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Recht und Gerechtigkeit

Gewaltenteilung, Gesetz, Judiz und Rechtsbefolgungswille, dies alles sind Begrifflichkeiten, die ein geregeltes Zusammenleben von Menschen, Bürgern und Nationen unter Einsatz der von ihnen geschaffenen Einrichtungen ermöglichen sollen.

Erodiert diese Akzeptanz der Regeln und des allgemeinen Rechtsempfindens unter anderem deshalb, weil Regeln und Gesetze nicht mehr dem Rechtsempfinden des Einzelnen und seiner Gruppe entsprechen, zum Beispiel, weil sie wirklichkeitsfremd konstruiert erscheinen, hat das zunächst Unruhe wegen unbefriedigter Erwartungen, dann aber auch Missachtung, Auflehnung und schließlich Verweigerung zur Folge.

Da ein Regelwerk nicht zwangsläufig ein anderes zu ersetzen vermag, bildet sich so ein Legitimitätsdefizit des Verfahrens an sich heraus, dass alle damit in Berührung tre­tenden Institutionen, seien es der Gesetzgeber, die Regierung und schließlich auch die Justiz mit umfasst. In deutlicher Konsequenz dieses Auflösungsprozesses bricht nicht nur die Gewaltenteilung in sich zusammen, sondern jegliche Ordnung.

Des „Volkes Stimme“ ist allerdings ein viel­fältiger Chor, der auch dann nicht strukturiert und belastbar Neues aus den Versatzstücken des vorhandenen, aber gewesenen Seienden schaffen kann, son­dern in einem langen Prozess der Ermöglichung herausfinden muss, was konsensfähig sein könnte. Sollte dieser demokratische Prozess anstelle einer auch möglichen Autokratie gewählt werden, so müssen zunächst die Regeln für diesen Findungsprozess wieder unter Berücksich­tigung eines eher diffus gebildeten Rechtsempfindens fest­gelegt werden, um zu vermeiden, dass irgendjemand das Heft des Handelns an sich reißt und demokratiegefährdende selbstbezügliche Anordnungen erlässt. Denn selbst dann, wenn Widerstand gegen eine Bevormundung generell bestehen sollte, verführen Erschöpfung und Ratlosigkeit Menschen dazu, eine Führerschaft dem Chaos und einer befürchteten Anarchie vorzuziehen, dies eingedenk der menschlichen Ei­genschaften, Belastungen nur zu einem bestimmten Maße zu ertragen und lieber Bequemlich­keit und Vorteilsgewinnung zum Maßstab des eigenen Verhal­tens zu machen.

Justitia ist nicht blind, wie Statuen und Abbildungen behaupten, sondern achtet sehr darauf, welche Maßstäbe wir ihr für die Begutachtung von Rechtsfällen an die Hand geben.

Nicht die Umstände begrün­den das Recht und die Gerechtigkeit, sondern es sind wir selbst, deren Maß­stab eher unser Eigennutzen ist. Recht und Gerechtigkeit verlangen dagegen von uns, dass wir nicht nur unsere eigenen Interessen im Auge haben, sondern begreifen, dass Gewaltenteilung und das Bemühen um Gerechtigkeit, auf der Abwägung unserer Interessen mit denjenigen anderer Menschen be­ruhen. Wenn wir uns darauf einlassen sollten, besteht unser Vorteil darin, dass auch wir zu­wei­len Profiteure dieser Verlässlichkeit sein könnten und uns Gerechtigkeit widerfahre.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Brexit

Großbritannien verlässt die EU. Das mag unvernünftig sein oder auch nicht. Vernunft war selten politisch. Eine Entscheidung wurde durch Politiker ermöglicht, die selbst nicht den Mumm hatten, zu den souveränen Entscheidungsprozessen der parlamentarischen Demokratie zu stehen. Sie überließen die Entscheidung dem Volk. Das Volk?

Von 70 % der Bevölkerung hatte die Hälfte, etwa 35 % für den Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt, die restlichen dagegen oder blieben in der Frage indifferent. Eigentlich müssten sie wohl auch als Neinstimmen gezählt werden oder nicht? Wie auch immer, die Entscheidung ist gefällt und genau so vernünftig oder unvernünftig wie jede Entscheidung eines Potentaten von Gottes Herrlichkeit.

Etwas ist geschehen. Möglicherweise wäre die Wahl 5 Jahre zuvor oder 5 Jahre später völlig anders ausgefallen. Möglicherweise würde die Wahl auch anders ausfallen, wenn die Kinder und die Jugendlichen ein Wahlrecht besäßen, denn sie müssen das Schlamassel ja ausbaden. Mit dem Instrument der Volksbefragung kann jedenfalls eine Minderheit regelmäßig die Mehrheit vor sich hertreiben und muss noch nicht einmal befürchten, die politische Verantwortung für die Entscheidung zu übernehmen. Jetzt sollen die Politiker wieder dafür sorgen, dass die Entscheidung erfolgreich für die Briten umgesetzt wird. Wäre das nicht klug, über jede einzelne Maßnahme wiederum das entscheidungsfreudige Volk abstimmen zu lassen?

Bei so viel offenbarem Sachverstand des Souveräns ist zu erwarten, dass er auch überschaut, welche Handlungsalternativen sich aus dem Austritt ergeben. Für uns Resteuropäer wird es interessant sein, wie sich die Teilvölker in Nordirland und Schottland verhalten werden, die mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt haben. Vielleicht löst sich Großbritannien auf und Teilstaaten nehmen andere Optionen wahr. Vielleicht gilt dies künftig auch für Spanien, Belgien, Frankreich und Deutschland. Alles ist offen, weil der Souverän so herrlich unberechenbar bleibt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski