Bildung hat mit Orientierung zu tun. Diese Orientierung übernehmen u. a. Vorbilder. Unter Vorbildern sind Menschen zu verstehen, die durch ihre charakterliche Festigkeit, ihre Integrität und durch ihren Einsatz anderen Menschen Halt und Wegweisungen bei der Einrichtung ihres eigenen Lebens geben.
Das gelebte Vorbild ist unverzichtbar. Vorbildfunktionen übernehmen zwar nicht nur diejenigen Personen, die in einen lebendigen Dialog mit dem Orientierung Suchenden eintreten, sondern auch andere Personen und Persönlichkeiten durch ihre Schriften, ihr veröffentlichtes Leben, durch ihren Mut und ihren Einsatz. Dabei denke ich z. B. an Dietrich Bonhoeffer. Vorbilder haben bestimmte Eigenschaften, die sie dazu befähigen, Vorbilder zu sein. Dazu gehört nicht nur eine aus der Integrität sich ableitende innere Verfassung, sondern auch stetige Überprüfung und Skrupel. Das Vorbild glaubt beileibe nicht, dass es alles richtig macht, sondern überprüft seine Ansichten und gibt auch demjenigen, von dem es als Vorbild gewählt wurde, Gelegenheit, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Die Dialogfähigkeit des Vorbilds ist daher eine seiner herausragenden Qualitäten. Die Vorbildfunktion des Dalai Lama besteht u. a. darin, dass er mit Witz und Heiterkeit, aber auch mit gläubiger Bestimmtheit anderen Menschen demonstriert, das Lebenswille und Spiritualität sich nicht ausschließen.
Vorbilder des Sports zeigen auf, dass sie viel von sich abfordern, sich einer Sache ganz widmen, andererseits aber auch davon absehen, sich dadurch zu verbessern, dass sie andere erniedrigen. Sie gehen an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, aber sie bewahren ihre Fairness. Insbesondere sind sie dazu angetan, Teamgeist, Konfliktschlichtung und körperliche Auseinandersetzung ohne Verletzung zu lehren.
Vorbildfunktionen müssen Erzieher und Lehrer wie auch die Eltern übernehmen. Sie sind diejenigen, an denen sich Kinder und Heranwachsende messen und von denen sie aufgrund der daraus gewonnenen Erfahrung entsprechend dazu begeistern lassen, einen Erkenntnisprozess einzuschlagen oder desillusioniert und wankelmütig sich ständig wechselnden Tagesaktualitäten auszusetzen. Die Dialogmöglichkeit mit dem potenziellen Vorbild ist eine der existenziellen Voraussetzungen für das Gelingen einer sachgerechten Orientierung. Diese ist nach meiner Einschätzung dann nicht gegeben, wenn zur Orientierung ausschließlich Medien zur Verfügung stehen. Medien sind nicht dialogfähig. Sie bedienen die Anpassung und nicht die Orientierung, d. h. sie geben vor, in bestimmten Bereichen Vorbildfunktionen zu übernehmen. Sie sind aber nur in der Lage, hartnäckig eine bestimmte richtige Haltung zu behaupten, und zwar solange, bis sie durch ein anderes mehrheitsfähiges Orientierungsmuster ersetzt werden. Medien geht es in erster Linie um ihren Absatz. Die damit verkaufte Orientierung soll die Lust am Medium steigern und dient nicht der Orientierung an sich. Keine Medienaussage ist durch den einzelnen Menschen überprüfbar. Es bedarf einer enormen geistigen Leistung und seelischen Anstrengung, sich aus der Fülle der teilweise diffusen angeblichen Vorbildsangebote dasjenige herauszupicken, welches den Charakter günstig formen könnte. Mediale Vorbilder sind nicht ansprechbar und tragen daher enorm zur Verunsicherung von Kindern und Jugendlichen bei. Bei aller Selbstsicherheit, die sie bei der Bewältigung ihres medialen Alltages an den Tag legen, sind Kinder und Jugendliche daher völlig unsicher, wenn es darum geht, der Lebenswirklichkeit außerhalb des medialen Bereichs zu begegnen. Sie vermögen das gänzlich andere Angebot nicht zu verkraften und reagieren daher mit Unkenntnis, Aggression, Schüchternheit, turbulenten Gefühlsschwankungen und vor allem mit der Verweigerung gegenüber Lernangeboten, die auf Eigeninitiative beruhen.
Wir können Medien nicht abschaffen, wir können aber dafür sorgen, dass Medien anders eingesetzt werden. Die Materialisierung sämtlicher Beziehungen zwischen den Menschen, seien es Kaufanreize, Warenbezüge wie auch in Beziehungen der Menschen untereinander oder den geistigen Ansprüchen, widerspricht eklatant den Anforderungen, die Medienmacher in der Zukunft stellen müssen. Die Medien benöti- gen ausdifferenzierte, dialogfähige, innovative und vor allem charakterlich gefestigte Menschen, die geeignet sind, ihr Publikum nicht nur zu fesseln, zu unterhalten, sondern auch immer wieder erneut zu gewinnen. Ohne die Bereitschaft, einen Bildungsauftrag zu übernehmen, wird dies nicht möglich sein. Ohne dass die Medien ein lebendiges Vorbild zu ersetzen vermögen, wäre es zumindest erforderlich, das Medienpotpourri zu reduzieren. Es ist schwer nachvollziehbar, dass es nicht möglich sein könnte, sozusagen im Umkehrschub die Sprachverwirrungen, Infantilitäten, das trostlose Moderatorengebrabbel, die faden Stehgreifwitze, vor allem die endlose Geschwätzigkeit durch ernsthaftere Themen und deren Darbietung zu ersetzen. Dabei wäre es wünschenswert, wenn Zuschauern bzw. den Beteiligten Angebote unterbreitet werden würden, die darauf gerichtet sind, zwischen diesen auszuwählen, direkte Kontakte aufzunehmen und nachhaltige Entscheidungshilfen zu erfahren. Der verkündeten Besserwisserei von angemaßten medialen Persönlichkeiten könnte so etwas entgegengesetzt werden. Zu Vorbildfunktionen dienen eben nicht nur „VIPs“ und „Promis“, sondern gefestigte Menschen, die die Bereitschaft besitzen, zuzuhören, und anderen durch ihr Verhalten ein Angebot zur Bewältigung ihres Lebens unterbreiten.
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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski