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Wort halten

Manch einer erinnert sich gern daran, dass früher einmal noch das Kaufmannswort „galt“. Darunter war zu verstehen, dass sich nach abgeschlossenem Geschäft die beteiligten Kaufleute durch Händedruck versprachen, das Ausgehandelte auch wortgetreu einzuhalten. Weil alle Kaufleute davon profitierten, hielten sie sich daran. Derjenige, der sein Wort brach, wurde nicht mehr als verlässlicher Geschäftspartner angesehen. Mit ihm wurden keine Geschäfte mehr gemacht. Ganz ähnlich verhielt es sich mit Wettschulden. Sie seien, so hieß es, Ehrenschulden und waren zu begleichen, auch wenn es hierüber keine verlässlichen Dokumente gab, die Grundlage für deren Einklagbarkeit boten. Haben sich die Zeiten verändert? Das Kaufmannswort gilt nicht mehr. An die Stelle des Händedrucks sind um- fassende, Akten füllende Dokumente getreten. Viele versuchen zudem, Schwachpunkte im schriftlichen Wort der Dokumente zu finden, um daraus Vergünstigungen für die eigene Position abzuleiten. Das gesprochene Wort, insbesondere in der Formerscheinung des Telefonats, ist daneben höchst effektiv, denn es gibt keine Zeugen. Das gesprochene Wort ist also vor allem korrigierbar geworden. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Das sagt der Volksmund und viele denken so. Aber sie denken auch anders, denn obwohl sie auch Täter sein können sind sie meist auch das Opfer. Das Opfer von Wortbruch, Verrat und hinterlistiger Geschwätzigkeit. Manche Menschen begreifen, dass sie dem im täglichen Leben nur schwer entgehen können, wissen sich aber nicht zu helfen. Die Opfer werden wie die Täter und beklagen den Zustand. Keiner ist sich mehr sicher, dass ihm noch getraut wird und er vertraut auch keinem anderen mehr. Der Verlust an menschlicher Überzeugungskraft ist allgegenwärtig. Dies drückt sich vielfältig, vor allem im finanziellen und wirtschaftlichen Bereich, aus. Aufgrund des zunehmenden Vertrauensverlustes werden die Menschen unsicher, verlieren ihre Investitionsfreudigkeit und Kreativität. Die Wortbrüchigen werden schließlich aber daran scheitern, dass eine Sehnsucht besteht nach Verlässlichkeit, denn sie ist die Voraussetzung da- für, dass sich der Mensch neue Möglichkeiten geschäftlicher Betätigung im Dienstleistungsbereich erschließt. Dann wird der wieder einen Vorteil haben, dessen Wort gilt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski