Kontrollverluste sind nicht ungewöhnlich. Wir nehmen sie in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesundheit täglich war. Aber trotz der Allgegenwart von Kontrollverlusten, vermögen wir uns daran, die Kontrolle zu verlieren, nicht zu gewöhnen. Woran liegt das? Natürlich wird jeder Verlust negativ beschrieben, der Verlust der Arbeitsstelle oder eines wichtigen Gegenstandes. Aber, mit einer derartigen Verlustangst hat der Kontrollverlust wenig zu tun. Die Kontrolle zu verlieren, greift vielmehr tief in unsere Wesenheit ein, macht uns schutzlos. Dabei wissen wir gar nicht, ob die Kontrolle, die wir ausüben wollen, tatsächlich sinnvoll ist.
Womöglich versuchen wir etwas zu kontrollieren, was sich unserer Kontrolle eigentlich entzieht, sich unabhängig von unserem Ordnungssinn gemacht hat. Dann ist der Verlust mit Angst und Unsicherheit verbunden. Je mehr wir meinen, die Kontrolle zurückerobern zu müssen, desto mehr verfangen wir uns in der Ausweglosigkeit, die Kontrolle zu behalten. Kontrolle behauptet, dass es ein System gäbe, eine Ordnung, die einzuhalten bestimmten klaren Vorgaben entspricht.
Diese Vorgaben können sehr persönlich sein, aber auch gesellschaftlich, wirtschaftlich oder politisch geprägt. Da wir die Angemessenheit und Wichtigkeit unseres Systems behaupten, beanspruchen wir auch deren Kontrolle. Wir erleiden Kontrollverlust, wenn sich das System oder – im persönlichen Bereich – zum Beispiel der Körper dieser Herrschaft entzieht.
Ohne unsere Ermächtigung könnten in allen denkbaren menschlichen, gesellschaftlichen oder technischen Bereichen andere Systeme die Kontrolle übernehmen und uns Verluste zufügen, ohne dass dadurch die Richtigkeit unserer Ordnung prinzipiell in Frage gestellt wird. Kontrolle stellt die Machtfrage und nicht die Frage nach Vernunft, Richtigkeit und Angemessenheit. Der Verlust der Kontrolle ist daher auch keine Katastrophe, sondern nur das Übel einer temporär oder auf Dauer angelegten Machtlosigkeit in bestimmten Umständen.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski