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Selbstentfremdung

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? So lässt der Philosoph Richard David Precht uns fragen. Wie sollen wir diese Frage aber beantworten, wenn wir überhaupt nicht wissen, wer wir sind? Wer wir sind, das wird uns gesagt. Wir sind Mensch, wir sind Kind, wir sind Frau, wir sind Mann, wir sind schwul, wir sind lesbisch, wir sind queer, wir sind transsexuell, wir sind ordentlich, wir sind unordentlich, wir sind hässlich, wir sind schön und vieles mehr.

Wir empfinden uns aber auch, denken uns aus, wer wir sind. Wir haben Vorstellungen von uns, allerdings wissen wir nicht, ob diese kongruent zu unserem tatsächlichen Wesen sind und dem Bild entsprechen, das andere von uns haben. Bei `Hans vom Glück´ im „Traum vom Titelhelden“ habe ich gelesen, dass hinter jedem seiner Ichs, ein anderes Ich auf der Lauer läge. Wie soll man sich da noch mit sich selbst auskennen?

Am besten gar nicht. Man muss nicht nur ein Ich haben, um zu sein, sondern gerade die Vielfältigkeit schafft einen aufgeschlossenen, empfangsbereiten Menschen. Sollen doch alle Ichs miteinander den großen Coup planen oder miteinander im Clinch liegen. Jede Reiberei befeuert die Möglichkeit, sich zu entdecken, zu lernen und Erfahrungen zu sammeln mit den von außen zugedachten Attributen und den eigenen Wahrnehmungen. Manche Menschen sagen, wenn sie von sich sprechen: „meine Wenigkeit“. Da entgegne ich: „deine Vielfalt“.

Die Größe des Menschen entsteht aus seiner Vielfalt, der Fähigkeit, sich auszuhalten und zu entdecken, indem er sich von der Fußzehe bis zu den Ohren durcheilt, seine Organe, sein Herz und seine Seele und natürlich auch sein Gehirn kennenlernt. Vielfalt versetzt den Menschen in die Lage, sich in andere einzufinden, weil nicht nur ein Muster stimmt. Sich in Andere hineinzuversetzen, dient auch der Selbstvergewisserung, verschafft die Möglichkeit, sich auszubilden und weiter zu hungern und zu dürsten nach noch mehr Erfahrung mit sich selbst.

Der neugierige Mensch wird uralt, aber er bleibt gesund. Er geht freudig und optimistisch mit seinen nicht versiegenden Möglichkeiten der eigenen Erfahrung um. Kommt eines seiner Ichs einmal in Bedrängnis, so hilft das andere Ich ihm sicher wieder aus der Patsche.

Solidarität und Verantwortung, Neugierde und Liebe, das wird dem vielfältigen Menschen stets zuteil werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

SYSTEM LEBEN

Das Leben als ein System zu bezeichnen, stellt eine Selbstherausforderung dar, der ich mich gerne stellen werde. Das Leben umfassend beschreiben zu wollen, wäre vermessen. Es spiegelt sich wider in den Gesetzen der Natur, unserer Fähigkeit zur freien Entscheidung und gegebenenfalls auch in dem, was wir überhaupt nicht wissen, allenfalls ahnen und was möglicherweise auch mit der Spiritualität des Menschen zu tun hat. Mein Anliegen ist, bestimmte Aspekte des Lebens zu benennen und sie untereinander in einen Beziehungszusammenhang zu stellen. Dies zum Einen, weil es jedem Einzelnen von uns die Gelegenheit bietet, sich darin zu reflektieren, andererseits auch deutlich wird, dass eine Orientierung, d. h. die Ausrichtung an einer systematischen Ordnung unseres Denkens und Handelns geeignet sein kann, Lebensfreude, Neugier und Bewältigungswillen für unsere Probleme zu schaffen. Eine umfassende Darstellung ist weder gewollt, noch kann sie geleistet werden, sondern jeder ist berufen, durch eigene Gedanken, Erfahrungen, Forschungen und gedanklichen Austausch mit anderen dazu beizutragen, dass das Leben im Sinne aller Menschen, sowohl der kommenden als auch der alten Menschen, ein herausforderndes, aber vor allem erfülltes Leben ist.

Zunächst benenne ich den Aspekt Bildung. Bildung setzt bei dem noch nicht geborenen Leben an. Eltern und unsere ganze Gesellschaft müssen sich auf das kommende Leben vorbereiten, dessen Erwartung begreifen und schon vor der Geburt bereit sein, sich auf die Ausbildung des neuen Lebens einzulassen. Es sollte ferner ein persönliches Interesse an der Gesundheit bestehen. Im Sinne der Erhaltung des Lebens ist aber auch die gesamte Gesellschaft aufgerufen, die Bedingungen für die Gesundheit systematisch zu überdenken und Fehleinstellungen sowohl im allgemein präventiven Bereich als auch im medizintechnischen oder vor allem im persönlichen Bereich zu korrigieren. Die Stärkung des Lebenswillens des Menschen und dessen Heilung ist ein komplexes Thema und hat entscheidend mit unserer Einstellung zum Leben zu tun. Wie wir leben, ist ein weiterer Aspekt im Rahmen dieser Betrachtung. Wir leben in Räumen als müssten wir uns gegen einen Feind verteidigen. Im Englischen heißt es konsequent: „My home is my castle.“ So ist es geblieben, wir haben die Schotten dicht gezogen, obwohl die Ansprüche einer sich verändernden Welt eigentlich  Einfluss auf die Plätze unserer Begegnungen  haben müssten. Welchen eigenen Weg wir finden, um unser Leben zu meistern, bleibt uns überlassen. Wir alle können uns gegenseitig nur Angebote machen, die wir beherzigen wollen, verändern oder ablehnen. Das Wunderbare am Leben ist seine Vielfältigkeit. Diese zu stärken und zu erhalten, ist das Anliegen der hier vorliegenden Studie.

Viel Vergnügen!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski