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Strategie

Angesichts der augenblicklichen Krisen in politischen, militärischen und umwelt- sowie klimabestimmten Bereichen wird auch öffentlich ein erhebliches Strategiedefizit wahrgenommen. Es erweckt den Eindruck, als ob eine Gesellschaft, die sich auf Schnelligkeit auch im Datenaustausch verständigt hat, schnelle Reaktionen sorgsamer Prüfungen vorzieht, das strategische Denken und Handeln verlernt.

Hinzukommt, dass wir zumindest mehrheitlich unsere Positionen nicht entsprechend unserer Wahrnehmungsmöglichkeit, sondern unserer Aussagen, koordinieren. Wir beziehen Position. Dies Positionierung scheint mir insofern strategierelevant zu sein, als sie uns veranlasst, nur noch wahrzunehmen, was zu unserer Einschätzung passt.

Damit ist jede Strategie zum Scheitern verurteilt, denn sie basiert darauf, dass wir zunächst im eigenen Erkenntnisinteresse den Raum öffnen und alles zulassen, was für uns wahrnehmbar ist. Erst, wenn wir dabei eine gewisse, sicher aber nicht abschließende, Erschöpfung erkennen, werden wir aufgefordert zu ordnen, zu prüfen und nachzufassen, bevor die Analyse einsetzen kann.

Dabei sollte nicht unsere Sicht, sondern die Sicht von anderen und die komplexe und kohärente Sichtweise auf die Dinge unsere Aufnahme bestimmen. Wenn wir genau hinschauen und begreifen gelernt haben, können wir den narrativen und Ordnungsrahmen schaffen, der uns dabei hilft, alle Informationen, seien diese gegenständlich, rational oder emotional, einzuordnen und einer Analyse zugänglich zu machen. So lernen wir verstehen, ohne auf eine stetige, oft auch taktische Camouflage überrascht reagieren zu müssen. Strategie ist allerdings eine prozessuale Angelegenheit, damit fehleranfällig und risikobehaftet.

Ein stetes, ein kalkuliertes Nachjustieren von Blickwinkeln und Positionen ist unerlässlich, um zu einem aus eigener Sicht vertretbarem Ergebnis zu gelangen. Strategien dürfen nicht risikoscheu sein und müssen eine Fehlerkultur pflegen. Wenn es schließlich um die Umsetzung von Strategien geht, dürfen nicht nur technische Lösungen, sondern alle sogenannten weichen und flexiblen Optionen das Mittel sein. Dabei sind geplante Umwege, Verblüffung und auch die Nutzung nicht naheliegender Möglichkeiten gute Voraussetzungen für das Gelingen der eigenen Strategie. Am besten gelingt ein Vorhaben immer dann, wenn die beteiligten Stakeholder einen Vorteil davon haben. In diesem Sinne sollte man auch für andere mitdenken und handeln.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski