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Selbstbespiegelung

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land. Seit „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ wissen wir um die Agonie einer Frau, die sich ständig selbstbespiegelt, um dann leidvoll festzustellen, dass jemand anderes doch schöner ist als sie.

Wie das Märchen, so auch die Wirklichkeit. Dem Blick in den Spiegel entspricht die ständige Überprüfung vieler Menschen tagaus tagein: Wie geht es mir, bin ich überlastet, bin ich krank oder übervorteilt man mich. Mütter hatten früher viele Kinder, einen Haushalt, einen Mann, den sie zu versorgen hatten, gingen zur Kirche, hatten Waschtag und machten 100 Gläser Obst ein. Sie beschwerten sich nicht und schauten nicht in den Spiegel, ob es vielleicht noch anderen besser ginge als ihnen selbst, sondern sie erledigten das, was sie als ihre Pflicht erachteten.

Die Zeit ist darüber hinweggegangen. Die Vergangenheit ist kein Maßstab mehr für die Gegenwart und Zukunft. Die typische Familie besteht aus Vater, Mutter, Kind. Die Mutter, vielleicht nicht verheiratet oder geschieden, aber berufstätig. Auch der Vater arbeitet und alle erklären, völlig gestresst zu sein von der Situation. Da es nicht ausreicht, sich selbst nur im Stillen zu bemitleiden, wird dieses Leid anderen per Facebook, Twitter oder Direktansprache mitgeteilt.

Aber nicht nur der Stress ist Gegenstand von permanenten Veröffentlichungen, sondern auch Events, Wünsche, Klamotten, Freunde, Feinde, Befürchtungen und Ängste. Schaut her, all das gehört zu mir. Spotlights on! Ich stehe mitten im Zirkus und um mich herum dreht sich die Welt. Ich habe keine Zeit dafür, mich um anderes zu kümmern, mein Beruf ist mir zu viel, mein Mann stresst und mein Kind eine Plage. Warum schreit es in der Nacht, wenn ich schlafen will? Warum hat es Fieber? Warum, warum, warum? Ich will meine Ruhe. Am Wochenende will ich mit Freunden doch einmal wieder richtig feiern! Also muss meine Mutter das Kind nehmen. Das ist doch nicht zu viel verlangt.

Nein, zu viel verlangt wäre es von den Menschen nicht, wenn sie erkennen müssten, dass sich nicht das ganze Leben um sie und ihre Befindlichkeiten dreht, sondern Gewissenhaftigkeit und Pflicht, Verzicht und Zuwendungen Tugenden sind, die eine Selbstbespiegelung überflüssig machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski