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Denk – Mal

Straßennamen und Denkmale kommen immer wieder ins Gerede, insbesondere dann, wenn sie Namen aufweisen oder Personen darstellen, die fragwürdig geworden sind. Da politische und gesellschaftliche Anschauungen sich verändern, ist dieser Prozess verständlich und leicht nachvollziehbar. Kolonialismus ist kein Ruhmesblatt mehr und mit Militaristen sowie Revanchisten haben wir abgeschlossen. Gleiches gilt für Rassisten, Frauenfeinde, Sexisten und was es noch so gibt.

Andererseits gibt es immer wieder neue auch positive Helden, deren Gegenwart wir uns selbst dann versichern wollen, wenn sie tot sind. Sie schmücken Straßennamen und zu ihren Ehren werden Denkmale errichtet. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass sie dereinst ebenfalls in Ungnade fallen, Name und Statue getilgt werden sollen. Sind Denkmale damit Zeiterscheinungen?

Ich denke nein. Denkmale haben aus meiner Sicht eine ganz andere Bedeutung als ich aufgrund des öffentlichen Diskurses wahrnehme. Für mich sind Denkmale Reibungsflächen, ob dies das Holocaustdenkmal ist oder eine Leninstatue. Ein General Lüderitz im afrikanischen Viertel bringt mich zum Nachdenken über den Schrecken der kolonialen Herrschaft. Verschwinden Name und Denkmal, so schwindet auch die Erinnerung. Und genau das halte ich für gefährlich.

Wir schaffen nicht nur gute Erinnerungen, sondern killen auch das, was uns dazu bringen könnte, sorgfältig, nachdenklich und kritisch mit unserem historischen Erbe umzugehen. Wenn wir alles weichgespült haben, sind wir zwar unwissend, aber unschuldig keineswegs, denn wir tragen die Schuld des Vergessens mit uns herum. Ein Denkmal sollte gerade aber die Aufgabe haben, uns stets herauszufordern, uns zu zwingen, uns mit Menschen und Ereignissen auseinanderzusetzen und zu entscheiden, wo wir heute stehen.

Es ist unverantwortlich, dass uns zunehmend diese Möglichkeit des Denkens entzogen wird. Ich wage den Vergleich mit der Bücherverbrennung. Wenn uns das historische Gedächtnis abgeschafft wird, vernichten wir unsere gute und fragwürdige Kultur gleichermaßen und steuern in eine Zukunft, in der es keine Leitplanken des Denkens mehr gibt. Wenn große Teile der deutschen Geschichte tabuisiert werden, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis „rechtschaffende“ Menschen dafür plädieren, das Holocaustdenkmal in Berlin Mitte ebenfalls zu schleifen. In unserer ständigen selbstverliebten Bespiegelung zeitgeistigen Korrektseinwollens vergessen wir, wie anfällig wir für Verführungen sind.

Wir schulden uns selbst und unseren Kindern und Enkelkindern Denkmäler. Deshalb sollten sie bleiben, auch dann und gerade dann, wenn sie problematisch sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Denkmal

Es erklingt der Zapfenstreich. Die Denkmäler sollen heim ins Reich ihrer fragwürdigen und niederträchtigen Vorbilder. Denkmäler werden geschleift, geschreddert, gevierteilt und gerädert. Mit ihnen soll geschehen, was man an denjenigen, die sie verkörpern, nicht mehr vollziehen kann. Die Jagdzeit für Denkmäler ist wiedereröffnet. Auch derzeit in den USA.

Alle Denkmäler stehen zur Disposition, sogar die der Gründerväter Washington und Jefferson. Nicht erst seit der französischen Revolution weiß man, dass jeder noch so bedeutende Mensch Dreck am Stecken hat oder haben könnte. Die kollektive Beseitigung von Störendem hat epidemischen Charakter. Was in den USA derzeit an Fahrt aufnimmt, greift auch über auf Frankreich und Deutschland. Weg mit Napoleon, den Kaiser- oder Bismarckdenkmälern! Schaffen wir uns aus den Augen, was uns stört!

Ja, darum geht es: Störendes soll beseitigt werden. Wir wollen uns nicht mehr daran erinnern lassen, was gewesen ist und uns nicht unserer Geschichte stellen. Denkmäler sind nicht nur Heroisierungen von Personen und Ereignissen. Denkmäler fordern zur Auseinandersetzung auf. Sie machen uns bewusst, dass sich unser Leben unter Irrungen und Wirrungen, aber auch in der Erkenntnis des Richtigen vollzieht. Diejenigen, die auf dem Sockel stehen, sind wie wir. Indem wir sie stürzen wollen, beabsichtigen wir auch, unsere eigene kollektive Verantwortung zu beseitigen.

Wir schulden es uns und künftigen Generationen daher, Denkmäler zu erhalten und dabei den Entwicklungsprozess zu verdeutlichen, den wir als Menschen notwendigerweise durchstehen müssen, um die gleichen Fehler nicht immer wieder zu begehen. Ist das Halali auf Denkmäler einmal eröffnet, gibt es kein Halten mehr. Je nach Macht und Möglichkeit werden gerade dann auch die Denkmäler beseitigt und Straßennamen überschrieben, deren Erhalt für eine verantwortungsvolle Gesellschaft unverzichtbar sind.

Was in den USA Projektionsflächen für tiefgreifende gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit Toten und Verletzten bietet, wird auch auf Europa überschwappen und uns sprachlos werden lassen, wenn wir nicht jetzt einen eindeutigen Standpunkt beziehen. Denkmäler fordern uns auf zum Denken. Wir dürfen das Denken nicht verlernen, weil es keinen Gegenstand sonst mehr gibt, der das Denken auslösen kann.

Nach dem Bildersturm ist in Russland auch wieder Ruhe eingekehrt. Unweit des Flughafens in Petersburg steht ein Lenin, der bei längerer Beobachtung zu tanzen scheint. Der Künstler, der diese Skulptur schuf, vermittelte uns mit seinem Werk auch eine Botschaft, die den Auftraggebern überhaupt nicht passte. Schauen wir uns Denkmäler in der Zukunft genauer an. Vielleicht lernen wir mehr von ihnen als wir ahnen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski