Hand aufs Herz. Wer ärgert sich nicht über rücksichtslose Radfahrer, die einen auf Gehwegen fast umnieten, rücksichtslose Autofahrer, die sämtliche Verkehrsregeln ignorieren oder gedankenlose Reisende im öffentlichen Nahverkehr, die unmittelbar nach dem Aussteigen erst einmal stehenbleiben und den Weg versperren. Die Liste ist unendlich lang und jeder kennt sie.
Wir alle sind oft fassungslos über das Verhalten anderer, stellen aber bei uns selbst eine Neigung dahingehend fest, es den Anderen heimzuzahlen und sich zu rächen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet. Die sich so perpetuierende Rücksichtslosigkeit wird in ihrem ganzen Wirkungsausmaß bisher unterschätzt.
Rücksichtslosigkeiten werden nicht nur durch mangelnde Erziehung geschaffen, sondern sie entsprechen offenbar auch dem Zeitgeist. „Ich muss mich wehren, ich muss mich durchsetzen, ich muss mich verteidigen.“ Eine Fülle von Imperativen scheinen uns zu zwingen, jeglicher Form des Mit- und Füreinanders zu widerstehen. Diese Grundaggressivität kann durch beliebige Inhalte aufgeladen werden, seien diese weltanschaulich, politisch oder rein persönlich. Da es sowohl im eigenen Kiez als auch weltweit täglich ausreichend Anschauungsmaterial gibt, ist es nicht fernliegend zu unterstellen, dass auch ein leichter Funke, ein banaler Anlass Verhaltensweisen auslösen kann, die sich in übersteigerter Aggression und Zerstörungsdrang äußern.
Ich meine damit durchaus dramatische Verletzungs- und Tötungshandlungen mit Messern, Pistolen, Schubsen vor einfahrende Züge oder Autos. Zunächst gibt ein Wort das andere. Aus verbalen Auseinandersetzungen werden Handgreiflichkeiten. Wenn wir den aggressiven Zeitgeist einfangen wollen, müssen wir Entspannungsübungen für unsere Gesellschaft einrichten, das Gefühl vermitteln, dass es darauf ankommt, rücksichtsvoll miteinander umzugehen und jeder, der das berücksichtigt, auch etwas davon hat: Dank, Anerkennung, gutes Selbstgefühl, ein Lächeln und ewiges Gedenken.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski