Schlagwort-Archive: Wahrheit

Ansichten

Anstatt sich eine Meinung anhand von eigenen Erfahrungen im Abgleich mit objektiven Gegebenheiten kontinuierlich zu erarbeiten, erlauben ein paar Klicks, sich eine Meinung aus dem Internet herunterzuladen. Eine Meinung zu haben, ist damit keine individuelle Leistung mehr, sondern die Konfirmation einer Ansicht, die etliche Menschen teilen. Die größte Schwierigkeit für jeden Einzelnen besteht nun darin, diese Meinung, deren Ausmaß er überhaupt nicht abschätzen kann, so aufzubereiten, dass sie persönlich zu werden scheint.

Um dieses Ziel zu erreichen, muss die erworbene Meinung veranlasst werden, jedem Zweifel zu widerstehen und für sich Wahrheit zu reklamieren. Der Begriff „Ansicht“, der Wegbereiter für die Meinung ist, bestätigt wortimmanent, dass es weitere, also andere Sichten auf einen bestimmten Betrachtungsgegenstand geben könnte. Der Begriff „Wahrheit“ kann dies allerdings nicht zulassen, denn Wahrheit ist intolerant, d. h. beansprucht den Absolutheitsanspruch.

Um diesem zu genügen, ist daher der Begriff „alternative Wahrheit“ geprägt worden, d. h. die Wahrheit weist Deutungsmöglichkeiten aus, die in ihren Vielfältigkeiten jede Meinung als stimmig bestätigt. Damit erfährt der seine Meinung äußernde Mensch seine umfassende Absicherung. Niemals kann er mit seiner Meinung falsch liegen. Seine Ansicht ist immer die richtige.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Subjekt – Objekt

Ob wir Kant, Hegel, Fichte, Schelling, Platon, Schopenhauer oder die Religionsstifter befragen, stets bekommen wir ein abschließendes Urteil, das zwar Zweifel zulässt, aber einbindet in gewonnene Erkenntnisse.

„Aber was ist der Mensch im Kreise des Ions, ein Alles oder Nichts, ein fast verstummter Ton? Wer verbirgt sich hinter Leuchtreklamen? Wo ist der Gott, der sich dir selbst verlieh? Gott und Teufel haben gleiche Namen, die Wahrheit Mensch erfährst du nie.“

So erfinde ich mich in jeder Reflexion über mich selbst, die Natur, andere Menschen und alle Dinge an sich immer wieder neu zu meinem passenden Zweck. Unerschöpflich ist so das Begreifen, der Zweifel und der Irrtum.

Wir wissen nichts, sondern nur das Bemühen um Wissen verschafft uns Energie, Freiheit und Erfahrung auch da, wo eine Vollendung der Erkenntnis versagen muss. Wir sind zwar, was wir sind, aber dabei auch etwas, das wir nicht begreifen können. Finden wir uns damit ab.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schein und sein

Der Schein bestimmt das Sein in der Gesellschaft. Das Wortspiel birgt einen Kern Wahrheit. Die Anerkennung, die ein Mensch in unserer Gesellschaft erfährt, beruht meist darauf, dass es dem Geltungssuchenden gelingt, sich anderen überzeugend zu präsentieren. Überzeugend ist eine Präsentation dann, wenn körperliche Vorteile, Sprachvermögen, finanzielle Überlegenheit oder große Virtuosität in der Pflege sozialer Netzwerke zur Geltung gebracht werden kann.

Kommunikative Fähigkeit ist sicher ein Schlüsselwort für soziale Anerkennung, die das Sein bestätigt. Der äußere Schein mag trügen, stellt aber gleichwohl für die Mehrheit der Menschen eine existenzielle Selbstvergewisserung dar. Oft ist der Schein von dem Sein nicht zu trennen, aber das Sein mag sich vom Schein durchaus zu emanzipieren.

Gemeint ist das Sein, das auf Leistung, Empathie, musischer, sprachlicher und intellektueller Kraft beruht. Dieses Sein macht sich frei von Erwartungshaltungen der Gesellschaft, findet ein ausgeglichenes Verhältnis zu Geben und Nehmen, ist an der eigenen Entwicklung interessiert und leistet einen Beitrag für andere. Dass auf einen solchen Menschen oft auch alle Scheinwerfer gerichtet sind, stört nicht, denn er hat sich davon nicht abhängig gemacht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Deutschland

Heinrich Heine klage einst: „Denke ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Pustekuchen! Kaum irgendwo auf dieser Welt kann man entspannter schlafen als in Deutschland.

70 Jahre krieglos, wiedervereinigt, wirtschaftlich wunderbar – eine Erfolgsgeschichte, die wir den Bürgern, ihren gewählten Vertretern, der Wirtschaft, Verbänden und Vereinen, als auch dem Wohlwollen unserer Nachbarn verdanken. Wie jeder Erfolg ist auch dieser komplex gestaltet, birgt Fehler, Irrtümer, Konflikte und Kompromisse.

Damit nehme ich wahr: In Deutschland wird alles benannt, jedes Problem dekliniert, in seine Bestandteile zerlegt und um Lösungen gerungen. In Wahrheit gibt es hier kein Basta! als endgültige Antwort auf die in Deutschland gestellten Herausforderungen. In diesem Land kümmern wir uns um alles, sind davon überzeugt, dass wir es schaffen, trotz aller Skeptiker, Apologeten, Fremdenfeinde, Rassisten, Gutmenschen oder gerade wegen dieser. Unsere Gesellschaft ist heterogen angelegt. Nichts wird unter den Tisch gekehrt. In einer Melange von Handlungen und Meinungen halten wir die Gesellschaft in einem immerwährenden Prozess in Schwung, wohlwissen, dass dies anstrengend ist, aber nie wieder Recht und Freiheit jedes einzelnen Menschen und unsere Bereitschaft, Kompromisse zu finden, wieder abgeschafft werden darf. Ist das etwa Euphorie?

Ja, so klingt es, aber in Wirklichkeit geht es um den Erhalt und um eine Stärkung unserer Gesellschaft, nicht aus Angst vor Ihrem Zerfall, sondern wohl wissend, dass sie dazu fähig ist, Probleme zu verarbeiten und dieser Erfolgsprozess sich weiter entwickeln lässt. Deutschland ist kein Sommermärchen, sondern ein beruhigender Ort des Diskurses, Disputs, des Spinnens und Träumens, der Innovation, der Beständigkeit, der Herausforderungen und Lösungen. Wenn ich nicht lustvoll arbeite, feiere, schlafe ich in diesem Land gut, auch in der Nacht, dank meiner Familie, meinem Nachbarn und aller friedliebenden Menschen hier in Deutschland.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wahre Zeit

Immer wieder erfahre ich, dass Journalisten im Internet für ihre Beiträge gedemütigt, beleidigt und sogar mit dem Tode bedroht werden. Dass Letzteres sogar öfters, und zwar nicht nur in Paris, auch umgesetzt wurde, offenbart, dass Sprache noch immer eine Macht bedeutet, der offenbar mit anderen Mitteln als der Vernichtung des Urhebers nicht mehr beizukommen ist. Dass die Urheber dieser Maßnahmen damit ihre eigene Machtlosigkeit unter Beweis stellen, scheint eher noch zu radikalisieren.

Es trifft allerdings nicht nur Journalisten, sondern auch Blogbetreiber, Gelegenheitsschreiber, Schriftsteller, Professoren und Politiker. Kurzum: Jeder ist einmal dran oder kann dran sein, wenn er den Mund auf macht, sich äußert zu einem Thema, privat, beruflich oder gesellschaftlich. Insbesondere die sprachlichen Pfeile aus dem Hinterhalt kennt auch jede Dorfgemeinschaft. Man nennt das „tratschen“. Die eigene Einsicht oder Haltung spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, maßgeblich ist es, den Prozess an sich in Gang zu bringen und sich durch Aggressivität zu profilieren.

Und dank Internet ist es leicht, Verbündete zu finden: Gemeinsam ist man stark, so jedenfalls der Glaube, bis der Frust einsetzt. Lohnt sich der Kampf, das Beleidigen und Beschimpfen derjenigen, die etwas schreiben oder sagen? Aus der Sicht derjenigen, die das tun, vielleicht. Folgende Geschichte: Eine Frau mittleren Alters sitzt jeden Tag am Fenster ihrer Parterrewohnung mit Blick auf eine viel befahrene Straße und mit Spiegeln links und rechts des Fensters. In diesen kann sie den Verkehr überblicken und alles aufzeichnen, was sich ereignet. Wer falsch oder zu lange parkt, beim Aus- und Einrangieren eines Fahrzeuges, ein anderes touchiert. Alles trägt sie mit Uhrzeit, Autokennzeichen und Vorkommnis in Stichworten in ein Buch ein, welches täglich anwächst und sie als Zeugin zum Beispiel wegen eines Verfahrens wegen Fahrerflucht in Betracht kommen lässt. Gleichermaßen werden in Zeitschriften, Zeitungen aber auch in Hörsälen Verstöße gegen angebliche Verletzungen von Objektivitäten, Gesetzen und sonstigen Wahrheiten gesucht und protokolliert. Das Protokoll setzt dann das Verfahren in Gang, in dem der Ermittler auch der Scharfrichter sein darf und das noch anonym. Welche Genugtuung. Um welche Wahrheit geht es allerdings, die da verletzt worden sein soll? Warum soll ich mir von anderen vorschreiben lassen, was ich lesen will oder zu lesen habe? Warum kann ich mir nicht fragwürdige Angebote textlich, visuell oder allein durch Hören unterbreiten lassen und auswählen, was mir zur Erfahrung genügt und was nicht? Die Wahrheit gibt es nicht. Es gibt auch nicht eine Wahrheit oder sogar eine halbe Wahrheit. Nichts ist wahr und es ist alles wahr. Alles, was mir zugetragen wird, sind Anregungen für meine eigenen Fähigkeiten, zu denken, zu fühlen und Entscheidungen zu treffen.

Daher bin ich jeder Zeitung, allen Medien und Professoren dankbar, dass sie sagen, was sie denken und fühlen. Mich bereichern viele Gedanken und Argumente. Die Autoren zu beleidigen und gar zu töten, ist auch ein schwerwiegender durch nichts zu rechtfertigender Eingriff in mein Leben als Adressat.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski