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Ruhe vor dem Sturm

Liebe Verwandte und Freunde, liebe Mitbürger und sonstige Lebewesen. Wir saufen in weniger als 100 Jahren ab. Alle bisherigen Berechnungsmodelle sind nicht gültig. Die subpolare Eisschmelze in der Antarktis wurde ebenso wenig bedacht wie der Salzrückgang in den Meeren und den damit einhergehenden neuen Wetterverhältnissen. Wir sind höchstwahrscheinlich erledigt. Vielleicht der eine oder andere von uns noch nicht persönlich, aber unsere Kinder und Enkel allemal.

In allen persönlichen Gesprächen, die ich führe, erfahre ich ausschließlich besorgte Zustimmung, doch seitens der Wissenschaft tut sich nichts, weil sie nicht politisch sein will und seitens der Politiker tut sich auch nichts, weil sie von Wissenschaft keine Ahnung haben. Unterschwellig denken wir ohnehin, wie seinerzeit beim angekündigten Baumsterben, so schlimm wird es nicht werden, ist ja immer alles gut gegangen und schließlich muss unser Wohlstand auch gesichert bleiben.

Doch Wohlstand wofür, wenn Hamburg evakuiert werden muss und mit der ersten Flutwelle Inseln und große Teile Schleswig-Holsteins und Mecklenburg-Vorpommern verschwinden. Auch Holland und Dänemark gehören wie Polen zu Europa. Versunkene Städte wie ehemals Alexandria in Ägypten. Bis die Städte implodieren, ähneln sie Venedig, das ebenfalls versunken sein würde. Die Überschwemmung, das Desaster trifft nicht sofort jeden, sondern entwickelt sich allmählich. Allerdings wird der von Menschen bewohnbare Raum immer enger bei steigender Bevölkerungszahl.

Die Menschen streben dorthin, wo sie zumindest noch eine Zeit lang zu überleben hoffen. Die Auseinandersetzung zwischen den einheimischen Besitzstandswahrern und den Eindringlingen nimmt zu. Es widerspricht nicht unserer Logik, dass verheerende Seuchen und kriegerische Auseinandersetzungen ungeahnten Ausmaßes für eine Dezimierung des Lebens sorgen werden, damit zumindest Einige noch überleben können. Was ist zu tun?

Wir müssen Wissenschaft und Politiker herausfordern, Pläne für die Zukunft der Menschheit zu entwickeln, statt sich über Handelsabkommen, Stakeholder Value und Rentenversicherungen zu verzanken. Offenbar haben wir nicht begriffen, worauf es in dieser Welt ankommen wird und schenken jedem Fernsehkoch mehr Aufmerksamkeit, als einem ernstmeinenden Wissenschaftler. Wir selbst sind begriffsstutzig und erlauben es daher, einfältigen Politkern, sich um alles zu kümmern, bis auf das: die Rettung der Menschheit, die Rettung unseres Planeten im Interesse künftiger Generationen und aller von uns abhängigen Lebewesen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Life in Venice

Es schüttete wie aus Kübeln auf die Brücken, Straßen und Kanäle dieser Stadt. Der Wind fegte über den Markusplatz und verfing sich in den Ecken und Winkeln der Gassen, pfiff durch die Brückenmünder und trieb kurios verrenkte Schirme aller Konstruktionsarten und Farben vor sich her. Ein menschenlebendiges Sauwetter ohne Tourismus. Keiner weit und breit, der Markusplatz war wie leergefegt, sogar die Tauben hatten sich verkrümelt. So gefiel mir Venedig. Und es war das erste Mal.

Am noch trockenen Vortage sind wir den Horden ausgewichen nach Castello, sahen uns hungrig an Fassaden, Parkanlagen und normalem venezianischen Leben im Quartiere Sant Elena. Am Tage vor dem großen Regen fuhren wir mit einem Vaporetto zur Isola di San Michele, der einzigartigen Wohnstätte nicht mehr Lebender Venedigs. Darunter berühmte Namen und protzige Neuvenezianer, die mit Laubenpiperheimen aus Stahl und Glas um persönliche Anerkennung in alle Ewigkeit werben. Der Architekt Chipperfield unterstützt sie dabei, indem er für sie ein grandioses neues Grabfenster entworfen hat. Man muss die Toten bemitleiden, die nicht die Chance haben, in Venedig beerdigt zu werden.

Stadtteile sollte man nicht gegeneinander abwägen. Alle haben ihren Reiz. Ob Dorsoduro, Santa Croce oder Cannaregio, ganz zu schweigen natürlich von San Marco und der Rialtobrücke, die allerdings derzeit wegen Bauarbeiten teilweise verhüllt ist. Bei unserem Besuch war sie ertüchtigt worden durch lautstarke Demonstranten, begleitet von Polizisten mit Schild und Sturmhaube. Am folgenden Abend bei Starkregen und Sturm an gleicher Stelle heulten die Sirenen und Teile der die Brücke umgebenden Stadt verfielen vorübergehend der gänzlichen Schwärze. Seelige Momente für Banditen.

Venedig, ganz sicher keine gewöhnliche Stadt, sondern ein Geflecht von Schatzinseln. Wir haben fast alles geschafft: den Palazzo Ducale, die Basilika de San Marco, San Zaccaria, Palazzo Querini Stampala Pinacoteca, Santa Maria della Salute, Galleria dell‘ Accademia, das Guggenheimmuseum, Palazzo Zenobio, Scuola Grande di San Rocco, San Pantalon, San Rocco und noch etliche Kirchen mehr. Bellini, Tizian, Tintoretto, Carpaccio, Veronese, Canaletto, Strozzi, das Werk dieser Meister in verrückter Üppigkeit und anmaßender Opulenz. Na und? Wer lässt denn heute noch so malen und für welchen Zweck sollte dies dann sein?

Wir, die armseligen Touristen hetzen durch die grandiosesten Säle der Menschheit mit Spiegeln, die wir vor uns hertragen, damit wir die Decken und ihre Bildbotschaften entziffern können. Im schummrigen Licht versuchen wir, die Geschichten zu erfahren und die bildgewordenen Erzählungen nachzuempfinden. Ich bekenne, ich bin diesem Angebot kaum gewachsen. Ich verstehe, dass die Mächtigen ihrer Zeit diese Bilder brauchten, um ihren Bedürfnissen nach Erbauung und Zerstreuung einen Ausdruck zu verleihen und andere zu beeindrucken durch schiere Monumentalität.

Was habe ich dem entgegenzusetzen außer schnellgeschossene I-Phone-Bilder und Selfies? Manche der kulturbegierigen Wegbegleiter aus der touristischen Szene in Venedig werden Wochen brauchen, um die über Smartphones gewonnenen Bilderschätze zu verarbeiten. Ich bleibe cool. Kein einziges Bild, das ich knipse. Doch die Bilder sind auch im Kopf kaum zu speichern. Aber es bleiben die Eindrücke von Bedeutung, Erhabenheit, Stolz und Ernsthaftigkeit, welche diese Stadt einmal ausgezeichnet haben. Tempi passati. Alles vorbei. Alles? Mit Sicherheit nicht. Venedig ist eine Stadt des Lebens und der Genüsse: unbeschreiblich schmackhafter Tintenfisch, Muscheln, Scampi und Hauswein, der aus riesigen Plastikbottichen in Flaschen und unsere Gläser abgefüllt wird. So lässt es sich leben trotz Tourismus und Regen. Die Venezianer zeigen es uns.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski