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Was bleibt

Bei jeder mir bekannten Trauerfeier fällt irgendwann der Satz: Der Verstorbene wird ewig in unserem Gedächtnis bleiben, wir werden ihm ein dauerndes Andenken bewahren und seine Taten bleiben uns Vermächtnis. Das hört sich gut an, stimmt es aber auch?

Ich habe da meine Zweifel. Zwar mag ein Großteil der Menschen sich wünschen, ihre kleine Welt oder auch die große Welt möge sie im bleibenden Gedächtnis behalten, aber tatsächlich ist dies nur wenigen vorbehalten. Es handelt sich dabei fast ausnahmslos um Persönlichkeiten aus der Kultur im weitesten Sinne, Wissenschaftler, namhaft, historisch, wichtige Politiker und Verbrecher. Nicht unerwähnt bleiben darf allerdings das höchst persönliche Erinnern innerhalb der Familie, welches aber eine Generation meist auch nicht überdauert.

Wenn die postmortale Anerkennung fast umgehend erlischt und doch die Anerkennung anderer Menschen und in der Gesellschaft eines unserer wichtigsten Anliegen überhaupt ist, lohnt sich dann angesichts der Todesprognose überhaupt der Aufwand, mit großem Engagement für sich und auch für andere Menschen zu leben?

Ich meine, ja. Zwar ist jede Geburt zunächst und vor allem ein höchst persönliches familiäres Ereignis, aber auch ein gesellschaftliches. Jedem von uns, der in die Welt kommt, wird bereits mit der Geburt eine Aufgabe zugewiesen, die im Laufe des Lebens zu erfüllen sein wird. Die Rolle, die wir spielen, mag auf den ersten Blick nebensächlich wir­ken, sie ist es aber nicht. Eine Gesellschaft kann nur so funktionieren, dass alle an ihr teilhaben, jeder seinen Beitrag leistet und damit andere und sich selbst in den Lebensbildungsprozess mit einschließt. Ohne diese Leistung jedes Einzelnen von uns, kann das Menschenwerk nicht gelingen, wobei allerdings auch eine Vollendung niemals zur Debatte steht. Wir spielen un­sere Rolle und wenn es dann an der Zeit ist, übernimmt ein anderer. Die Übergänge sind nicht abrupt, sondern fließend.

Wissen und Erfahrung werden weitergegeben, prägen die genetische Matrix, um auch künftigen Generationen Gelegenheit zu geben, ein sinnerfülltes Leben zu führen. Aber, gerade weil die Bedeutung jedes einzelnen Menschen für unsere Gemeinschaft von so herausragender Bedeutung ist, dürfen wir nicht nachlassen, jedem Menschen bereits zu Lebzeiten ein solch hohes Maß an Anerkennung und Respekt zu erweisen, dass Nachrufe nur das Echo unserer Wertschätzung sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski