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Theatergespräche

Neulich nahm ich an einer Theaterveranstaltung im Deutschen Theater in Berlin teil. Der Name des zur Aufführung gebrachten Stückes lautet: „Ein Gespräch über Kürbisse“. Die Zuschauer saßen im Kreis um eine Drehscheibe. In der Mitte der Drehscheibe war ein Teleskop installiert. Zwei Frauen nahmen an dem Tisch Platz, unterhielten sich zunächst über Reiseziele und später über die persönliche Vergangenheit und Zukunft. Um was es dabei genau ging, konnte ich allerdings nicht mitbekommen, weil die Drehscheibe etwas knarrte und quietschte und die Frauen auf der Drehscheibe sich entweder entfernten oder sich wieder annäherten. Waren sie weg, konnte ich sie nicht verstehen, kamen sie wieder, hatte ich den Zusammenhang ihres Gesprächs vergessen.

Gerade auch deshalb bemühte ich mich, noch eindringlicher zu begreifen, was der Sinn des Ganzen sein sollte. Vielleicht war es so, theatralisch zu verdeutlichen, dass es völlig egal ist, was die Menschen sagen. Theater halt. Dabei erinnere ich mich an eine Information aus einem anderen Theaterbereich des Lebens: Gesprächsbedarf zwei junger Menschen, die zwar im selben Ort, aber nicht im gleichen Haus wohnen. Telefonieren sie etwa miteinander? Nein. Sie schicken sich wechselseitig Sprachnachrichten.

Ist das die Zukunft? Sitzen dann nicht einmal mehr zwei Frauen am Tisch, erleben die Zentrifugalkraft der Drehscheibe und entwickeln aus dem gesprochenen Nichts einen Skandal? Die Zukunft sieht so aus: Sie sitzen in verschiedenen Theatern und schicken sich Sprachnachrichten, die natürlich auch missverstanden werden können und Empörungen hervorrufen.

Aber, wenn es zum Schlimmsten kommt: ein Klick und der Andere ist weg. Spiegelneuronen? Gestik, Mimik, Umarmung und Tränen? Alles nicht die Zukunft. Eher programmierte Sprachmaschinen, die wissen, worauf es ankommt und was der Andere hören will bzw. stellvertretend mit diesem abrechnet, wenn das gewünscht ist.

Jeder Nutzer dieser Sprach-Apps ist fein raus. Jederzeit lässt sich sagen, der Rechner habe sich selbstständig gemacht oder sei falsch programmiert. Alles ist möglich, man muss es nur nicht mehr selbst wirklich tun. Was für eine Leichtigkeit, die sich mühelos auf die menschliche Begegnung insgesamt übertragen ließe.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski