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5. Erfassung von Bildung

Bildung ist nicht Wissen, sondern die Verarbeitung von Wissen. Wissen ist im Menschen vorhanden und wird auch täglich an ihn herangeführt. Bildung beruht auf den Synapsen zwischen einer Fülle von Wissensangeboten, die der Mensch nicht erst bei seiner Geburt, sondern vom Beginn seiner Menschwerdung an erfährt. Dabei spielt auch die Auswahl zwischen den Wissensangeboten eine wichtige Rolle. Vieles ist bereits im jüngsten Menschen begründet, denn die Aufgabe der Gene ist es, verarbeitete Erfahrungen weiterzugeben. Damit erschöpfen sich allerdings die Bildungsfähigkeiten des Menschen nicht, sondern das Maß der Erfahrbarkeit von Bildung hängt entscheidend von seiner Bildungsbereitschaft und seiner Umgebung ab. Auch ist Bildung kein rein kognitiver Prozess, sondern umfasst den ganzen Menschen, seine Gefühle, seine Spiritualität, seine Fähigkeiten zu greifen und zu begreifen, zu hören, zu fühlen, zu schmecken, zu sehen, zu atmen und schließlich auch zu denken. Auch Bildungsangebote beschränken sich demgemäß nicht auf zu verarbeitendes Wissen. Die Ausbildung des Menschen ist ein komplexer Vorgang, der nicht dadurch vereinfacht werden kann, dass man den Bildungsauftrag einzelnen Einrichtungen zuschreibt und dabei die Komplementärfunktion der Anderen, der Gesellschaft, der Eltern usw. vernachlässigt. Wenig hilfreich ist daher die Denunziation eines angeblich nicht geeigneten Bildungsumfelds als bildungsfern oder bildungsfeindlich.  Das mag so begriffen werden, jedoch ist es das Ziel, dass diejenigen, die selbst Bildungschancen nicht mehr wahrnehmen wollen oder auch können, sich gegenüber ihren eigenen Kindern nicht bildungsfeindlich verhalten, sondern Bildung zumindest als eine Chance für ihre Kinder begreifen. Auch eine Neutralität gegenüber den Bildungsinteressen ihrer Kinder wäre dabei schon hilfreich. Deshalb ist es eine der vordringlichsten  Aufgaben, ein Bildungsverständnis  zu schaffen, welches als Konsens in der Gesellschaft verankert ist und somit den Boden für  Bildung  schafft.  Das  Bildungsklima  verbessert  sich  je  nachdem, wie  die Gesellschaft selbst Bildungsinteressen nicht mit Argwohn begleitet, sondern mit ansteckender Sympathie. Auch wenn die Gesellschaft oft bildungsstörende Einrichtungen – wie Computer und Fernsehen – aus dem Leben nicht entfernen kann, so können diese Einrichtungen doch auch zur Wahrung von Bildungsinteressen instrumentalisiert werden. Dabei geht es nicht nur um Bildungsprogramme, sondern um den bewussten und selbstbewussten Einsatz von Medien generell.

Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Dies ist leicht daraus abzuleiten, dass wir Menschen dazu bestimmt sind, uns für andere Menschen einzusetzen und damit die Menschheit selbst bei ihrer Entwicklung zu unterstützen. Je höher die Einsichtsfähigkeit des Menschen nicht nur in sein vorhandenes Leben, sondern auch in seine Zukunftsperspektiven ist, umso sicherer ist sein Umgang mit Instrumenten bei der Gestaltung der Zukunft. Warum sollte der Mensch nach Bildung streben? Diese Frage ist so müßig wie die Klärung der Seinsfrage an sich. Der materiell organisierte Mensch wird die Vorteile eines Bildungsvorsprungs genauso für sich entdecken wie der spirituell orientierte Mensch, dem die Bildung den Zugang zu sich, zur Mystik und anderen Lebensgeheimnissen eröffnet. Die Notwendigkeit der Bildung für den Fortbestand der Menschen ist wohl unbestritten. Es besteht jedoch Ratlosigkeit, wie Bildung implementiert und als selbstverständliches Lebensregelwerk erfahren werden kann.

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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski