen wird allerdings das Maß des Leids und dies kann die Genugtuung verschaffen, dass man selbst ja noch recht gut dabei weggekommen sei. Auf diese Art und Weise entlastet das Leid der Anderen – auch wenn es als aufgedrängt empfunden sein sollte. Je umfassender so die Kenntnis vom Leid anderer ist, desto entlastender wirkt es sich auf jeden Leidenden aus. Die Gemeinschaft des Leids kann daher im sozialen Kontext den sprichwörtlichen Anspruch erfüllen.

Wirkliches Leid aber ist etwas höchst Privates und kann von niemandem geteilt werden und dies auch dann nicht, wenn es allgemein bekannt ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sprichwörter

Willst Du etwas gelten, mach dich selten. Meine Güte! Ein Sprichwort, dass ins Herz trifft. Selten machen, wo doch unsere ganze vernetzte Welt darauf angelegt ist, sich sichtbar zu machen? Und auch ich, indem ich blogge, mache mich sichtbar. Ein Sprichwort, das auf den ersten Blick den Zeitgeist nicht mehr zu entsprechen scheint.

Und doch, wir ahnen es. Auch an diesem Sprichwort ist viel Richtiges dran. Derjenige, der sich stets präsentiert, ob im Internet oder in einer Talkshow, langweilt, wirkt aufdringlich. Wenn wir uns daran erinnern dürfen, dass wir jemanden schon lange nicht mehr gesehen haben, entsteht Freude an dem plötzlichen Wiederauftauchen dieser vermissten Persönlichkeit. Die stete Selbstvergewisserung durch Präsenz ist nicht nur anstrengend, sondern aus Empfängersicht uninteressant.

Was sollte sich in wenigen Stunden und Minuten geändert haben, welch Gedanke oder welches Gefühl oder welche Pose ist denn meganeu? Wer zu viel Präsenz zeigt, macht sich zudem verdächtig, dass er nichts wirklich anderes Wichtiges zu tun habe, psychische narzisstische Probleme ihn plagten und Verlustängste. Wer möchte schon in diesen Verdacht geraten. Sprichwörter haben oft einen richtigen Kern. Beherzigen wir sie also, wenn wir durch sie berührt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski