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Globalisierung

Der Begriff Globalisierung wird mit dem Wirtschaftsverkehr, dem Austausch von Daten, Tourismus, Seuchen und Pandemien sowie Umweltzerstörung in Verbindung gebracht. Gibt es etwas Anderes? Für mich: ja. Vor einiger Zeit war ich im Iran. Einmal abgesehen von den Abgaswolken in Teheran begegnete ich den gepflegtesten, kultiviertesten und gastfreundschaftlichsten Menschen. Wie kann das sein trotz eines Systems, das Menschen unterdrückt, ihrer freien Meinungsäußerung beraubt und teilweise auf das Schrecklichste quält.

Vor einiger Zeit war ich in der Türkei, einem wunderbaren Land mit großzügigen und aufgeschlossenen Menschen, sehr verständnisvoll und witzig. Und auch in diesem Land muss ich zur Kenntnis nehmen, dass die Bürgerrechte weitgehend eingeschränkt sind und Willkür den Alltag kennzeichnet. Israel, ein von lebendigen Metropolen gekennzeichnetes Land mit aufgeschlossenen Menschen unterschiedlichster Verhaltensweisen, Einstellungen und Meinungen. Aber auch hier Intoleranz, Rechthaberei und Abgrenzung. Russland, dem ich familiär verbunden und schon aus diesem Grund dessen Kultur, Geschichte und Menschen sehr nahe bin, ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Auch in diesem Land gibt es „schwarze Männer“, die Unterdrückung und Bevormundung sowie Reglementierung als Staatsziel begreifen.

Ein Abdruck meines Herzens befindet sich in den USA, denn erfuhr ich doch als Austauschschüler dort das wohl prägendste Jahr meines Lebens. Gerade weil mich dieses Jahr auch zum Amerikaner gemacht hatte und ich viele großartige Menschen damals und auch bei meinen heutigen Besuchen in New York begegne, macht mich das Maß an Intoleranz, Dummheit und Menschenverachtung in Teilen dieser Gesellschaft fassungslos.

Die Menschen in Südafrika zeichnet Wärme, Gastfreundschaft und Lebensfreude aus. Dies trotz Apartheid, die nicht völlig überwunden zu sein scheint, Korruption und Feindseligkeiten den Alltag von Menschen erschweren und verhindern, dass HIV und Tuberkulose nachhaltig bekämpft werden können. Von arabischen Ländern, wie Jordanien, Syrien, dem Libanon und Ägypten möchte ich sprechen. Länder, die nicht nur eine großartige kulturelle Geschichte, sondern auch Freundlichkeit, Gastlichkeit, Kultur und Schönheit auszeichnet. Und doch weisen auch diese wunderbaren Länder auf der anderen Seite ihres Verständnisses schreckliche Momente der Verachtung des Menschen, seiner Interessen, seiner Entwicklungschancen und seiner Lebensinteressen aus. Und von Chile, einem Staat, in dem ich mich aufgrund einer Reise auch familiär verbunden fühle, kann ich ähnliches berichten und rufe zuletzt Frankreich und Deutschland auf. Zwei Länder, die ich in einem Atemzug nennen darf, weil ihre Verbindungen so mannigfaltig sind und trotz aller Unterschiedlichkeit ein Stück Heimat für mich darstellen. Auch in diesen beiden Ländern gibt es Bedrohungen, die allerdings nicht staatlich gelenkt, sondern sich aus dem Populismus heraus entwickeln mit dem Ziel, Deutungsmacht über das Leben anderer Landsleute zu gewinnen.

Bei meinen Aufzählungen habe ich kurz und knapp das Missfallen an Entwicklungen in den als Auswahl genannten Ländern nicht verschwiegen. Ich habe aber auch deutlich gemacht, dass ich überall in dieser Welt auch auf wunderbare Menschen, Hilfsbereitschaft, Wohlwollen, Gastfreundschaft und Zuneigung gestoßen bin. Für mich ist es ein Ausdruck der Globalisierung, diese Erfahrungen machen und mit anderen teilen zu dürfen. Es ist viel schöner auf dieser Welt und die Menschen sind trotz aller Belastungen und Einschränkungen so viel mutiger und optimistischer als wir uns dies wechselseitig oft glauben machen wollen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Life in Venice

Es schüttete wie aus Kübeln auf die Brücken, Straßen und Kanäle dieser Stadt. Der Wind fegte über den Markusplatz und verfing sich in den Ecken und Winkeln der Gassen, pfiff durch die Brückenmünder und trieb kurios verrenkte Schirme aller Konstruktionsarten und Farben vor sich her. Ein menschenlebendiges Sauwetter ohne Tourismus. Keiner weit und breit, der Markusplatz war wie leergefegt, sogar die Tauben hatten sich verkrümelt. So gefiel mir Venedig. Und es war das erste Mal.

Am noch trockenen Vortage sind wir den Horden ausgewichen nach Castello, sahen uns hungrig an Fassaden, Parkanlagen und normalem venezianischen Leben im Quartiere Sant Elena. Am Tage vor dem großen Regen fuhren wir mit einem Vaporetto zur Isola di San Michele, der einzigartigen Wohnstätte nicht mehr Lebender Venedigs. Darunter berühmte Namen und protzige Neuvenezianer, die mit Laubenpiperheimen aus Stahl und Glas um persönliche Anerkennung in alle Ewigkeit werben. Der Architekt Chipperfield unterstützt sie dabei, indem er für sie ein grandioses neues Grabfenster entworfen hat. Man muss die Toten bemitleiden, die nicht die Chance haben, in Venedig beerdigt zu werden.

Stadtteile sollte man nicht gegeneinander abwägen. Alle haben ihren Reiz. Ob Dorsoduro, Santa Croce oder Cannaregio, ganz zu schweigen natürlich von San Marco und der Rialtobrücke, die allerdings derzeit wegen Bauarbeiten teilweise verhüllt ist. Bei unserem Besuch war sie ertüchtigt worden durch lautstarke Demonstranten, begleitet von Polizisten mit Schild und Sturmhaube. Am folgenden Abend bei Starkregen und Sturm an gleicher Stelle heulten die Sirenen und Teile der die Brücke umgebenden Stadt verfielen vorübergehend der gänzlichen Schwärze. Seelige Momente für Banditen.

Venedig, ganz sicher keine gewöhnliche Stadt, sondern ein Geflecht von Schatzinseln. Wir haben fast alles geschafft: den Palazzo Ducale, die Basilika de San Marco, San Zaccaria, Palazzo Querini Stampala Pinacoteca, Santa Maria della Salute, Galleria dell‘ Accademia, das Guggenheimmuseum, Palazzo Zenobio, Scuola Grande di San Rocco, San Pantalon, San Rocco und noch etliche Kirchen mehr. Bellini, Tizian, Tintoretto, Carpaccio, Veronese, Canaletto, Strozzi, das Werk dieser Meister in verrückter Üppigkeit und anmaßender Opulenz. Na und? Wer lässt denn heute noch so malen und für welchen Zweck sollte dies dann sein?

Wir, die armseligen Touristen hetzen durch die grandiosesten Säle der Menschheit mit Spiegeln, die wir vor uns hertragen, damit wir die Decken und ihre Bildbotschaften entziffern können. Im schummrigen Licht versuchen wir, die Geschichten zu erfahren und die bildgewordenen Erzählungen nachzuempfinden. Ich bekenne, ich bin diesem Angebot kaum gewachsen. Ich verstehe, dass die Mächtigen ihrer Zeit diese Bilder brauchten, um ihren Bedürfnissen nach Erbauung und Zerstreuung einen Ausdruck zu verleihen und andere zu beeindrucken durch schiere Monumentalität.

Was habe ich dem entgegenzusetzen außer schnellgeschossene I-Phone-Bilder und Selfies? Manche der kulturbegierigen Wegbegleiter aus der touristischen Szene in Venedig werden Wochen brauchen, um die über Smartphones gewonnenen Bilderschätze zu verarbeiten. Ich bleibe cool. Kein einziges Bild, das ich knipse. Doch die Bilder sind auch im Kopf kaum zu speichern. Aber es bleiben die Eindrücke von Bedeutung, Erhabenheit, Stolz und Ernsthaftigkeit, welche diese Stadt einmal ausgezeichnet haben. Tempi passati. Alles vorbei. Alles? Mit Sicherheit nicht. Venedig ist eine Stadt des Lebens und der Genüsse: unbeschreiblich schmackhafter Tintenfisch, Muscheln, Scampi und Hauswein, der aus riesigen Plastikbottichen in Flaschen und unsere Gläser abgefüllt wird. So lässt es sich leben trotz Tourismus und Regen. Die Venezianer zeigen es uns.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski