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Das Projekt

Das Projekt ist ein Monstrum, initiiert und gestaltet von Ansprüchen, Ängsten und Mutlosigkeit. Jedes Projekt hat zunächst eine Beschreibung, die das äußere Phänomen kennzeichnet. Gelegentlich steht dahinter ein origineller Gedanke, auf dessen Umsetzung man irgendwie hofft. Die meisten Projekte laufen bereits deshalb gegen die Wand, weil in der Regel der Gedanke schneller ist als das Fußvolk, das ihn umsetzen soll. Der Träger des originellen Gedankens setzt ihn selten um. Er versucht vielmehr, andere zu gewinnen, die es für ihn besorgen. Da sie oft nicht von demselben Gedanken beseelt sind, bewegt sich die Karawane nur langsam vorwärts. Vor der Aufgabenverteilung steht das allgemeine Palaver, dann werden die Ressorts abgesteckt und schließlich das Projektteam gebildet.

Jedes Projekt beginnt mit der sogenannten „Machbarkeitsstudie“. Die Machbarkeitsstudie ist der erste Versuch des Teams, das Projekt zu verhindern. Scheitert das Projekt nicht bereits auf diese Weise, so erfährt es seine nächste entscheidende Prüfung im Rahmen der Finanzierung und bei gemeinnützigen Projekten im Bereich der steuerlichen Abzugsfähigkeit und Umsetzung. Bemerkenswerterweise erfahren die meisten Projekte ihre Struktur durch steuerliche Einschränkungen. So kümmert sich z. B. ein Bauherr nicht darum, ob sein Bauvorhaben künstlerisch sinnvoll ist. Es ist ihm aber wichtig, das Projekt steuerverträglich zu gestalten. Grenzenloses, steuerfreies Denken findet bei keinem Projekt statt. Auch gute Projekte werden verworfen, weil sie schlussendlich nicht zur Steuerabzugsfähigkeit finden.

Projekte können natürlich auch der Triumph des Initiators sein. Es gelingt Projekten sich derart auf sich selbst zu konzentrieren, dass der Destinatär der Bemühungen – war er jemals sichtbar – auf jeden Fall über kurz oder lang verschwindet. Selbst dann, wenn Projekten der Grund abhanden kommt, werden sie im Falle der steuerlichen Machbarkeit und erreichbarer Finanzierung in aller Regel umgesetzt.

Auch das Team hat sich geschworen, auf Gedeih und Verderb das Projekt durchzudrücken und jeden Widerstand zu brechen. Überwogen zunächst Zweifel, flutet nunmehr das Engagement über sämtliche Unebenheiten hinweg.

Für gescheiterte Projekte gibt es dann die tröstliche Erklärung, dass alleine die Gestaltung des Projektes an sich das Team so zusammengeschweißt habe, dass das Projekt in jedem Fall sinnvoll war. Im Übrigen entwickeln Projekte eine Eigendynamik, die darauf gerichtet ist, alle zu denunzieren, die sie nicht verstehen. Im Extremfall löst sich das Projekt ohnehin auf, denn das ist folgerichtig: Beim Scheitern des Projekts will es keiner gewesen sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski