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Tyrannis

Einmal unterstellt, jeder Leser kennt die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern. Er ist nackt, aber der Schneider hat ihm eingeredet, die feinste Kleidung zu tragen, so dass er das nicht nur selbst glaubte, sondern seine Vorstellung, angezogen zu sein, auch als Gebot verkündete, damit auch keiner daran zu zweifeln gedenke. Wer es dennoch tat, musste mit schlimmsten Konsequenzen rechnen. Was hat diese Geschichte mit uns zu tun?

Alles. Jeder von uns Menschen ist nackt und bloß, ob Arbeiter, Handwerker, Intellektueller, Politiker oder Künstler. Der Unterschied ist nur, ob wir uns zu unserer Nacktheit bekennen oder behaupten, bekleidet zu sein und andere dazu zwingen, dies ebenso zu sehen. Gemeint ist natürlich nicht die Nacktheit im tatsächlichen Sinne, sondern metaphorisch. Um unsere Nacktheit zu verbergen, hängen wir uns Mäntel um, von denen wir behaupten, sie seien Schutzpanzer. Ihre Beschaffenheit ist jedoch das Gefühl von Angst, Trostlosigkeit, Unruhe, Allmachtsfantasien, Kleinmut und Überlegenheit.

Der Zuschnitt der Mäntel geht mit der Mode, aber was immer wir anziehen, wir versuchen nur, unsere Blöße zu bedecken. Natürlich wird kein gewiefter Politiker, Autokrat oder Schurke sich zu seiner Nacktheit bekennen, aber es bedarf nur des spontanen Ausrufs eines Kindes: „Mensch, du bist aber nackt!“ und schon wird alles ganz klar. Er ist wie ich, deshalb müssen wir uns nicht fürchten. Wir sind der Tyrannei unserer Vorstellung entronnen, also frei.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Armut

Mit den statistischen Angaben im letzten Armutsbericht, der sich auf den Erkenntnisstand 2014 bezieht, will ich mich an dieser Stelle nicht im Detail befassen. Die Messlatte für Armut ist in diesem Bericht jedoch gesetzt und daraus ergeben sich Folgerungen für unsere Gesellschaft, im Kleinen wie im Großen. Stimmt der Report? Ich habe da meine Zweifel.

Arm ist nicht nur der statistisch bedürftige Mensch, sondern jeder, der sich Verpflichtungen gegenüber sieht, denen er nicht gewachsen ist, die er nicht erfüllen kann. Das ist nicht statistisch erfassbar, sondern höchst individuell. Für Kinder in der Großstadt sind möglicherweise weitaus höhere finanzielle Aufwendungen zu erbringen, als für diejenigen, die auf dem Land leben. Dabei kann auch eine Rolle spielen, ob die Kinder in der Familie von den Großeltern oder sonstigen nahen Angehörigen betreut werden oder auch ergänzende Betreuung durch Stunden- oder Tageskräfte erforderlich ist.

Krankheiten und Pflegeaufwand schaffen finanzielle Abhängigkeiten, die meist weit über das durch Gesetz und Krankenkasse Zugebilligte hinausgreifen. Ein Mensch mit auch guten monatlichen Einkünften kann arm sein, wenn die Aufwendungen, die erforderlich sind, seine eigenen finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Soweit Aspekte der finanziellen Armut.

Armut aber allein daran festzumachen, scheint mir unzureichend. Die wirkliche Armut entzieht sich der statistischen Betrachtung, schafft aber zuweilen eine Trostlosigkeit, die allumfassend ist. Aus dem Korb der Beispiele ist die Vereinsamung herauszugreifen, die durch Wegfall von Bezugspersonen, Partnern und Freunden entsteht. In diesem Korb liegen aber auch unzureichende Bildungschancen, fehlende schulische Entwicklung, Beschäftigungslosigkeit, kulturelle Armut, Perspektivlosigkeit und Diskriminierung.

Armut beleidigt die Würde des Menschen, dessen Unantastbarkeit nach Artikel 1 des Grundgesetzes garantiert wird. Nicht nur von Staats wegen, sondern in einer philanthropischen Gesellschaft sind alle Menschen dazu aufgerufen, der Armut entgegenzutreten, wo immer sie auftauchen möge. Erinnert sich noch jemand gelegentlich an das Freiheitsgelübde, welches mit den Glocken des Rathauses Schöneberg täglich verkündet wurde? Das passt auch hier im Widerstand gegen Armut.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski