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Nudging

Wir ahnen es, fühlen und spüren, dass etwas nicht stimmt mit uns und der Welt. Auch Menschen, denen es gut geht, die gesund sind und keine wirtschaftlichen Nachteile im Moment befürchten müssen, haben das Gefühl der Unstimmigkeit. Dieses Gefühl macht misstrauisch, ängstlich und teilweise auch aggressiv. Wir wissen nicht, was los ist, keiner kann uns den Zustand der Welt und unser eigenes Befinden erklären. Es gibt zwar Sachbücher zu Hauf, wissenschaftliche Abhandlungen und Erklärungsformate im analogen und digitalen Bereich, aber eine schlüssige Antwort darauf, was uns beunruhigt, gibt es nicht. Schön wäre es, ich hätte sie. Das ist aber nicht so.

Ich spüre allerdings den Grund für alle berechtigten Sorgen. Ich spüre, dass wir Menschen gerade dabei sein, uns der Kontrolle zu entledigen, und zwar der Eigenkontrolle. Diese Kontrolle besteht darin, dass wir selbst wissen, was richtig und falsch ist, aber auch der sozialen Kontrolle, die dann eingreift, wenn die Eigenkontrolle zu versagen scheint. In einer globalisierten Welt und insbesondere in der Verborgenheit des Internet tritt an die Stelle der sozialen Kontrolle die anonyme Abrechnung mit anderen Menschen.

Der Abrechnende muss dabei kein Gesicht zeigen, sondern kann sich im Netz verstecken. Im Netz verstecken sich auch die Einflüsterer und Verkaufssirenen. War Wachstum früher eine normale Begleiterscheinung menschlichen Wirkens, ist Wachstum heute ein sich schnell verbreitender Fetisch sowohl im Finanz- als auch Warenverkehr. Wachstum, Wachstum über alles, über alles in der Welt! Es wachsen nicht mehr Unternehmen, es wachsen Renditen. Es wachsen nicht mehr Wälder, sondern Sojafelder. Es wachsen nicht mehr Blumen, sondern Rinder. Fetisch Wachstum. Dabei geht es gar nicht darum, Wachstum zu verteufeln, sondern Wachstum in eine Beziehung zum Menschen zu setzen. Äußeres Wachstum muss sich im inneren Wachstum des Menschen spiegeln. Wächst die menschliche Integrität, seine Einsichtsfähigkeit und Verantwortung, hat auch das gestaltende Wachstum dieser Welt eine annehmbare Bedeutung. Warum aber verzichtet der Mensch auf das Wachstum seiner eigenen Fähigkeiten?

Vielleicht hat er dessen Nützlichkeit noch nicht erkannt, die Kraft der Integrität und des übersichtlichen Handelns. Es ist daher wichtig, dass wir uns selbst und anderen einen Anschubser (Nudging) verpassen, um in eine andere Richtung zu gehen, als die, die wir bisher eingeschlagen haben, damit wir selbst herausfinden, ob dieser andere Weg nicht weitere Vorteile für uns bietet. Belehrungen und Ermahnungen fruchten da gar nichts, sondern nur das Neugierigmachen auf gewinnversprechende Alternativen sowohl im persönlichen, zwischenmenschlichen und natürlich auch wirtschaftlichen Bereich.

Das kann im Gespräch oder auch in der Selbstreflektion mit dem Satz beginnen: „Was willst Du eigentlich?“ Sobald die Selbstvergewisserung eingesetzt hat, geht es nur noch um die professionelle Umsetzung des zielführenden Weges.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski