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Zerstörungslust

„Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ Wie lässt sich dieser Aufruf begründen? Vielleicht damit, dass der Mensch ein Recht hat, das zu zerstören, was nach seiner Einschätzung ihn angreifen und zerstören könnte. Da von Auspuffgasen bis zur digitalen Transformation es über­haupt nichts gibt, was den Menschen nicht belasten und zumindest seine Gesundheit auch psy­chisch zerstören könnte, muss der Mensch seine Umwelt grundsätzlich als feindlich und zer­störerisch wahrnehmen. Ergo hat er das Recht zu zerstören, was ihn kaputt macht!

Worauf ba­siert aber diese Gewaltbereitschaft, die nicht nur der einzelne Mensch als Opfer und Täter erfährt, son­dern auch Staaten, Gesellschaften und Völker? Ist Gewalt seiensimmanent? Betrachtet man die Menschheitsgeschichte, kann man sich der Frage nicht entziehen, ob Gewalt nicht Teil der menschlichen Identität ist. Ist sie aber für unsere Wesensbestimmung notwendig?

Diese Frage dürfte geschichtlich dahingehend zu beantworten sein, dass es darauf ankommt. Gewalt ist im­mer schon ein Instrument der Absicherung gewesen, soll Platz schaffen für das eigene Ge­schlecht und die eigenen Nachkommen. Was sich für das Geschlecht trotz großer Opfer früher als hilfreich erwies, wurde für Völker und Staaten ebenfalls als Handlungsmaxime übernommen. Gemeinsam sind die Menschen stärker, als jeder Mensch für sich allein. Von der puren Lust an der Zerstörung ist eine solche Verhaltensweise nicht geprägt, dennoch dienen die archaischen Ver­haltensmuster als Blaupausen für Gewaltakte, deren Rechtfertigung auf der unbewiesenen Behauptung einer Bedrohung und eines potentiellen Angriffes beruht.

Derzeit erleben wir dies zum Beispiel in dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Was könnte die Ukraine in Russland denn kaputt machen, was den Krieg Russlands gegen die Ukraine hätte rechtfertigen können? Nach meiner Einschätzung nichts, objektive Umstände sind nicht erkennbar. Dennoch baut Russland durch seinen Feldherrn Putin eine Gewaltkulisse auf, wonach in der Ukraine Faschisten regierten, die beseitigt werden müssten und zudem nur ein Präventionskrieg mit der Zerstörung der Ukraine das Nato-Bündnis davon abhalten könnte, seinerseits Krieg mit Russland zu führen.

Die Paranoia eines Feldherrn, die sich auf einen Teil seines Volkes überträgt, reicht also aus, die Be­gründung dafür zu liefern, dass ein Staat zerstört und seine Bewohner getötet werden sollten. Dieses, jederzeit auf alle Konflikte übertragbare Muster eines Konflikts, kann nicht aufgehoben werden, solange der Mensch glaubt, auch aus einer gewaltbereiten Konkurrenzsituation Vorteile für die eigene Machtsicherung und Zuwachs eines Gewinns abschöpfen zu können.

Der Appell, kaputt zu machen, was einen selbst kaputt macht, offenbart den Menschen als ein gieriges Wesen, das die Schuld bei anderen konstruiert und gewaltbereit handelt, um der Selbsterkenntnis und der Eigenverantwortung dafür zu entgehen, dass er das Leben anderer allein zu seinem eigenen Vorteil zerstört und dafür noch eine passende Erzählung erfindet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski