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Zeitenwende

Einmal als politisches Schlagwort im Kontext des Angriffs auf die Ukraine 2022, insbesondere durch den Kanzler Olaf Scholz in Szene gesetzt, schaffte der Begriff es sogar, als Wort des Jahres zu reüssieren und schließlich als eine allzeit und allseits taugliche Beschreibung eines Befundes nicht nur in die Sprache, sondern auch in die Köpfe vieler Menschen, und zwar auf Dauer, einzuziehen.

Der Begriff Zeitenwende wird also heute fast ebenso inflationär, wie der Begriff Nachhaltigkeit genannt. In beiden Fällen hat dies zur Folge, dass sich dieser an sich unbestimmte Begriff inhaltlich abnutzt, ohne zuvor substantiell brauchbar Inhalte oder Nutzen für uns Menschen zu produzieren. Doch was könnte Zeitenwende denn verkörpern?

Eine Ära die zu Ende geht oder ein Neubeginn? Welcher Beginn könnte im geschichtlichen Kontext dann damit gemeint sein? Ist denn nicht alles, was überhaupt geschieht, neu und entsteht als Folge von etwas bereits Vorhandenem? Den Eintritt welcher Umstände könnte man denn als Zeitenwende bezeichnen?

Ich würde sagen, zum Beispiel die Entstehung des Lebens auf diesem Planeten, das Auftauchen der ersten Menschen und die Übernahme wesentlicher Funktionen durch die künstliche bzw. treffender artifizielle Intelligenz. Möglicherweise leitete das Jahr „0“ unserer Zeitrechnung eine Wende ein, wie auch hoffentlich bald die Beendigung des hemmungslosen Ressourcenverbrauchs unserer Erde durch den Menschen.

Zeitenwende sind meines Erachtens Zukunft gestaltende Zeitzeichen und markieren unsere jeweiligen politischen und damit auch gesellschaftlichen Verhaltensweisen, die so gravierend sein müssen, dass sie auch auf die gegenwärtige und künftige Geschichte bleibenden Einfluss nehmen. Bei Kriegen, so fürchterlich sie auch sein mögen und schlimme globale Verwerfungen hervorrufen, vermag ich daher keinen Zeitwendencharakter zu erkennen.

Wir versuchen eher durch solche Zuweisungen Phänomene zu bändigen, die sich nicht wieder in die Flasche zurückbringen lassen, aus denen der Geist deshalb entwich, weil wir verhängnisvollerweise die Flasche öffneten und dafür jetzt nicht mehr verantwortlich sein wollen. Die von uns so bezeichneten Zeitenwenden sind aber keine Umstände, die unserem verantwortlichen Handeln entzogen sind. Sie werden uns nicht aufgedrängt, sondern wir gestalten sie selbst, teilweise nachhaltig verheerend.

Zeitenwende oder eher ewig menschlich?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kriegslogik

Dass es mit dem Morden in der Ukraine zu Ende geht und dieses Einhalten die Rückkehr unserer Energiesicherheit gewährleistet, dürfte ein weit verbreiteter Wunsch in Deutschland sein. Es besteht folglich zur Zeit ein „Hoch“ für diplomatisch diplomierte Meinungsbürger, die Waffenstillstand und Frieden fordern und dabei freigiebig fremdes Gut, also die Ukraine, verteilen wollen. Die Krim soll ohnehin bei Russland verbleiben, denn dieses entspricht den Verhältnissen.

Sie kann also weg, der Donbass scheint eher russisch zu sein oder sowjetisch, zudem Industriegebiet, also schmutzig, undurchsichtig, bedenken wir also den Klimaschutz und die künftigen Anstrengungen, diesen zu erhalten bzw. wieder aufzubauen, sollen doch die Russen den Ärger haben, der Donbass kann weg. Die Westukraine war diese nicht vielleicht auch ein bisschen österreichisch?! Das behalten wir, aber da wir noch nicht genau wissen, wie dieses „behalten wir“ aussieht, bevorzugen wir die Sicherung durch Schaffung eines UN-Mandatsgebiets, einer Sonderzone, einem Puffer. Die Welt kann sich dann darum kümmern, aber endlich wird es wieder Frieden geben.

Die so reden, sind keine Zyniker, sondern Menschen, die schlicht ihre Interessen vertreten und dies bar jeglicher Erkenntnis und in völliger Ahnungslosigkeit tun, aber ihren Gefühlen vertrauend. Sie verkennen allerdings dabei, dass der Kriegsherr Putin der erste Beamte eines autoritären russischen Staates ist, dessen Macht durch Strukturen, die er selbst mit geschaffen hat, gefestigt wurde. Nicht Ideologien oder Terror sind Putins Herrschaftsinstrument. Er ist weder Stalin, noch Hitler.

Auch wenn der eine oder andere Russe ihn vergöttern mag, darauf wird er sich nicht verlassen können, sondern allein auf seine Polizei, die willfährige Justiz und das Militär. Seine Macht ist strukturell verankert und daher schwer auflösbar, weil hierfür die Zustimmung der in den Strukturen handelnden Personen erforderlich wäre. Werden sie aber ihre Zustimmung erteilen und, wann werden sie dies tun?

Wahrscheinlich dann, wenn sie sehen, dass Putin scheitert, wenn sie sehen, dass der Ukrainekrieg auf einer Fehleinschätzung ihres Kriegsherrn und seiner Gefolgschaft beruht, dann, wenn sie erhebliche Nachteile erleiden und die Jugend keine Perspektiven mehr für sich erkennt. Narrative sind beliebig oft und vielfältig erzählbar, aber werden die Strukturen Russlands beschädigt, ist Putin am Ende.

Einen Waffenstillstand und ein verkündeter Friede spielt Putin dagegen in die Hände und stärkt seine Position. Solange Putin die Sinnlosigkeit des von ihm entfesselten Krieges nicht wahrnimmt und entsprechend handelt, geht das mörderische Spiel weiter, augenblicklich noch in der Ukraine, aber dann vielleicht auch in Estland und Litauen, wer weiß?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Krieg

Meine Mutter, die zu Beginn des 2. Weltkrieges gerade 17 Jahre alt geworden war, erzählte mir von ihren Wahrnehmungen an jenem Tag, an dem die deutsche Wehrmacht auf Befehl Hitlers Polen überfiel und damit diesen mörderischen 2. Weltkrieg auslöste. Es war, so sagte sie, ein strahlend schöner Tag und dann weiter: „Ich ging mit meinen Freundinnen ins Strandbad Wannensee. Das Wetter war herrlich und wir hatten viel Spaß miteinander.“ Meine Mutter war damals einfach ein junges Mädchen, das Spaß haben wollte, naiv und erwartungsfroh auf das Leben, frei von jeder Vorstellung, was dieser Überfall einmal auch für sie bedeuten werde.

Dieses Bild der vergnügten jungen Frauen beschäftigt mich und findet seine Deckung mit Bildern aus Odessa und anderen Städten der Ukraine, aber selbstverständlich auch Russlands: lachende, tanzende, übermütige und sich des Lebens freuende junge Menschen. Kann dies angesichts des Schreckens sein? Ja, so meine ich, das kann es und macht Hoffnung, Hoffnung auf Leben, denn diese jungen Menschen sind nicht für den Tod geboren worden. Der gewaltsame Tod, der ihnen drohen könnte, ist ein ungeheures Verbrechen, Verrat an dem ihnen gegebenen Lebensversprechen.

Ihr Lachen und Frohsein angesichts des Schreckens stellt eine Anklage gegen diejenigen dar, die Kriege beginnen und führen. Ihr Lachen entlastet uns allerdings nicht, sondern macht die Bürde noch schwerer, als sie ist, wenn wir uns unserer Schuld bewusst werden. Erinnern wir uns: Kriege können wir nur führen, weil wir geboren wurden, Mütter uns genährt und uns Raum zur Entfaltung und Erprobung unserer Fähigkeiten gegeben haben.

Wir wurden, was wir sind, mit Hilfe und Unterstützung unserer Eltern und anderer Menschen, die mit uns lachen, feiern und dafür gesorgt haben, dass unsere Bedürfnisse gestillt werden. Jetzt aber, da wir erwachsen geworden sind, halten wir uns, zumindest einig von uns, in der Rolle von Tätern und deren Unterstützer für berechtigt, das Leben anderer Menschen, z. B. der Jugendlichen, die wir doch einmal selbst waren, zu zerstören.

Wie ist das möglich, wo ist da die Logik? Die Jugendlichen haben recht, wenn sie uns auslachen, wenn sie lachen, weil sie mächtiger sind, als wir, „die Täter“. Sie lachen uns ins Gesicht, sie lachen uns aus, weil sie leben wollen und dabei wissen, dass auch wir bald tot sein werden, ihr Tod uns also keine Vorteile, kein ewiges Leben verschafft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schwarzer Mann

Als ich mich in den 1990er Jahren erstmals, aber in der Folgezeit sehr häufig, in Russland aufhielt, wurde ich wiederholt von Einheimischen vor den „schwarzen Männern“ gewarnt. Diese Männer kämen von Außerhalb, zum Beispiel dem Kaukasus, seien unnahbar, kaltblütig, ggf. brutal. Ich bin ihnen in Städten wie St. Petersburg tatsächlich häufig begegnet und habe dabei beobachtet, dass sie mich und andere in der Regel nur dann wahrnehmen, wenn ihr Auftrag dies von ihnen verlangt. Sie saßen häufig in den Vorräumen von Restaurants und beobachteten mit stoischer Gelassenheit und Ruhe das ganze Geschehen.

Ihre körperliche Präsens aber war dennoch enorm und schaffte eine Atmosphäre des Respekts vor dem, was bei Übertretung ihrer Regeln zu erwarten sei. Die schwarzen Männer redeten wenig und verzogen selbst dann, wenn sie dies taten, kaum ihr Gesicht. Ein Lächeln kam nicht vor. Wenn man schwarzen Männern auf der Straße begegnete, sollte man ihnen lieber ausweichen, denn sie würden anderenfalls einfach durch einen hindurchgehen – oder über einen hinweg. Sie weichen nicht aus. Mit ihrer Entschlossenheit prägen die schwarzen Männer ein deutliches Kontrastbild zum warmherzigen, kulturell interessierten und hilfsbereiten Menschen.

Auf allen wunderbaren Festen und bei allen herzzerreißenden Begegnungen mit herrlich verrückten Menschen waren naheliegenderweise keine schwarzen Männer zugegen. Dies verrät aber nichts über eine angebliche Zerrissenheit des Landes, sondern darüber, dass auch in Russland – wie überall in der Welt – beides vorkommt: Kaltblütigkeit, stoischer Schrecken einerseits und Herzensgüte sowie Verständnis andererseits.

Putin hat schwarze Männer übrigens in die Ukraine geschickt. Dort führen sie seine Aufträge aus, bis sie wieder nach Russland zurückkehren und dort gleichmütig auf ihren nächsten Einsatz warten. Obwohl die meisten Menschen in Russland mit ihnen überhaupt nichts gemein haben, ist es allerdings schwierig, die Welt davon zu überzeugen, dass sie eigentlich nur friedlich leben wollen und sie diese sinnlose, aber grausame Selbstbeweihräucherung der schwarzen Männer abstößt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Putin

Putin, sein Name steht für Bedrohung und Verderben. Nicht nur in der Ukraine, sondern in der ganzen Welt. Schon lange, aber wir wollten es nicht sehen. Das Böse gibt es. Dies ist wahrlich keine Überraschung und sein Verhalten keine Ausnahme. Die Menschheitsgeschichte liefert ständig Beweise. Aber warum handeln Menschen so, wie er? Nicht nur, weil sie es wollen, sondern auch, weil wir es zulassen.

Dies nun jedenfalls solange, wie wir selbst glauben, dass es uns ebenfalls nützt. Zu Beginn seiner Kariere in Leningrad war Putin äußerst willfährig, ver­sprach denjenigen, die seine Hilfe in Anspruch nehmen wollten, Vorteile und Gewinn. Alles, wirklich alles, könne er für einen machen, so hörte man ihn sagen. Aber um welchen Preis?

Wenn er helfe, so erklärte er seinem Gesprächspartner, möchte er natürlich eine Gegenleistung: „Ich kann alles machen, aber was habe ich davon?“ Kennen wir nicht alle diese Geschichten, diese Märchen und Sagen, haben wir Faustens Schicksal vergessen? Selbst, wenn der intelligente Teufel sich zu verkleiden weiß, sein Handeln folgt immer dem gleichen Muster. Der in Ironie zu fassende Schrecken ist dabei, dass wir das Handeln des Mephisto willentlich nicht erkennen oder glauben, das ihm gegebene Versprechen ließe sich einfach wieder auflösen, das nicht gewollte Ergebnis unseres Handelns einfach wieder abwenden. Ein Irrtum.

Wenn wir uns auf einen Deal mit dem Bösen einlassen, sind wir selbst Täter, und zwar in mittelbarer Täterschaft. Viele, die Putins Hilfe in Anspruch genommen haben, hatten es gewusst oder hätten es wissen müssen. Der eigene Vorteil war jedoch verlockender als Skrupel und vorausschauende Verantwortung. Wir haben Putin und seine Vasallen reich gemacht, sehr reich. Man sagt, er und der Metropolit Kyrill seien die Reichsten im Lande. Zu überprüfen dürfte dies nicht sein, jedoch eine umfassende Verfügungsmacht über Russland, die Kirche, die Armee und die Wirtschaft zu besitzen, dürfte den Eindruck bestätigen.

Wer aber sich so bereichert hat, wer Macht besitzt, kann nicht aufhören weiterzugehen, um seine Fähigkeiten und Erfolge immer wieder von Neuem zu erproben. Es gibt kein Ende, kein Ziel und keine friedvolle Genügsamkeit. Was einmal begonnen wurde, wird weitergeführt, und zwar auch dann, wenn Akteure und Geschichten ausgetauscht und/oder neu erzählt werden müssen.

Es geht doch nicht um die Ukraine, um Russland oder gar die Welt. Es geht um diesen Menschen: Putin, der dank unseres Mittuns viel erreicht hat und noch mehr erreichen kann, je rücksichtsloser er seinen Willen durchsetzt. Da es angesichts seines Alters und der sonstigen Bedrohungen auf dieser Welt nicht mehr so viel gibt, was er im Eigeninteresse erfolgversprechend erledigen könnte, hat er sich bereits für seinen letzten Trumpf entschieden. Er bereitet sich und uns auf ein finales Schauspiel vor. Wer könnte dies verhindern und wodurch?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kipppunkte

Wenden wir uns vielleicht zur Betrachtung von Kipppunkten einem aktuellen Bespiel zu: der Ukraine. Wann wird die russische Armee dort einmarschieren, wenn sie nicht vielleicht schon da sein sollte, wenn dieser Blogbeitrag erscheint. Vielleicht ist dann schon Krieg, Weltkrieg gar, vielleicht wird dieser Beitrag überhaupt nicht erscheinen, weil es künftig keine Medien und keine aufnahmefähigen Leser mehr gibt?

All das, was uns gerade noch gesichert erscheint, ist dann radikal weggefegt, durch eine ultimative Detonation, welche das Leben, soweit es noch Leben gibt, auf diesem Planeten total verändert hat. Kriege können losbrechen, wenn die äußeren und inneren Voraussetzungen gegeben sind, der Kipppunkt erreicht wurde, nachdem es ein Zurück, ein Rückspulen der Ereignisse nicht mehr gibt.

Kipppunkte sind zahlreich, nehmen wir die Verschmutzung der Meere oder das Klima, die Erderwärmung, die Meeresströme, welche ihre Richtung ändern werden, Hitze, Fluten, Orkane usw., all das wissen wir längst. Eines müsste uns eigentlich klar sein. Am Kipppunkt ist Schluss.

Das ist der Point of no return. Kipppunkte haben eine Vorgeschichte, deren Betrachtung dabei helfen könnte, die Unabänderbarkeit zu vermeiden. Es sind eigentlich Vorgeschichten und die meisten davon sind nicht mit Sachargumenten, sondern Emotionen befrachtet. Wie meist im Leben werden sie von Rechthaberei, Überlegenheitsgefühlen, Gier, Frust und anderen Eigenschaften gespeist. Ein allgemein verbindliches Sachargument findet sich kaum darunter.

Da nicht nur Kriege, sondern zum Beispiel auch der Klimawandel von Menschen für Menschen gemacht werden, benennen diese auch den kipping point, wissend, dass sie ohne weiteres hätten verhindern können, dass dieser erreicht wird. Wie? Durch selbstkritische Überprüfung des eigenen Verhaltens, letztlich durch Akzeptanz des Lebens auf diesem Planeten. Ganz einfach ist das, aber so schwierig.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sicherheitsalarm

Wir sind Ohrzeugen eines verbalen Schlagabtausches zwischen dem amerikanischen Präsiden­ten Donald Trump und dem nordkoreanischen Präsidenten und Volksführer Kim Jong Un. Jeder hält den anderen für geisteskrank und will ihn platt machen. Die Völker gleich mit dazu. Das ist der Plan. Werden sie es tun?

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, einem Vortrag des ehemaligen Botschafters und heutigem Vorsitzenden der Münchener Sicherheitskonferenz – Prof. Wolfgang Ischinger – zu folgen. Sein Thema war: „Zerfällt die Weltordnung?“ Er hat dies bejaht und ausgeführt, dass wir in schlimmen Zeiten leben. Dank seiner Kompetenz hat er alle derzeitigen Konfliktlagen beschrieben und die Bedeutung der Sicherheitskonferenz bekräftigt, ein Ort, an dem sich Machthaber unterschiedlichster Herkunft und Absichten treffen und sich über ihre Pläne austauschen können. Trotz des pessimistischen Szenarios sieht er die unausweichliche Notwendigkeit der Diplomatie, die Konflikte anzugehen.

Trotz des unüberhörbaren Moll-Tons im Vortrag von Herrn Prof. Ischinger beruhigten mich seine Ausführungen, denn sie bestätigten, was wir schon längst wissen, und zwar: auf der Ebene zwischenmenschlicher Auseinandersetzungen, ob Staaten, Völker oder Einzelne, es gibt immer wieder Lösungen, weil trotz aller Emotionen die praktische Vernunft in der Lage ist, Ergebnisse mitzusteuern. Es gibt allerdings Bereiche, die bei Sicherheitskonferenzen offenbar nicht mitbedacht werden.

Dies sind die Beurteilungen von Verteilungskämpfen, die sich zum einen aus der Überbevölkerung, zum anderen aus erodierenden Kulturen und zerstörter Natur einschließlich Klima und Ozean herleiten. Diese Bedrohung wird nicht mit bedacht, sondern die kriegerische Auseinandersetzung zwischen Staaten und Völkern in Kauf genommen. Dabei wissen wir, dass die auf uns zukommende Katastrophe unsere Sicherheitsarchitektur nachhaltig erschüttern und uns schon jetzt zwingen müsste, global strategisch gemeinsam diese Problemfelder zu bedenken, anstatt uns darüber zu ereifern, ob die Ukraine in die Nato aufgenommen werden sollte.

Warum sind wir so kurzsichtig? Warum sehen wir nicht, dass die Bevölkerungsexplosion uns in unabsehbare Verteilungskriege führen wird? Warum sehen wir nicht, dass territoriale Ansprüche hinweggeschwemmt werden von Wetter und Ozeanen? Warum sehen wir nicht, dass sich allmählich die Ordnungsrahmen der menschlichen Gemeinschaft durch Kulturverluste auflösen und wir in der Vereinzelung hilflos sind?

Vielleicht ist es der Plan des Lebens, jede Herausforderung auf die Spitze zu treiben, um zu sehen, ob wir uns dann noch bewähren können. Jedenfalls sollte neben Nordkorea, Krim, Syrien, Ukraine, Irak, Sudan und Libyen auch die Zukunft der Menschheit und unseres Planeten mit auf die Tagesordnung von Sicherheitskonferenzen gesetzt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gelassenheit

Wahrlich, wir leben in schlimmen Zeiten! Weil es so lustig ist, Macht zu haben und sie auch zu zeigen, tötet die ISIS wahllos Menschen, mitunter auch die eigenen. Das Ganze ist dann noch verbrämt mit einer theologischen Ideologie. Das kommt bei jüngeren Menschen offenbar ganz gut an, weil sich einige von ihnen ohnehin nicht leiden können oder sich gern von anderen führen lassen. Es fehlt an allen Ecken und Enden der eigene Vater und auf die Mutter will der Sohn auch nicht mehr hören. Macht ist geil und weil man ja auffallen will, sich erproben möchte und auf Anerkennung hofft, macht man halt mit, zumindest für einige Zeit. Aussteigen gibt es aber nicht. Das ist bei allen Sekten so, denn dann funktioniert der ganze Apparat nicht mehr.

Also: Im Nahen Osten wird getötet und an den Grenzen der Ukraine gezündelt. Möglicherweise gibt es wieder Krieg in Europa, denn auch hier gilt: Wer Macht hat, sucht für die Ausübung seiner Macht eine Begründung. Auch gibt es entweder den inneren oder den äußeren Feind. So erhält man sich eben seine Macht, ob man Putin oder Assad heißt. Sterben müssen Menschen allemal, sei es in Afghanistan, in Afrika oder auf Flüchtlingsschiffen. Also gelassen bleiben. Wir können es ohnehin nicht ändern, weder durch Pegida noch durch Gegendemonstrationen. Es ist außerordentlich schwer, Menschen etwas begreifbar zu machen, und zwar dass man Menschen erst Kinder zur Welt bringen lässt, um dann die Kinder anschließend wieder umzubringen. Man könnte meinen, dem Menschen sei das Leben anvertraut, damit er etwas Nützliches, bleibend Schönes oder herausragend Fortschrittliches in dieser Welt verwirklicht. Aber, stattdessen wird er schon bei Zeiten totgeschlagen, dass man niemals erfahren wird, zu welchen erhabenen Großtaten dieser Mensch tatsächlich fähig gewesen wäre, was er uns hätte erzählen können aufgrund seiner Erfahrungen, seinen Einsichten, entwickelnden Gedanken und Taten. Tot ist der Mensch. Damit basta!

Es gibt ja noch andere, sogar viele, also kann es auch auf den einzelnen Menschen gar nicht so ankommen? Sieht der einzelne Mensch, der sich entwickelnde Säugling dies genauso? Saugt er an der Brust seiner Mutter voll Verachtung? Betrachtet er seine Umgebung mit Abscheu? Ist ihm die Berührung seines Vaters verhasst? Nein, nein, sterben will ich nicht, würde das Kind schreien. Es war doch anstrengend genug, auf die Welt zu kommen und nun will ich erfahren, um was es hier geht, mich ausbilden und mein Leben leben. Mir wohl und keinem übel, kurzum: Ich habe nichts dagegen, wenn die anderen Kinder auch leben, und zwar auch selbst dann nicht, wenn aus den Kindern einmal erwachsene Menschen werden sollten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski