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Gewaltherrschaft

Gewalt gegen Sachen, aber nicht gegen Menschen … So lauteten Parolen zu den Aktionen der „Rote Armee Fraktion“ (RAF), die Namen Gudrun Ensslin und Andreas Baader sind bekannt. Es ging ihnen zunächst vordergründig um die durch das „Kapital“ verursachten Missstände und Ungerechtigkeiten in dieser Welt, insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland. Dagegen sei ein deutliches Zeichen zu setzen. So legten sie zum Beispiel in einem Frankfurter Warenhaus Feuer mit der Parole: „Burn Warehouse burn!“. Erstaunlich viele Bürger hatten für diese Aktion, wahrscheinlich wegen des eigenen schlechten Gewissens und weil sie nicht unmittelbar selbst davon betroffen waren, sogar Verständnis bzw. haben nicht verstanden, dass mit dieser Aktion eine Tür geöffnet wurde, die kaum mehr geschlossen werden konnte.

Die der ersten Aktion folgende Radikalisierung bis hin zu den schrecklichen Attentaten und Morden dürfte zumindest den älteren Menschen in unserem Land noch bekannt sein. All das, was schon gewesen ist, kommt mir in den Sinn, wenn ich heute Vertretern der „Letzten Generation“ bei Auftritten zum Beispiel in der Tagesschau „zuhöre“. Sie bedauern wortreich, dass durch ihre Aktionen die Freiheit von Menschen unter anderem im Straßen- und Flugverkehr erheblich beeinträchtigt würde, aber sie leider keine andere Möglichkeit sehen, als durch ihre Aktionen auf die katastrophalen Missstände in der Klimapolitik hinzuweisen.

Diese Art der Rechtfertigung fortschreitender Gewalt gegen Sachen, die sozusagen zwangsläufig auch Gewalt gegen Menschen mit umfassen könnte, wenn die Aktionen den gewünschten Erfolg nicht bringen und daher eine Radikalisierung unverzichtbar erscheint, entspricht bekannten Mustern. Spätestens dann, wenn Teilnehmer und Sympathisanten der „Letzten Generation“ zu Haftstrafen verurteilt werden, ist eine Enthemmung zu befürchten und die Gewalt könnte sich auch gegen Menschen, zunächst Polizisten, dann aber auch Politiker, Wirtschaftsführer und andere Menschen richten.

Derzeit gibt es noch bei Intellektuellen, wohlsituierten Bürgern und auch jungen Menschen viel Sympathie für das Vorgehen der „Letzten Generation“, aber was kommt dann, wenn zum Beispiel die schon jetzt bereits arg strapazierten roten Linien überschritten werden? Was geschieht, wenn überhaupt dieses Muster der Auseinandersetzung allgemein von Gruppen mit unterschiedlichen Interessen für die Durchsetzung ihrer Ziele adaptiert wird?

Eine sich selbst rechtfertigende Begründung für das eigene Handeln lässt sich immer finden. Durch die fortschreitende Belastung infolge der sich steigernden Aggressionen ist jedoch zu befürchten, dass unsere Gesellschaft selbst irgendwann in einen Erosionszustand gerät, die dann folgende Radikalisierung das Misstrauen schürt und gewalttätige Auseinandersetzungen viele Opfer schaffen werden. Die gesellschaftliche Auflösung geht mit der wirtschaftlichen und politischen Erosion einher.

Was können wir verhindern? Ist bei dieser Aussicht heute noch eine Einsicht möglich? Vielleicht! Wie bei der Bewältigung der Klimakatastrophe muss vorbeugend auch die gesellschaftliche, sich abzeichnende Katastrophe erkenntnisbereit besichtigt und konsequent mit allen gebotenen Mitteln behandelt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Rosige Zukunft (Teil 1)

Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Das Lamento ist allenhalben groß. Kein Mensch kann es dem anderen noch recht machen. Dies schließt Politiker, Verkehrsteilnehmer und Nachbarn mit ein. Es gibt nichts, was bei uns nicht beklagenswert wäre. Ich kann es mir wohl ersparen, all dies aufzuzählen, weil ohnehin jeder Leser weiß, um was es geht und fast alle Menschen etwas zu beklagen haben. Wenn der beklagenswerte Gegenstand der Betrachtung nur weit genug weg ist, also den Klagenden eigentlich nicht berührt, klagt es sich am besten.

Das mag man Klagen auf hohem Niveau nennen. So weit würde ich allerdings nicht gehen. Ich halte das Niveau der meisten Klagen für eher bescheiden. Oft bringt schon eine einfache Frage, was der Klagende denn so beklage, ihn völlig aus dem Konzept: „Ja, weil ….!“ Die selbstverständlich nicht ausgesprochene Antwort ist, dass, wenn alle klagen, keiner am Rande stehen will.

Wenn nun der verständnisoffene Empfänger dieser Klage nach Abwägung aller Umstände meint, dass es doch noch nicht so schlimm sei, denn Ungerechtigkeiten, dumme Po­litiker, Volksverführer, Rassisten, Zerstörer und Migranten habe es schon immer gegeben und man habe doch zumindest in Europa schon erhebliche Fortschritte in der – zum Beispiel –Kriegsvermeidung gemacht, so folgt sofort ein: „ja, aber…“.

Wenn der Empfänger des Klagegesangs auch noch meint, dass wir in Deutschland vielleicht in einem der schönsten, erfolgreichsten und sichersten Plätze der Erde leben, dämmert allmählich das „Aber“ dahin und es folgt die Irritation des Klagenden, wenn der Empfänger der Klage den Spieß umdreht und selbst gedankenvoll auf die Probleme im Klimaschutz, Müllvermeidung und Bevölkerungswachstum hinweist.

Darüber ordentlich und nachhaltig zu klagen, fällt aber schwer, weil diese beklagenswerten Gegenstände komplex sind und sich einfachen Zuordnungen entziehen. Wir sollten eine Verständigung darüber finden, dass wir unsere ganze Hoffnung in unsere Kinder und Enkelkinder setzen, das bereits begonnene Werk der Verbesserung unserer Welt in allen wesentlichen Fragen fortzusetzen, wie dies trotz aller Rückschläge schon immer gewesen ist. In der Erwartung der fortschreitenden Verbesserung unseres Lebens haben wir unsere Kinder in die Welt gesetzt und beabsichtigt, ihnen Aufgaben anzuvertrauen oder etwa nicht?

Sollte es auch im Interesse unserer Kinder darum gehen, unseren Planeten zu erhalten, müssten wir allerdings drastische Maßnahmen ergreifen, obwohl wir uns davor fürchten, dies zu tun. „Es ist ja schon immer gut gegangen ist.“ Wir sind es nicht gewohnt, in größeren Zusammenhängen als den lokalen zu denken. Wenn Deiche brechen, schleppen wir Sandsäcke bis zur Erschöpfung, wenn allerdings sämtliche Deiche brechen und der Klimawandel unaufhaltsam ist, stehen wir im Norden Deutschlands permanent knietief im Wasser, und zwar auf Grundstücken, die wir nicht mehr die unseren nennen dürfen, sondern der Natur zurückgegeben haben werden. Das ist dann reichlich spät für grundsätzliche Überlegungen.

Wir sind dann mit der plötzlichen und permanenten Migration in höher gelegene Regionen, mit Verteilungskämpfen und Überlebensstrategien beschäftigt. Was folgt, ist mutmaßlich der Bürgerkrieg.

Können wir das noch verhindern? Ja! Gibt es einen anderen Weg? Nein!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Skandal

Der niedersächsische Ministerpräsident habe seine Rede zum Dieselskandal vor einem Jahr von dem Unternehmen VW „weichspülen“ lassen. Selbst seine Absetzung als Ministerpräsident wird in den Medien gefordert. Ein Skandal! Es scheint riesigen Spaß zu machen, Dinge ans Licht zu zerren, diese auszuschlachten und alle auch nur nebensächlichen Details zu verbreiten. Der Wahrheitsgehalt ist völlig nebensächlich.

Denken wir dabei auch an die Vorwürfe gegen den früheren Bundespräsidenten Wulff. Skandale sind dazu angetan, uns anstrengungslos mit einzubeziehen, Positionierungen zu erlauben und sich zu freuen bzw. zu empören. Die ganze Gesellschaft gerät in Wallung. Skandale erschüttern uns, so könnte man meinen. Das stimmt aber nicht. Es sind nur die vermeintlichen Skandale, die das vermögen, die wirklichen Skandale aber geraten unter unseren Wahrnehmungspegel. Skandale, die die Menschenwürde verhöhnen, Ungerechtigkeiten und Verbrechen enthüllen, wie Kriege, Folterungen, Vertreibungen und Vergewaltigungen. Sie übersteigen offenbar unser Fassungsvermögen, so dass wir uns weitgehendst der Mitsprache enthalten. Diese Skandale bleiben meist konsequenzlos. Warum ist das so?

Ist es so, weil wir uns schuldig fühlen, Empörung nichts bringt, unsere Empathie nicht ausreicht, um das Schlimmste zu begreifen? Diese Frage ist kaum zu beantworten. Wir verschließen unsere Augen oft gerne vor den wirklichen Herausforderungen unseres Lebens und lenken uns mit kleinen Empörungen ab. Mit Appellen an die Verursacher des Skandals ist es aber nicht getan, sondern jeder große Skandal verlangt Konsequenzen: Der Täter muss zur Rechenschaft gezogen werden. Es kommt weniger auf den Protest an als die Konsequenz unseres Handelns an. Der Täter hat jeden Anspruch auf Unterstützung verwirkt. Dies sowohl materiell als auch kulturell.

Gesellschaftlicher und politischer Bann bedeuten Gesichtsverlust und soziale Ächtung. Die Verursacher menschenverachtender Skandale sind nicht resozialisierbar, unwürdig und müssen von der Gemeinschaft in Acht und Bann gestellt werden. Sie haben keinen Anspruch auf Identität, da sie sich außerhalb der menschlichen Gemeinschaft gestellt haben. Opportunität ist bei derartigen Skandalen ein schlechter Ratgeber, dies auch dann, wenn der Versuch unternommen wird, zwischen dem Haupttäter und seinen Mitläufern zu differenzieren. Das stimmt aber nicht. Alle sitzen im selben Boot.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski