Im Rahmen der weit aufgefächerten Diskussion zur Finanzkrise fallen mit unterschiedlicher Gewichtung folgende Stichworte:
- Verantwortung
- Vertrauen
- Transparenz
- Regulierung und
- Sozialbindung.
Von den Instrumenten der Philanthropie, also des sozialen Unternehmertums, ist in diesem Zusammenhang wenig zu vernehmen. Offenbar besteht die Erwartung, dass die Wirtschaft auf der einen Seite und der Staat auf der anderen Seite alles wie bisher werden richten können. Die soziale Marktwirtschaft hat sich bewährt und der Staat hat für entsprechende Regulierungen zu sorgen, die künftige Auswüchse des Finanzgebarens eindämmen sollen. Ethik, Werte und Integrität sind dabei die Nebenbegriffe, die es erlauben, das Klima des Gutseins zu erhalten, ohne definieren zu müssen, worin denn genau die beschriebenen Herausforderungen bestehen sollen. Als Schlagworte sind die vorgenannten Begriffe alle tauglich und lassen sich womöglich auch umsetzen in Richtlinien, Einschreiben in einen Forderungskatalog und gestatten es auch, den Menschen als im Prinzip verantwortlich zu bezeichnen. Ist das aber so? Lenkt diese Diskussion nicht von dem Wesentlichen ab, wie ich an anderer Stelle schon beschrieben habe, und zwar davon, dass der Mensch eigennützig ist und in seiner Eigennützigkeit erkannt werden muss?
Gleichzeitig ist uns vor Augen zu halten, dass eine Eigennützigkeit den Fremdnutzen auch zulassen muss, um das Ganze und dabei auch die eigenen Interessen zu fördern. Appelle alleine werden dabei nicht helfen, sondern zunächst muss die Erkenntnis dazu verbreitet werden, dass wir, die wissenden Menschen, uns selbst beschädigt haben, als wir den Nutzen des Ganzen nicht im Auge behielten. Wenn Geld geronnene Arbeit ist, wie Marx schon richtig sagte, kann es einfach nicht sein, dass ohne Arbeit statt 2 % Rendite, 8 % Rendite versprochen werden. Wer soll, ohne anderen das Geld wegzunehmen, 6 % Rendite erwirtschaften können? Gerade an dieser entscheidenden Stelle hat niemand gearbeitet, der für sich reklamieren kann, einen Mehrwert produziert zu haben. Also müssen wir uns zunächst selbst eingestehen, dass wir uns, statt dafür zu sorgen, dass Mehrwert erarbeitet wird, vor lauter Eigennutz selbst beschädigt haben. Die Opfer der Finanzhaie müssen sich vor allem an die eigene Nase fassen. So auch die Finanzjongleure, die entlassen worden sind, und die Banken selbst, die wider besseres Wissen den Wertpapierhandel aus der Bank heraus in Gesellschaften ausgelagert haben, die keiner Kontrolle unterliegen. Wir müssen unser Verhalten ändern. Wir müssen hinschauen, erkennen, was wir falsch gemacht haben, und daraus Schlüsse ziehen. Das hat mit Vertrauen nichts zu tun und auch nicht mit fein abgestimmten Regulierungen, sondern mit der Erkenntnis, dass alles schief geht, wenn wir glauben, andere übervorteilen zu dürfen, um auf deren Kosten zu leben. Wenn wir die Blamage, die wir durch die Finanzkrise als Menschen insgesamt erlitten haben, als Chance und Herausforderung begreifen, werden wir künftig eine eigene Kosten-Nutzen-Analyse unserer Investitionen vornehmen, anderen nur dort vertrauen, wo deren Verhalten unser Vertrauen rechtfertigt, und uns so verhalten, dass wir für andere beispielhaft, d. h. Vorbilder sein können. Wir werden die Gesetze des ehrbaren Kaufmannes umsetzen, begreifen, dass Eigentum nur die Grundlage sozialer Verantwortung ist, und unsere bürgerliche Gestaltungsmacht wahrnehmen. Die Zivilgesellschaft ist hier in der Pflicht und hat mit den Grundsätzen zur Philanthropie schon heute alle Voraussetzungen dafür geschaffen, diese wie auch künftige Krisen nicht nur zu meistern, sondern die notwendigen Impulse zu ihrer Überwindung setzen können. Krisen sind unsere Chancen, unsere eigenen Möglichkeiten, daran zu arbeiten, unsere Verhaltensweise zu überprüfen, uns neu auszurichten, damit wir noch einschneidenderen Krisen unserer Zukunft, etwa in den Bereichen Umwelt, Überbevölkerung, Migration etc., gewachsen sind. Eine Gesellschaft, die schon an einer Finanzkrise verzagt, wäre schlecht gerüstet als Lehrer für künftige Generationen.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski