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Global Solutions

Vom 28. bis 29. Mai 2018 fand in Berlin der Global Solutions Summit statt. Hierbei handelte es sich um ein Art Denkveranstaltung zum G20-Gipfel, wobei weniger die Politiker zur Sprache kommen, als Wissenschaftler, Wirtschaftsführer und Normalbürger. Parallel dazu wird eine Sommerschule für ausgewählte Jugendliche aus aller Welt bereitgestellt, in welche diese argumentativ ihre Standpunkte austauschen können.

Da der Global Solutions Summit nichts entscheidet, sondern nur die Plattform für einen Ideenaustausch bietet, liegt es nahe, dort nicht nur lösungsorientiert zu diskutieren, sondern Ansätze herauszuarbeiten, die es Politikern, wenn sie die vorgebrachten Überlegungen für weiterführend erachten würden, Gelegenheit böten, aus der politischen Selbstbespiegelung und machbarkeitsorientierten Verhaltensweisen herauszutreten und ggf. neue Wege zu gehen. Für die Teilnehmer war der Gipfel auf jeden Fall gewinnbringend, insbesondere dann, wenn sie nicht nach Bestätigung ihrer Meinung suchten, sondern die Veranstaltung als Reibungsfläche begriffen, auf denen sich neue Überlegungen entfachen ließen.

So bin ich zu der Veranstaltung lernbegierig gekommen und wurde nicht enttäuscht. Ich verzichte, die Namen der hochrangigen Teilnehmer zu benennen, will aber deren Äußerungen wiedergeben, soweit ich diese für erwägenswert hielt, zum Beispiel: „Wir sollen den Umgang mit Unsicherheiten neu und selbstbewusst lernen, weil Unsicherheit zum Leben gehört, insbesondere zur asiatischen Kultur.“

Diese Äußerung fand ich sehr spannend, denn, wenn wir aufgrund unserer europäischen Unsicherheiten Fehler machen, sind wir auf Dauer den Chinesen und Indern nicht gewachsen. Ganz in diesem Sinne müssen wir darauf achten, nicht nur persönlich flexibel zu sein, sondern unsere Systeme flexibel auszubauen, damit sie auch heftige Stöße im kulturellen und ökonomischen Bereich abfangen können. Die Flexibilität geht Hand in Hand mit der Bereitschaft, auch einen Wechsel der Systeme zuzulassen, wenn wir erkennen, dass wir mit unserem System nicht mehr weiterkommen.

Krisen, in die wir geraten, stellen keine Krankheiten dar, sondern sind normal. Krisen sind keine Erfindung der Gegenwart, sondern historisch verbürgt, auch wenn der Multilateralismus unserer Gesellschaften schnellere Reaktionen unumgänglich machen. Die Verkehrswege zu Informationen sind kürzer und wie ein gesellschaftlicher Seismograf nehmen wir in Europa Erschütterungen wahr, ob deren Ursache in Asien oder in Amerika gesetzt wurden. Damit geht einher, dass in einer multilateralen Gesellschaft die Sichtweisen völlig unterschiedlich sein können, zum einen persönlich, aber auch politisch.

Das, was wir durch die europäische Brille gesehen, als vernünftig, politisch und menschlich für richtig erachten, muss sich nicht zwangsläufig in der Anschauung und der Verhaltensweise anderer Gesellschaften wiederspiegeln. Wenn wir allerdings Einfluss nehmen wollen, müssen wir unsere eigene Einstellung ändern, Geschichten erzählen, die andere Menschen und Völker überzeugen, nicht nur auf Vernunft abgestimmt sind, sondern auch Gefühle erwecken, die den eigenen Echoraum verlassen, Mitgefühl erzeugen und Schwarmverhalten zulassen.

Die Narritive sind für Compession im politischen Raum unverzichtbar. In dieser auch digital geschrumpften Welt begegnen uns ständig neue Herausforderungen, die uns zwingen, auch Bewährtes in Frage zu stellen, um neue Antworten zu finden, ob dies die Wirtschaft, Wahlen, Regierungsformen, Steuern, Geldverkehr oder menschliches Leben insgesamt betrifft.

Wenn wir uns frei gemacht haben von den eigenen Gedankenzwängen und leidenschaftlich uns mit anderen Menschen und Völkern austauschen können, dann schaffen wir es, uns immer wieder neu zu erfinden, von Generation zu Generation.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Altersarmut

Davor habe ich Angst: Altersarmut. Ach Quatsch, sage ich dann, über 40 Jahre gearbeitet und noch immer leistungsfähig, viel Steuern gezahlt und zuweilen auch anderen geholfen. Da muss Armut im Alter doch ein Fremdwort sein. Ob ich mich vielleicht täusche?

Irgendwann im Alter funktioniert das nicht mehr mit der Innenansicht der eigenen Leistungsfähigkeit und der Außensicht, das heißt die Einschätzung meiner Leistungsfähigkeit durch andere. Das Auseinanderdriften der Anschauungen geschieht nicht von einem Tag auf den anderen, das ist ein Prozess. Je mehr ich darauf beharre, dass ich zwar älter geworden bin, aber mich eigentlich nicht geändert habe, schallt es zurück: „Toll, wie Du Dich noch gehalten hast“ oder „man sieht Ihnen Ihr Alter aber wirklich noch nicht an. Wie lange machen Sie noch? Haben Sie Hobbys? Spielen Sie etwa Golf?“

Signale sind das. Wenn ich genau hinhöre, merke ich, dass sie mich loswerden wollen. Das geschieht nicht auf brutale Art und Weise, sondern es entstehen Parallelwelten in Kirchengemeinden, Rudervereinen und Parteien. Man darf Senior sein, nein man muss Senior sein, Kaffee trinken mit anderen Senioren, basteln und in der Altherrenriege aufgestellt werden.

Soziale Entkopplung auf besonders heimtückische Art. „Ich will Ihnen nicht mehr so viel zumuten.“ Dabei sind wir lästig, wir älteren Menschen. Wir wollen zwar nicht aufhören zu arbeiten, beziehen aber bereits die Rente, die unsere Kinder und Enkelkinder erarbeiten müssen. Von wegen Solidarität. Jede Generation ist sich die nächste, alles, was ich für meine Kinder und den Staat aufgewandt habe, ist längst verbraucht und vergessen, vielleicht war ich ein AAA-Steuerzahler, aber jetzt ist Zapfenstreich. Und den blasen andere, gerne auch laut.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Missverständnis

Zwischen dem Staat und seinen Bürgern besteht ein Missverständnis, welches weitreichende Konsequenzen hat. Der Staat erkennt den Bürger zwar als seinen Souverän an, die für ihn handelnden Personen aber glauben, dass sich die Ausübung dieser Souveränität in den Wahlen erschöpfen soll. Der Bürger glaubt dies irgendwie auch und beschwert sich bei den von ihm gewählten Vertretern deshalb ständig darüber, dass sie nach seiner Auffassung nicht machen würden, was er von ihnen eigentlich erwartet. Gleichwohl fordert er nur die Politiker zum Handeln auf, dazu, etwaigen Missständen, die er zu identifizieren glaubt, abzuhelfen. Die vom Souverän gewählten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, also die Politiker, sehen sich umfassend legitimiert, in seinem Interesse tätig zu sein, und betrachten Nörgeleien der Bürger als Einmischung in ihre Kompetenzen. In allen Bereichen des öffentlichen Lebens ringen Mandatsträger mit anderen Mandatsträgern um Lösungen zur gesellschaftlichen Daseinsvorsorge, angefangen von der Gesundheit über die Beschäftigung bis hin zur Kultur. „Die sollen machen“ – und die, die machen sollen, sehen sich aufgrund der ihnen zugewiesenen Rolle im Recht, vom Bürger die Mittel einzuziehen, die sie nach ihrer Auffassung benötigen, um der Selbstverpflichtung Genüge zu tun. Die Mittel werden über ein weitverzweigtes Netz von Steuern, die der Staat seinem Souverän auferlegt, beschafft. In einem feudalistischen Staat bestimmt der Souverän das Maß der Steuern und macht sie gegenüber den Bürgern geltend. Aber sogar in einer entwickelten Demokratie schlüpft der dienende Staat in die Rolle des Feudalherrn und bestimmt dem Souverän das Maß der finanziellen Leistung. Dies scheint mir ein grundlegendes Missverständnis zwischen Bürger und Staat zu sein. Der Staat und die für ihn handelnden Personen sehen sich legitimiert, vom Souverän Steuern einzuziehen und diese Mittel nach eigenen Maßstäben zu verwenden. Sie sehen sich ermächtigt, den Staat zu verschulden und dem Souverän die von ihnen gewünschte Rolle seiner Existenzberechtigung zuzuweisen. Dies alles geschieht natürlich innerhalb eines kontrollierten Rahmens. Der Bürger kann aber gleichwohl seine Rolle als Souverän nicht zur Disposition stellen, sondern bleibt in der Verantwortung, auch wenn er zeitlich befristet andere mit seiner Vertretung beauftragt hat. Die Rolle des Geschäftsherrn, bei dem die Wirkung der vom Vertreter abgegebenen Willenserklärungen eintritt, bleibt erhalten. Verträge kommen nicht mit dem Vertreter zustande, sondern mit dem Geschäftsherrn. Gleiches gilt auch für einseitige Willenserklärungen, die der Vertreter für den Vertretenen abzugeben hat. Jeder Vertretene muss an einem von ihm vorgegebenen Maß an gesellschaftlicher Kontrolle festhalten. Auch mit seiner Beauftragung ist der Vertreter nicht legitimiert, die Rechte des Vertretenen zu beschneiden oder gar diesem zu schaden. Zuweilen hat es einen anderen Anschein, weil der Vertretene eine komplexe, aus vielen Gruppen und Grüppchen und Einzelpersonen bestehende Persönlichkeit, also das Volk ist. Aber es bleibt immer der Geschäftsherr, der mit dem Vertreter einen Geschäftsbesorgungsvertrag abschließt und darin dessen Aufgaben und Rollen definiert. Diese Betrachtungsweise hat entscheidenden Einfluss auf die Rolle der Bürgergesellschaft. Der Souverän, also der Bürger, leitet seine Legitimation für bürgerschaftliches Engagement nicht vom Vertreter ab, sondern sein Recht als Bürger, im Rahmen des Staates tätig zu sein, ist ursprünglich. Nur dort, wo der Bürger nicht in der Lage ist, die ihm zugewachsene Aufgabe zu erfüllen, bedient er sich anderer, um eine koordinierte und zweckvolle Lösung herbeizuführen. Um welche Bereiche handelt es sich hierbei? Sicher nicht abschließend folgende:

  • die Mobilität, das gesamte Netz an Schienen, Strom, Straßen etc.,
  • äußere und innere Sicherheit, Polizei und Bundeswehr,
  • koordinierte, einheitliche Vertretung in Europa und weltweit,
  • Grundsicherung des Bürgers,
  • Einhaltung der Grundrechte und -pflichten,
  • das Gerichtswesen,
  • Bewahrung der kulturellen Identität und geschichtlicher Errungenschaften.

Auch dann, wenn die vorstehende Auflistung nicht vollständig ist, signalisiert die Beschreibung der staatlichen Tätigkeitsfelder schon das hohe Potenzial an Bereichen, die dem Bürger vorbehalten sind. Dort gilt das Prinzip der Subsidiarität staatlichen Handelns. Der Bürger als Souverän ist auch nicht Fehlbedarfsfinanzierer des Gemeinwesens, sondern es ist sein ureigenstes Recht, nach bestimmten Regeln uneingeschränkt selbstständig tätig zu sein. Dies gilt für den gesamten Wirtschafts- und Finanzverkehr. Das gilt für das Recht, im philanthropischen Bereich zu wirken, sein Leben unbürokratisch und selbstbestimmt zu gestalten. Es ist der Bürger, der mit dem Staat Verträge schließt, um diesem bestimmte Aufgaben zuzuweisen und nach entsprechender Kostenkalkulation durch den Staat mit diesem einen Vertrag über die Finanzierung von Vorhaben zu schließen. Dieser Vertrag zwischen Souverän und Mandatsträger ist die entscheidende Grundlage für die im Auftrage des Bürgers durchzuführende Geschäftsbesorgung durch die Vertreter. Erfüllen sie ihre Aufgaben nicht oder nur unzureichend, dann müssen sie wieder gehen, und zwar nicht erst bei der nächsten Wahl.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski