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Perspektive

Alles sei nur eine Frage der Perspektive, so ist zu vernehmen. Nun ja, das hört sich richtig an, sind denn aber alle Perspektiven so gleichrangig, dass sie nebeneinander bestehen könnten? Wo weichen sie voneinander ab, wo stimmen sie überein? Etwa beim Ausgangspunkt der Wahrnehmung, in den vergleichbaren Untersuchungsmethoden oder gar im Ergebnis?

Ein Beispiel: Es gibt wohl eine allgemein verbreitete Betrachtung zum globalen Süden und dem dominanten Westen mit der gängigen Zuordnung: alte weiße Männer, Kolonialismus, Klimasünder etc. Wir kennen alle diese Zuschreibungen im Detail, aber was stimmt denn heute schon an diesen, wenn sich die Welt rasant verändert, Menschen des globalen Südens massenhaft in den Westen strömen und dessen Kultur einschlägig mit prägen?

Etiketten, wenn sie einmal angeklebt wurden, sind schwer abzulösen, weil Zuweisungen nicht zu unterscheiden vermögen zwischen dem, was einmal war und dem, was jetzt ist, sondern festhalten an einer in Ewigkeit verabredeten Betrachtung, die sich um Veränderungen kaum schert. Die Perspektive ist anfällig für jede Form der Instrumentalisierung durch Interessenten. So wird die Frage der Perspektive nicht nur bei historischen oder oft historisierenden Betrachtungen häufig auf einfache Art und Weise geklärt, sondern auch beispielhaft bei der Erwartung sich auftuender Möglichkeiten für das Leben unserer Kinder und Kindeskinder. Wenn hier, wie dies gegenwärtig geschieht, Unsicherheit und Furcht als Perspektive gewählt werden, dann kann es doch nur furchtbar werden.

Wenn wir aber die Perspektive Hoffnung und Zuversicht wählen, haben unsere Kinder und alle künftigen Menschen eine Chance, die sich ihnen stellenden Herausforderungen zu meistern, Fehlentwicklungen einzuschätzen und auch zu überwinden, also ihr Verhalten insgesamt auf das Gelingen des Lebens auszurichten. Im eigenen Interesse müssen wir lernen, eine wohlwollende Perspektive auf menschliches Handeln zu pflegen, denn dies ist förderlich für unsere Selbsterhaltung und unser künftiges Tun.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zukunft

Good-Future-Dialog – was ist eine gute Zukunft – als Zukunftsdenker angesprochen, wurden die Teilnehmer einer vom Veranstalter bunt gemischten Runde ersucht, ihre Impulse für eine gute Zukunft auszutauschen. Das Engagement der Teilnehmer war durchaus beeindruckend und für mich – insoweit wenig überraschend – außerordentlich erfreulich, wenn dabei SDG und ESG, Nachhaltigkeits- und Gemeinschaftssinn mit auf dem Plan stehen. Tun sie das dann aber auch?

Vergegenwärtigen wir uns: Die Welt wird nicht durch das Meinen gestaltet, sondern es wird auf das Handeln ankommen. Dafür ist zunächst der Sinn für die Realitäten zu schärfen. Um Realitäten wahrzunehmen, bedarf es des klaren Blicks auf alles, im Ganzen und im Detail. Da aber vom ungetrübten Blick auf die Realitäten allein noch keine Handlungsempfehlung abzuleiten ist, muss das Wahrzunehmender mit der Vorstellungskraft zum Möglichen und Erwünschten angereichert werden.

Mut, Tatkraft, Vertrauen. All dies sind Wegbegleiter bei einer zukunftsgestaltenden Arbeit, die nachfrageorientiert eingestellt ist und sich nicht ein angeblich bereits vorhandenes Wissen anmaßt, frei nach dem Motto: „Ich weiß, wie Zukunft geht!“

Zukunft ist etwas noch nicht Vorhandenes. Zukunft ist auch nichts Verlässliches, sondern lediglich Erfahrbares, wenn sie sich realisiert. Zukunft zu gestalten als Pflichtaufgabe derjenigen Menschen, die sie erleben wollen, kann sehr reizvoll sein, wenn die Erwartungen, die mit ihr verbunden werden, schon heute eine passende Instrumentalisierung erfahren. Dabei geht es um diejenigen Werkzeuge, die junge Menschen schaffen wollen, um künftigen Herausforderungen auf allen Lebensgebieten persönlicher, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Art gewachsen zu sein. Möglicherweise sind dabei auch ältere Menschen erzählend gefragt, um kühne Zukunftsvisionen mit ihren Lebenserfahrungen in einen Dialog zu bringen, ausgestandene Irrtümer zu benennen, Versäumnisse, wenn dies erwünscht sein sollte, zu korrigieren, um dann gemeinsam Markierungen für eine neue Zeit, also die Zukunft zu setzen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vergehende Zukunft

„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran.“ So hieß in einem Lied der Gruppe „Fehlfarben“. Ja, das ist richtig. Geschichte wird gemacht in einem Gestaltungsprozess derjenigen, die in einer bestimmten Zeit unter bestimmten Umständen leben. Sie tragen die Bürde der Vergangenheit und gestalten eine Zukunft, die ihnen selbst trotz aller Prognosen ungewiss ist. Geschichte erscheint in der Nachschau oft sehr faktisch, überprüf- und ausdeutbar. Aufzeichnungen, Quellen und Dokumente erlauben eine Betrachtung, die das Prozessuale der Geschichte erkennen lassen.

Ordnung wirkt beruhigend und auch neue geschichtliche Erkenntnisse lassen sich bei allen unterschiedlichen Sichtweisen zumindest vorläufig stimmig einordnen. Würden man indes Geschichte ihrer Faktizität entkleiden, würde sich ein Chaos offenbaren, für welches wir keine Begrifflichkeiten finden könnten. An geschichtlichen Prozessen ist alles beteiligt, was Umstände und Bedingungen innerhalb und außerhalb des menschlichen Bereichs individuell und kollektiv ausmacht.

Geschichte ist der Moment der Bejahung und Verneinung, die Gunst des Planeten und widriger Umstände. Alles sublimiert sich in der Aneinanderreihung oder Clusterbildung von Momenten, pulsierend noch auch in entferntester Vergangenheit als auch schon in unvorstellbarer Zukunft. Geschichte ist unausweichlich, folgt der Logik seiner Zeit und wird bestimmt von Faktoren, die selbst nur vorläufig sind. Um die etwas kryptische Umschreibung zu verdeutlichen, meine ich, dass wir Einfluss nehmen sollten, aber nur bedingt Einfluss nehmen können auf den Verlauf der Geschichte.

Wir sollten nicht erschrecken vor Entwicklungen, die wir in vertraute Geschichtsbetrachtungen nicht einordnen können. Der technische Fortschritt, Bevölkerungsexplosionen, Klimaveränderungen und Kommunikation. All dies setzt geschichtliche Impulse frei, die uns als Akteure unerwartet handeln lassen müssen. Geschichtliche Muster der Vergangenheit jedenfalls taugen dazu nicht. Das werden über kurz oder lang auch diejenigen spüren, die noch glauben, alte Ordnungen und Herrschaftssysteme seien zukunftstauglich. Alles hat sich geändert und wird sich ändern. Auch wir.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski