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Nur ein Lächeln

Geht es nicht uns allen so? Wir stehen in der U-Bahn. Rush Hour. Keine Plätze frei. Taschen, Rucksäcke über der Schulter und miese Laune wegen allem. Dann lächelt uns jemand an –ein Kind, eine Frau, ein Mann – bittet um Verzeihung, weil wir vielleicht bedrängt wurden oder bietet den Sitzplatz an. Nur ein Lächeln, eine Höflichkeit oder ein freundliches Wort und wir selbst sind wie verwandelt. Beschwingt sind wir bereit, die erfahrene Freundlichkeit an andere weiterzugeben und denken oft lange Zeit noch gerne an dieses Lächeln zurück.

Das Lächeln kann vieles bedeuten, Einverständnis, Anerkennung, Zuneigung, Wahrnehmung, verschafft aber auch dem Lächelnden Respekt, garantiert Distanz und bestätigt menschliche Zugehörig­keit. Ein Lächeln vermag Worte zu ersetzen, versöhnt und vermeidet Missverständnisse. Es wird behauptet, dass im Lächeln die Seele ihren Ausdruck findet.

Das mag übertrieben sein, aber im Lächeln findet Wesentlichkeit statt. Wer lächelt, gibt etwas von sich preis, tut dies aber so souverän, dass Nachteile ausbleiben. Lächeln ist ein Verständigungsmodul und wird unter anderem perpetuiert im Smiley des Internetaustausches zwischen Menschen.

Leider kommt dieses Lächeln dabei oft inflationär vor und verkehrt sogar die Wirkung in das Ge­genteil. Das Unterlassen der Gewährung eines Smileys vermittelt Ablehnung, mehrere Smileys dagegen signalisieren die Behauptung einer wirklichen Zuwendung. Fünfmal tippen und schon sind fünf Smileys produziert, wobei ein Lächeln von Angesicht zu Angesicht auch durch 100 Seiten Smileys nicht übertroffen werden kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Fass Dich kurz

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, bei mir aber setzt die Schnappatmung ein, sobald ich einen überlangen Vortrag insbesondere mit Power-Point-Präsentationen oder die geballte Kraft des Wortes zentimeterdick in Heften, Zeitungen oder Zeitschriften ertragen muss. Nach meiner Wahrnehmung sind 80 % des mündlich oder schriftlich verarbeiteten Wortgutes elaborierte Verbreiterungen bereits bekannter Umstände, wenn auch im neuen Kleid, wie ich anerkennend anmerken sollte.

Nichtdestrotz beschleicht mich leider schon viel zu früh der Argwohn, dass es eigentlich nichts zu sagen gäbe oder die Botschaft so bescheiden ist, dass sie einen ausgedehnten Worthof benötige, um zu wirken. Irgendwann ist es mir dann auch alles egal, weil ich hoffe, dass die Zumutung ein Ende findet. Viel erfrischender wäre es aber, wenn sich alle Vortragenden und Schreibenden kurz fassen könnten und das Wesentliche ihrer Gedanken so aufregend zu vermitteln wussten, dass die stimulierende Wirkung für lange Zeit nachhält. Kurz gefasst: Sich kurz zu fassen, ist aus Empfängersicht megaerfolgreich.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schwerelos

Was wiegt die Luft auf einer Fingerkuppe? Wie schwer ist ein Gedanke, ein Gefühl? Anforderungen an die Metaphysik in ihrer wahren Bedeutung als naturgesetzliche Wahrnehmungen in einer realen Energiewelt, nicht körperlich fassbare Stoffe. Körperlichkeit entwickelt Widerstände. Widerstände zu überwinden, bedeutet realen Zeitverlust.

Dies gilt gleichermaßen für den geworfenen Stein wie auch für Ton oder Licht. Der nicht körperliche Gedanke oder das Gefühl wird bei seiner Mission wenig behindert, es sei denn, die Verschiebung erfolgte widerwillig. Die Entwicklung eines Gedankens, gegebenenfalls auch eines Gefühls verschlingt ungeheuerlich viel Zeit, weil sie sich nicht an die Regeln der natürlichen Effizienz hält, sondern Merkmale planmäßiger Zufälligkeit aufweist.

Doch wie schnell ist ein Gedanke, wie schnell ist ein Gefühl, wenn es auf den Weg gebracht wurde? Die Umspannung bei den Rezeptoren, d. h. die Wahrnehmung von Gefühl oder Gedanken erfordert die meiste Zeit, weniger der zurückgelegte Weg, wenn das Zögern und Zaudern nicht immanenter Prozessgegenstand gewesen ist. Eine auf Gedanken und Gefühlen basierende Wahrnehmung der Wirklichkeit könnte die retardierenden Momente der Zeit überwinden, wäre die Zeit selbst nicht eine Annahme, die eben auf diesem Gedanken beruht.

Was ist zu tun? Die Zeit denken und fühlen, gleichwertig jedem anderen Gedanken? Damit müsste es gelingen, die strukturelle Realitätsprüfung zu überwinden und experimentell ein Novum zu verfolgen: Gedanken, Gefühle und was da noch ist – das Unbeschreibliche, die Sehnsucht, das Wissen – zuzulassen, in der Aufhebung jeglicher Zeitdefinition und jeglichen Erinnerns an Kategorien von früher bis in alle Ewigkeit. So wie das Wissen um alles ohnehin geprägt ist in der Matrix jeder Zelle, jeden Keims, jeden Gedankens und Gefühls. Wir wissen mehr als das, was wir je an Wissen erfahren. Wir haben schon immer alles gewusst und wollen uns kognitiv schützen.

Was kann das sein? Wollen wir uns vor ihnen schützen, die in uns entstehen könnten in jedem Augenblick, aber nicht von fernen Planeten kommen, sondern stets mit uns sind? Hier und dort? Im Einen wie im Anderen. Eingeschmolzen in jede Aufhebung von Zeit und Raum, kontrolliert aber auch von ihren Gesetzen. Blindheit ist unser Schutz. Es gibt nichts außer uns, auch nicht das Universum als Etwas außerhalb von uns. Jeder Raketenstart zu fernen Planeten findet in der realen Welt aufgrund unserer Verabredungen statt, im Übrigen aber in uns. Projiziert auf Himmelsflächen, Milliarden Jahre entfernt, von uns erfunden. Das Fernste, vor dem wir uns schützen, ist der vertrauteste Teil von uns. Wie eine Matroschka häutet sich der Mensch, alles ist in uns, in uns, in uns und gleichzeitig auch außerhalb. Wir sind alles und nichts in einem unbedachten Wort, Gedanken oder Gefühl haben wir die Tafel gelöscht, Gott die uns gewährten Gesetzestafeln wieder zurückgegeben und den Anfang gefunden. Im Tod. Kein Laut. Kein Ton. Nichts. Aber auch alles und überall. Zeitlos.

Dann ist es vorerst endgültig. Möglicherweise. Aber davor weist uns die Ahnung den Weg, lüftet den Schleier der Sehnsucht, damit unsere Seele schon sehen kann, was den Augen verborgen bleibt. In uns ist keine Zeit, aber in unseren Augen, in unseren Ohren, in unserem Mund und unserem Kopf. Befreien wir die Materie von der Materie, bleibt das Nichts zuzüglich der Energie, die aus der Verzinsung der Materie entsteht. Das ist kein Licht, sondern eine Sehnsucht, die strebt ohne Gewicht und Zeit.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zeit

Zeit und Raum dienen uns als Orientierung. Ohne Dimensionen, wie sie zum Beispiel durch den Urknall begründet werden, bestünde die Gefahr der Fragwürdigkeit jeglicher Sinnesdefinition. Wir müssen in Frage stellen, was wir gerade als wahr bezeichnet haben. Nicht die Relativität unseres Denkens und Handelns ist der Gradmesser menschlicher Vernunft, sondern das Unvorstellbare, welches sich in jedem Moment, den es an sich nicht gibt, formt und wieder in sich zerfällt.

Aber auch das Formen und Zerfallen sind keine Gestaltungs- sondern ausschließlich Wahrnehmungsmerkmale. In dem Bereich völliger Gleichgültigkeit des Anderen gegenüber unserer Vorstellungskraft gibt es eine Existenz, die sich unserer Definition auf Dauer entzieht. So gibt es außerhalb unserer Wahrnehmung auch keinen Urknall. Außerhalb unserer Wahrnehmung gibt es nicht die Ordnung von Anfang und Ende. Außerhalb unserer Wahrnehmung ist weder Licht noch Finsternis. Außerhalb unserer Wahrnehmung gibt es weder Zeit noch Raum, es gibt aber auch nicht das Nichts oder das Etwas. Außerhalb unserer Wahrnehmung ist das Unfassbare das Unnahbare, welches auf uns zustürmt und sich von uns entfernt oder im Paradoxon immer auch oder auch immer nicht ist.

Es bietet sich uns nicht zum Begreifen an. Irrgärten können wir begehen. Auch wenn wir uns verirren, gelangen wir zum Ziel. Das Labyrinth dagegen lässt es zwar zu, dass wir es ausdeuten, es befindet sich aber vor allem dort, wo es auf uns einwirkt, ohne dass wir es zuvor geordnet haben. Das Labyrinth soll uns hier als Bedeutungsschlüssel dienen, das Labyrinth der Wüste, des Tanzes und der Unnahbarkeit.

Das Unnahbare begegnet uns auch im „Heiligen Gral“. Auch den „Heiligen Gral“ haben wir bezeichnet, aber nicht wir wirken auf ihn ein, sondern er auf uns. Wir spekulieren über Zeit, Raum und Kraft. Mehr vermögen wir nicht mit unserem Verstand. Der größte Gradmesser unseres Wissens aber ist unsere Ahnung. Unsere Ahnung ist ausfüllend, mithin schwerelos und bedeutungs- schwer. Sie weiß schon um die längst bekannte Fülle und Leere jeden Augenblicks. Sind wir einmal zu dem gegangen, was wir nicht begreifen können, sind wir auch angekommen ohne die Vollendung jeglicher Erfahrung.

Nicht das Schicksal, sondern jeder Moment wirkt auf uns ein, längst abgebildet in unserer permanenten Ahnung von war, ist und wird sein. Für uns Menschen gibt es immer etwas Neues. Für die Ewigkeit gibt es keinerlei Kategorie. Angst verleiht Flügel, die Seele fliegt, das Traumgespinst, die Rakete. Wir bewegen uns – laufen, springen, reiten. Wir beherrschen unsere Zeit in der Zeit unseres Lebens. Wir beherrschen Andere und verfügen über ihre Zeit. Für die Zeit, wenn wir sie so nicht benennen würden, wäre das allerdings völlig belanglos. Jenseits unserer Wahr- nehmung ist das Eigentliche, das Labyrinth, in dem auch wir irgendwie vorkommen – ahnen wir. Das Tote und das Lebendige sind in der Ewigkeit vereint. Wir müssen aber nicht sterben, um zu leben, sondern nur das Wesen des anderen erahnen. So gibt es in der Welt die Körperlichkeit nicht, wie es auch jenseits unseres Todes nicht mehr die Unkörperlichkeit gibt. Wir bleiben uns in unserer Definition erhalten, schöpfen aber tief aus dem, was sich unserer Formatierung entzieht: das Andere.

Wenn wir nicht glauben müssen, dass unser Sein die Welt bestimmt, dann sind wir frei von dem Zwang zu behaupten, dass das Eine geht und das Andere nicht. Wir müssen zum Beispiel nicht nur glauben, dass Schall sich fortsetzt oder Licht sich bricht, sondern dass wir in unserem Wesen nicht anders sind als das, dem wir bestimmte Eigenschaften zubilligen. Wir haben Wasser gewogen und Eis und Dampf daraus geformt. Dem Wesen der Dinge sind wir dabei aber nicht nähergekommen. Unser Wesen haben wir gedanklich besonders schwerfällig ausgebildet, damit uns die Fixierung erhalten bleibt. Wenn das alles nicht mehr stimmt, werden wir frei – frei auch von uns selbst. Wir könnten fliegen, aber wozu? Wir könnten uns zusammensetzen oder auflösen, aber wozu? Die praktische Vernunft lässt keine Veränderung zu. Das Andere kann uns verändern, weil wir nicht in der Lage sind, es beherrschen zu können. Diese Ahnung macht uns so versessen darauf, unser ‚Schicksal‘ selbst in die Hand zu nehmen, an die Grenzen unserer Vernunft zu gehen, aber natürlich auch keinen Schritt darüber hinaus. Dabei bewegen wir uns im Labyrinth der Wüste, in dem wir schon längst bewegungslos geworden sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski