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Lebensfilm

Worin unterscheiden sich das wirkliche Leben und der Film? Was ist überhaupt das wirkliche Leben? Wenn wir bei unserer Fragestellung Menschen involvieren, besteht im Film eine Rollenpräsenz des Schauspielers. Er verkörpert und spielt einen Charakter, den ihm Produzent, Regisseur und Kameramann vorgegeben haben, der seiner Persönlichkeit dennoch idealerweise entspricht. Diese Filmfigur ist er aber nicht. Er ist und bleibt der eigene menschliche Charakter. Er hält sich spielend dabei sowohl im Film und in dessen Geschichte und gleichzeitig aber auch in der Wirklichkeit und in seinem Leben auf.

Wechselseitig kann er nicht aus den Rollen schlüpfen, weder als Charakterdarsteller, noch als Mensch. Der Zuschauer teilt mit ihm, soweit er sich auf ihn einlässt, für die Dauer des Films den aus der Rolle abzuleitenden Charakter und bringt sein eigenes Leben prüfend und zuschauend mit ein. Dieses Verhalten des Zuschauers erfährt der Schauspieler zwar in der Regel nicht, kennt aber sehr wohl die Prägung des Lebensfilms durch die ihm anvertrauten Rollen, die Filmpräsenz, die er mit dem Zuschauer teilen muss.

Natürlich wissen die Schauspieler nicht, mit wem sie ihren Charakter, den wirklichen und den gespielten, ihre Gestik und Sprache, ihre Erschöpfung, Freude und ihr Älterwerden teilen müssen. Aber selbst dann, wenn der Film längst abgespielt ist, bleibt diese Melange aus der durch den Schauspieler angenommenen Rolle und dem Menschen, der er ist, und das selbst dann, wenn der Schauspieler nicht mehr in Erscheinung treten kann. So teilen Schauspieler und Zuschauer, die sich nie begegnen, ihr Leben miteinander.

Aber, was wird künftig geschehen, wenn Zuschauer unter Aufgabe ihrer passiven Rolle, dem Film betreten und sich dann aktiv oder passiv die Transformation in einen anderen Zustand der Begegnung mit dem Filmcharakter allmählich, aber stetig, vollzieht? Dank einer Zuschauerbrille vermochte ich bereits, Filme zu betreten und mich in diesen zu bewegen, als sei ich selbst bereits Teil des Films, einer ihrer Charaktere. Zwar nahmen die durch Licht geschaffenen Schauspieler noch keine Notiz von mir, aber das wird sich ändern.

Die Prognose lautet, dass sich die reale mit der virtuellen Welt bald verschmelzen wird und wir alle, Schauspieler und Zuschauer, gleichzeitig sein werden. Was wird dann wahr, was gespielt sein? Dies ist mir augenblicklich völlig unklar. Wir werden einem Rollenspiel folgen, dessen Regeln nach unseren heutigen Maßstäben als hochgradig gestört erscheinen, aber künftig als völlig normal angesehen werden müssen. Das ist dann unser Lebensfilm, der unser Leben bestimmen und aus dem es kein Entrinnen geben wird.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schlagen und singen

Der eine ist Boxfan, der andere Opernfan. Der Boxfan hat, soweit er dies organisieren und sich auch leisten konnte, keinen wesentlichen Boxkampf der letzten fünf Jahrzehnte ausgelassen. Von dem Opernfan ist zu berichten, dass er im etwa im gleichen Zeitraum sämtliche gängigen Opern und diese sogar weltweit angesehen hat. Beide haben Archive ihrer Leidenschaften an­gelegt.

In Gesprächen habe ich versucht herauszufinden, wie sie ihre Zuwendungen erlebt haben, welche Perspektiven sich daraus ergeben und was sie verbindet. Auf eine mir nachvollziehbare Art und Weise sind Singen und Schlagen einander verwandt. Auch wenn der eine kein Boxer und der andere kein Sänger ist, so haben sie sich doch Stellvertreter geschaffen, die rational und emotional das verkörpern, was sie selbst schon immer gewesen sind, aber aufgrund der Umstände objektiver und subjektiver Art nie sein konnten.

Dagegen mögen der soziale Hintergrund, die berufliche Stärke, die sie beweisen mussten und ihre eigenen Konstitutionen bzw. Fähigkeiten zu boxen oder zu singen, keine entscheidende Rolle gespielt haben. Aber gerade deshalb sind sie in dieser bei einem Besuch einer Veranstaltung und ihrer Vor- und Nachbereitung vorgenommenen Transformation in die Stellvertreter authentisch, möglicherweise viel wahrer als in der alltäglichen Verkleidung.

Was sie sich durch die Identifikation schaffen, entlastet sie von vielen alltäglichen Sorgen und Nöten. Es gibt ihnen die Sicherheit, sie selbst und ein anderer Mensch zu sein, der an einem Abend zu zeigen vermag, was alles noch in ihm steckt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski