Schlagwort-Archive: Was ist Freundschaft

Freundschaft

„In aller Freundschaft.“ Je nach Wortwahl und Bewertung kommt diese Freundschaft gefällig daher oder mit einem drohenden Unterton. „Ich sage dir das jetzt in aller Freundschaft“ oder „In aller Freundschaft bleiben wir uns verbunden“. Was ist Freundschaft? Freundschaft hat viele Gesichter. Sie schafft einen vertrauten Menschen, mit dem man persönliche Dinge erörtern und teilen kann. Denn wir alle wissen, dass, trotz aller Soap-Opern, die im Fernsehen laufen, unsere Mitmenschen herzlich wenig am Schicksal anderer Menschen interessiert sind, soweit sie nicht selbst direkt oder indirekt davon betroffen werden. Freundschaft kann hier etwas anderes sein: Aushalten, dass der Freund uns Dinge anvertraut, die außerhalb dieser Freundschaftswelt zum Wertverlust, insbesondere zur Aberkennung sozialen Prestiges führen würden. Freundschaft bedenkt soziale Geborgenheit, zumindest auf Zeit. Freund ist der, der zuhören kann, die gleiche Sprache spricht, über die gleichen Witze lacht und meist ansprechbar ist, wenn man ihn braucht.

„Freundschaften muss man pflegen.“ Lebensweisheiten haben immer einen tiefen Sinn. Sie bedenken, dass der Mensch dem anderen Menschen fremd ist und nur die zuwendende Verabredung diese Fremdheit lockert, Freundschaft ermöglicht. Freundschaft ist aber nicht nur Freundschaft. Freundschaft hat Aspekte und spezielle Gründe. Sie kann auf wirklichem Interesse an einem anderen Menschen beruhen oder auf einer Erwartungshaltung, durch einen anderen Menschen eine Bereicherung zu erfahren. Allerdings wird eine Freundschaft, die in erster Linie auf einem Anspruchsverhalten beruht, scheitern, sobald deren Mechanik vom anderen „Freund“ durchschaut wird. Wahre Freundschaften sind nicht oberflächlich, sondern tief inniglich. Freundschaften brauchen das Gespräch, zuweilen auch die Nähe eines anderen Menschen, zumindest die Gewissheit seiner Nähe. Im Idealfall sind die Freunde so getaktet, dass sie einander auch ohne große Worte verstehen. Manchmal genügt es, schon von dem anderen zu wissen, dass es ihn gibt. Der Freund ist ein Garant für die Möglichkeit, zu leben. Denn wie ein verlässlicher Bürge hat er für den anderen Freund Mitverantwortung übernommen. In aller Freundschaft ist dies nur die eine Seite der Medaille. Denn wie viel Lug und Trug braucht das Leben? Wir machen uns ständig etwas vor, heucheln und bluffen. Das gehört zu unserer Entwicklungsgeschichte, zeichnet unser Leben aus. Verlassen sind wir uns selbst überlassen, der Freund tarnt unsere Absichten. Er ist das Alter Ego, der Wunschkandidat unseres Ichs oder auch der Fremde in uns. Zu ihm, dem eigenen Freund, befinden wir uns in exklusiver Nähe, in Konkurrenz und stetiger Habachtstellung. In aller Freundschaft nützt er uns aus und unter dem Deckmantel der Freundschaft bemächtigt er sich unserer Gefühle und will uns zum Vasallen haben. Freundschaft ist anstrengend, weil sie von den Freunden verlangt, jederzeit auf sie verzichten zu können, wenn die Unabhängigkeit gefährdet ist. Freundschaft ist nur möglich zwischen souveränen und integeren Menschen. Sonst ist Freundschaft in aller Freundschaft nur Selbstzweck oder Kalkül.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski