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Nachrichten

Informationen, Tatsachen und Nachrichten, all dies wurde bereits abgeschafft. Wie? Das glauben Sie nicht? Dann hören Sie doch einfach einmal bewusst in die „Nachrichtensendungen“ von Claus Kleber oder Marietta Slomka rein. Sie haben es da nicht etwa mit dem Trump-Propagandasender „Fox News“ zu tun, sondern um staatlich finanzierte Formate der Bürgerunterhaltung.

In den sogenannten Nachrichtensendungen auch des öffentlichen Rundfunks und Fernsehens wird regelmäßig eine Nachricht bei ihrer Weitergabe durch den/die Sprecher(in) bewertet. Dies geschieht sprachlich, ironisch, abweisend oder in einem Zusammenhang, der den Inhalt der Aussage unglaubwürdig erscheinen lässt. Das Ganze wird begleitet durch eine Mimik, die scheinbar Objektivität signalisieren soll, aber gerade das Gegenteil ahnen lässt. Ich, der Nachrichtenverkünder bin der Nachricht weit überlegen, kann und darf bewerten, was jemand tut oder sagt. Und das hat durchaus Erfolg.

Emotional verführt kommt der Zuschauer oder Zuhörer kaum mehr auf den Gedanken, sich eine eigene Meinung zu bilden, sondern lässt auf sich wirken, was ihm vorgesetzt wird. Da es keine objektivierbaren Nachrichten mehr gibt, sondern Meinungen vorherrschend sind, entwickelt sich allmählich ein Raum der Beliebigkeit und Verantwortungslosigkeit. Dies zunächst vor allem in politischen Zusammenhängen. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis unsere Gesellschaft insgesamt von diesem Virus der Beliebigkeit infiziert wird. Jeder Fakt wird verhandelbar und bewertbar. Wie soll es dann noch möglich sein, Kinder strukturell entscheidungssicher auf das Leben vorzubereiten?

Wie sollen sie bei dem Vorbild, das wir inzwischen selbst abgeben, begreifen, dass es darauf ankommt, kritisch mit Mitteilungen aus dem sozialen Netz umzugehen, wenn „storytelling“ unterhaltsamer ist, als überprüfte Fakten? Durch Geschichtenerzählen verlieren wir das Vertrauen der Menschen in die Wirklichkeit. Misstrauen ist erst der Anfang, dann folgt Aggression und schließlich zerfällt unser gesamtes Weltbild in Spekulationen und Verschwörungsüberzeugungen. Wenn wir dies nicht wollen, müssen wir unsere Echoräume verlassen und uns darauf besinnen, überprüfbare Nachrichten neutral weiterzugeben, und zwar kurz, knapp und informativ.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

 

Beweise

Ich erinnere mich genau, zu dem gibt es einen Film auf meinem Smartphone, der das belegt. Es geschah auf einer belebten Straße der Innenstadt von Valparaiso. Wir beobachteten zufällig aus dem Fenster im ersten Stock eines Wohngebäudes die Verhaftung eines jungen Mannes, der die Straße entlangging, durch die Polizei.

Warum sie ihn ergriffen, wissen wir nicht. Sie verbrachten ihn in ein Auto. Kurze Zeit später stiegen zwei Polizisten wieder aus, hielten eine Waffe in der Hand, die sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite platzierten und dabei mehrfach verschoben. Nach einiger Zeit erschienen weitere Kriminalbeamte, die zur Waffe geleitet wurden. Sie machten Aufnahmen, nahmen die Waffe an sich und verschwanden ebenfalls im Polizeiauto.

Soweit die Beobachtung. Wir wissen nicht, worum es ging. Wir können allerdings vermuten, dass es zu einer Gerichtsverhandlung später kam und dabei auch die Waffe, ihre Verwendung und ihr Fundort eine Rolle spielte. Es gab aber überhaupt keinen Fundort. Die Waffe war nachträglich abgelegt worden, um Beweis dafür zu führen, dass der junge Mann eine Waffe gezogen und möglicherweise sogar damit gedroht habe. Als Beweis wird der angebliche Fundort und die Aussagen der Polizeibeamten angeboten.

Was will ich damit sagen? Eindeutige Beweise gibt es selten. Meist stellen sie einen Mix aus Tatsachen, Beobachtungen und Einschätzungen dar. Da Eindeutigkeiten selten bestehen und/oder auch nicht belegbar sind, treten an ihrer Stelle Parallelwertungen nach Maßgabe eines Überzeugungsbildes: So muss es gewesen sein. Dieses „so muss es gewesen sein“ soll oft Beweise im strengeren Sinn ersetzen und führt zu Maßnahmen und Handlungen, die die Gesellschaft hinnehmen muss, will sie nicht verzweifeln an faktischen Alternativen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Fake

Die Welt erwacht aus dem Dornröschenschlaf. Die Menschen reiben sich verwundert die Augen. Wo leben wir? Es ist von der Postrealität die Rede, vom Faktencheck und Postfaktischem. Jede Lüge wird Wahrheit, je öfter Sie im Internet geteilt wird. Wahrheiten, Ernsthaftigkeiten, Tatsachen scheinen sich aufzulösen, verlieren an Relevanz. Politiker, Medien, aber auch besorgte Bürger melden sich zu Wort, beschwören eine Zukunft, in der man noch Vertrauen haben kann auf das Gesagte oder Gesehene.

Auch Bilder lügen. Verschwörungserzähler schaffen dadurch Eindruck und machen gutes Geschäft. Ach wie schlimm, sagen viele! Ich finde dagegen, dies ist überhaupt nicht schlimm, sondern schafft uns die Möglichkeit, in ganz neue Welten vorzudringen, die früher nur wenigen Schriftstellern und Künstlern vorbehalten waren. Wenn das Menschentheater schon absurd ist, dann ist es folgerichtig, es auch als absurd zu inszenieren und nicht so zu tun, als sei alles durch Zahlen, Begriffe und Markierungen fixierbar.

Ja, es ist unbequem, plötzlich eine Welt zu entdecken, die Wahrheiten jeder Art zur Disposition stellt und in der Lügen gleichwertig sind. Aber, auch die sogenannten Wahrheiten sind nur asymptotische Annäherungen an eine verabredete Wahrheit, die die Wirklichkeit passgerecht erfindet. Deshalb ist die Lüge die sublimste Bestätigung der Wahrheit und zwingt die Empfänger zur Prüfung jenseits des Vertrauens.

Es gilt dann aber auch noch, dass die Revolution ihre Kinder frisst oder auf die Lügen gemünzt: Jeder Lügner wird über kurz oder lang mit seinen Lügen konfrontiert, muss der Unsicherheit standhalten, dass keiner seiner Lügen mehr einen Wahrheitsbeweis erbringen kann. Wenn die Welt von Behauptungen und Lügen überschwemmt wird, entfaltet sich daraus die Wahrheit – zumindest vorübergehend.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski